Interne Vorgaben Prominenten den Tod zu wünschen, ist auf Facebook erlaubt

Beiträge, in denen es heißt, bestimmte Promis sollten tot sein, dürfen laut Facebook-internen Unterlagen mitunter stehen bleiben. Das kann heikel sein, auch wenn es sich nicht um Morddrohungen handelt.
»Calls for their death«: Interne Richtlinien von Facebook geleakt

»Calls for their death«: Interne Richtlinien von Facebook geleakt

Foto: Dado Ruvic / REUTERS

Personen des öffentlichen Lebens müssen es offenbar akzeptieren, dass man ihnen auf Facebook den Tod wünschen darf. Aussagen wie »diese Person sollte tot umfallen« dürften zumeist nicht gelöscht werden, sondern online bleiben. Das zumindest geht aus internen Richtlinien hervor, über die der britische »Guardian« berichtet .

Die Vorgaben richten sich an die sogenannten Content-Moderatoren, die für Facebook hinter den Kulissen eine wichtige Arbeit erledigen. Sie entscheiden täglich in vielen tausend Fällen darüber, was in dem sozialen Netzwerk gepostet werden darf und was gelöscht werden muss. Grundlage ihrer Entscheidungen sind eben solche Schulungsunterlagen und internen Richtlinien, wie sie dem »Guardian« nun zugespielt wurden.

Demnach sei es explizit erlaubt, Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, den Tod zu wünschen. »Calls for their death« lautet die Formulierung hierzu in den englischsprachigen Dokumenten laut dem Zeitungsbericht. Facebook bestätigte die Existenz der Dokumente gegenüber dem SPIEGEL. Die Richtlinien gelten auch für Deutschland, heißt es von dem Unternehmen.

Laut dem »Guardian« sei Facebooks Definition von Nutzerinnen und Nutzern, die als öffentliche Person gelten, relativ breit. So gelten die Regeln nicht nur für Politikerinnen und Politiker oder Prominente. Auch Personen, die eine große Anhängerschaft auf sozialen Netzwerken haben oder die unregelmäßig in der Lokalpresse auftauchen, würden demnach darunter fallen.

Man wolle »kritische Diskussionen ermöglichen, über Personen, die in den Nachrichten sind«, begründet Facebook die Regelung laut dem Bericht des »Guardian« in den Dokumenten. Daher würden für öffentliche Personen andere Regeln gelten als für private Konten, heißt es von Facebook auf SPIEGEL-Anfrage. Privatpersonen den Tod zu wünschen sei nicht erlaubt.

Todeswünsche mit Verlinkung sollen gelöscht werden

In bestimmten Fällen ist es aber offenbar doch nicht gestattet. So müssten entsprechende Postings gelöscht werden, wenn die Personen in dem Beitrag direkt markiert werden, teilt Facebook mit. Solche Verlinkungen sorgen dafür, dass die Betroffenen einen Hinweis auf den Beitrag in ihrem Facebook-Konto bekommen. Es sei davon auszugehen, dass sie dann eher Schaden davontragen könnten, weil sie dem Inhalt direkt ausgesetzt sind, heißt es vom Unternehmen.

Facebook unterscheidet außerdem zwischen Beiträgen, in denen öffentlichen Personen der Tod gewünscht wird und Beiträgen mit Morddrohungen oder Gewaltaufrufen. Es ist demnach nicht erlaubt, zum Mord an Politikern an Prominenten aufzurufen. Wie Facebook mitteilt, greifen in solchen Fällen die Richtlinien für »Gewalt und Anstiftung zu Gewalt« und nicht jene zu »Belästigung und Bullying«, über die der »Guardian« berichtet .

Welche Inhalte Facebook löscht, ist auch relevant für die geplante zentrale Meldestelle des Bundeskriminalamts (BKA), mit der der Staat demnächst verstärkt gegen Hass im Netz vorgehen will. Die großen sozialen Netzwerke sollen per Gesetz verpflichtet werden, an diese Zentralstelle bestimmte Inhalte und ihre Urheber zu melden, die gegen deutsches Recht verstoßen. Darunter auch Beiträge mit Anstiftungen zu Gewalt oder die Belohnung und Billigung von Straftaten. Allerdings dürften nur jene Inhalte an das BKA gemeldet werden, die von Facebooks Moderatoren auch gelöscht wurden.

Kontroverse Einzelfallentscheidungen

Eine Unterscheidung, ob ein Beitrag gelöscht werden muss oder online bleiben darf, dürfte nach den nun bekannt gewordenen Richtlinien für die Moderatoren oft schwer zu treffen sein. Wo die Grenze zwischen eher abstrakten Wünschen und konkreten Drohungen gezogen werden muss, kann eine komplizierte Einzelfallentscheidung sein, wie ein Blick auf den Fall von Walter Lübcke zeigt.

Schon vor seiner Ermordung wurde der CDU-Politiker im Netz massiv beleidigt und angegangen, aber auch lange danach finden sich im Netz bedrohliche Kommentare. So heißt es in einem Kommentar (in diesem Fall auf YouTube, nicht auf Facebook) in Anspielung auf Lübckes Aussagen gegenüber Gegnern der Flüchtlingspolitik: »Lübcke hat das Land verlassen – kein Fehler!« Nach dem Tod des CDU-Politikers könnte dies als Gutheißen von Gewalt eingeordnet werden und müsste möglicherweise gelöscht werden. Aber vor dem mörderischen Angriff auf Lübcke wäre ein ähnlicher Satz wohl entsprechend der nun öffentlich gewordenen Regelungen von Facebook online geblieben.

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