Zwei Timelines Facebook testet radikalen Newsfeed-Umbau

Facebook experimentiert in sechs Ländern mit seinem Newsfeed. Im Hauptfeed erscheinen vorerst nur noch Beiträge von Freunden - und bezahlte Postings. Für Medienseiten hat das drastische Folgen.
Stand auf einer Facebook-Konferenz

Stand auf einer Facebook-Konferenz

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Facebook sorgt mit einem Umbau seines Newsfeeds für Aufregung. In sechs Ländern testet der Konzern ein Feedsystem, bei dem die Postings von Freunden räumlich von den Postings von Medienseiten und Unternehmen abgegrenzt sind. Der Standard-Newsfeed ist dabei der mit den Postings von Freunden.

Die übrigen Inhalte, darunter auch die Beiträge mit "Gefällt mir" markierten Seiten, landen in einem Extra-Bereich, "Explore" genannt. Inhalte aus dem "Explore"-Bereich tauchen nur noch dann wieder im Hauptfeed auf, wenn Seitenbetreiber Geld in die Hand nehmen und gesponserte Postings schalten.

Der Test findet derzeit in Bolivien, Kambodscha, Guatemala, Serbien, Sri Lanka und der Slowakei statt. Dauern soll das Experiment einige Monate. Von Facebook heißt es bisher, man habe keine Pläne, das System global auszurollen. Ein Facebook-Blogpost zum Thema legt nahe , dass sich Facebook nach Berichten im Netz gezwungen sah, noch einmal klarzustellen, was es mit dem Test auf sich hat.

Explore - wie bitte?

Zur Verwirrung mancher Berichterstatter wie Nutzer trägt bei, dass unter dem Stichwort "Explore Feed" gerade erst ein weiteres, anders gelagertes Newsfeed-Experiment Schlagzeilen machte: In Deutschland und anderen Ländern gibt es seit Kurzem den sogenannten Entdeckerfeed. Hier werden dem Nutzer populäre Beiträge von Seiten, denen er nicht folgt, empfohlen.

Facebooks Test in den sechs Ländern macht nun vielen Medienunternehmen und Betreibern von Facebook-Seiten Sorgen: Sie befürchten, dass ihre Inhalte künftig enorm an Reichweite verlieren könnten, sollte das Facebook-Experiment gut ankommen und dann vielleicht auch in anderen Ländern Folgen haben.

Läuft es schlecht für sie, könnten sich die Publisher langfristig gezwungen sehen, mehr Geld für gesponserte Postings in die Hand zu nehmen. Solche Postings sind schon jetzt ein Weg, prominenter im Newsfeed aufzutauchen.

Weniger Interaktionen als zuvor

In der Slowakei hatte der Facebook-Test bereits merkliche Folgen: Dem Journalisten Filip Struhárik zufolge  berichteten einige Betreiber von Facebook-Seiten, dass ihre Reichweite im Netzwerk durch das Experiment zunächst deutlich gesunken sei. Struhárik hat außerdem festgestellt, dass die 60 größten Medienseiten aus der Slowakei nur noch ein Viertel so viele Interaktionen hatten wie in den Tagen zuvor.

"Wenn du die Postings deiner Facebook-Seite im alten Newsfeed sehen willst, musst du bezahlen", schreibt Struhárik. Später merkte er jedoch unter seinem Blogpost noch an, dass Facebooks Experiment auf den Traffic der größten slowakischen Medienseiten offenbar keinen großen Einfluss gehabt hat. Einen Nachteil hätten eher kleinere Medienseiten.

Ideen zum Newsumbau testet Facebook immer mal wieder - mal in bestimmten Ländern, mal mit bestimmten Nutzergruppen. Im Mai 2016 etwa konnten wir zufällig eine Version des Netzwerks ausprobieren, die zu Schlagworten wie "Lustig", "Politik" und "Fernsehen & Filme" jeweils eigene Feeds bot.

Durchgesetzt hat sich dieser Ansatz offenbar nicht. Insofern ist es auch beim neuen Experiment Facebooks schwer abzusehen, ob und welche Folgen es für deutsche Nutzer haben wird. Grundsätzlich besteht Facebooks Ziel vor allem darin, Nutzer möglichst lange in seinem Dienst zu halten, damit es ihnen dabei Werbung anzeigen kann.

juh/mbö/Reuters
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