Facebook-Daten im US-Wahlkampf Unbemerkt ausgespäht

Eine geheimnisvolle Analysefirma soll Facebook-Profile für Donald Trumps Wahlkampf genutzt haben. Den Whistleblower, der diese Vorwürfe erhebt, hat der Konzern ausgesperrt. Im Streit mit US-Politikern wird das nichts nützen.

Christopher Wylie ist dafür verantwortlich, dass eine neue Kontroverse um Facebook-Nutzerdaten und die Verstrickung der Plattform in den US-Präsidentschaftswahlkampf entbrannt ist. Nun hat Facebook den zum Whistleblower avancierten Ex-Mitarbeiter der umstrittenen Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica offenbar von seinen Angeboten verbannt.

Das teilte Wylie auf Twitter  mit. Gesperrt ist demnach  nicht nur sein Facebook-Konto, sondern auch die Accounts bei den Facebook-Unternehmen Instagram und WhatsApp. Facebook begründete  die persönliche Sperre für Wylie damit, dass auch er Verantwortung für den illegalen Abgriff von Nutzerdaten aus dem sozialen Netzwerk habe. Der Konzern steht angesichts der jüngsten Enthüllungen erneut unter politischem Druck, vor allem in den USA.

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Was ist passiert?

Wylie ist der Kronzeuge für Berichte der "New York Times " und des "Observers ", die am Wochenende veröffentlicht worden sind. Wylie beschreibt darin, wie Cambridge Analytica 50 Millionen Facebook-Profile illegal ausgewertet haben soll - ohne Wissen und Zustimmung der Nutzer.

Das Ziel der Firma: Sie wollte eine Software mit privaten Daten wie der sexuellen Orientierung, dem geschätzten IQ und vermuteten Kindheitstraumata der Facebook-Nutzer füttern. So sollten psychografische Profile von Millionen Menschen entstehen, die Cambridge Analytica zu Geld machen wollte.

Der wohl prominenteste Kunde der Datenspezialisten: Donald Trump. Die Firma sollte ihm im Wahlkampf 2016 helfen, mit Facebook-Anzeigen gezielt seine Anhänger zu mobilisieren und potenzielle Wähler der Gegenkandidatin Hillary Clinton abzuschrecken.

Die aus den Facebook-Daten erstellten Persönlichkeitsprofile hätten der Firma "erlaubt, in die Herzen und Köpfe von amerikanischen Wählern zu sehen wie es niemals zuvor möglich war", sagte Wylie, 28, in einem Fernsehinterview mit einem britischen Sender am Wochenende. Er arbeitete früher selbst bei Cambridge Analytica. Laut Medienberichten soll der Datenanalyst die Firma sogar mitgegründet haben - eine Aussage, die das Unternehmen dementierte . Wylie habe lediglich als externer Auftragnehmer gearbeitet.

Wie reagierte Facebook auf die Enthüllungen?

Das soziale Netzwerk geht nicht nur gegen Wylie persönlich vor. In einer Stellungnahme  hatte das Unternehmen am Wochenende erklärt, Cambridge Analytica und deren Mutterfirma Strategic Communication Laboratories (SCL) den Zugriff auf seine Plattform gekappt zu haben. Man sei ausgetrickst und belogen worden, weist Facebook die Verantwortung für den Vorfall zurück. Cambridge Analytica habe sich die Daten illegal beschafft  und gegen Facebooks Richtlinien verstoßen. Bei einem Großteil der 50 Millionen Nutzerprofile seien nur wenige Basisinformationen zugänglich gewesen, relativierte Facebook außerdem die Vorwürfe.

Nur von rund 270.000 Nutzern habe Cambridge Analytica vertiefte Informationen erhalten. In Erwartung eines Persönlichkeitstests hätten die betroffenen Nutzer ab Juni 2014 die scheinbar harmlose App thisisyourdigitallife heruntergeladen und ihr Zugriffsrechte auf das eigene Facebook-Konto eingeräumt. Facebook hatte dies dem Entwickler der App, dem Cambridge-Wissenschaftler Aleksandr Kogan, erlaubt.

Kogan aber habe Facebook "belogen" und das Vertrauen der Nutzer in seine App ausgenutzt, beschreibt Facebook den Weg der Daten weiter. Der Wissenschaftler habe die so gesammelten Daten regelwidrig an Cambridge Analytica weitergegeben. Als Facebook im Jahr 2015 davon Wind bekam, habe man von dem Unternehmen und Kogan die Zusicherung eingefordert, dass alle Daten gelöscht worden seien. Dabei sei man erneut belogen worden.

Die in den Medienberichten genannte Zahl von 50 Millionen betroffenen Nutzern könnte sich dadurch erklären, dass die App thisisyourdigitallife auch Daten der Facebook-Freunde ihrer Nutzer abgreifen konnte. Auf den US-Wahlkampf geht Facebook in seiner Stellungnahme nicht ein.

Warum ist Cambridge Analytica so umstritten?

Kurz nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten tauchte der Name Cambridge Analytica zum ersten Mal in den Medien auf: Der Schweizer "Tagesanzeiger" schrieb der Datenfirma im Dezember 2016 zu, maßgeblich an Trumps Erfolg beteiligt gewesen zu sein. Dank der Analysen der Firma habe das Trump-Team auf Facebook maßgeschneiderte Anzeigen ausspielen können. Alexander Nix, der Chef der Firma, prahlte, man habe "Psychogramme von allen erwachsenen US-Bürgern, 220 Millionen Menschen" erstellt.

Tatsächlich heuerte Trump die Firma im Sommer 2016 an, für ihre Dienste soll sie rund 6,2 Millionen Dollar erhalten haben. Belege für die Wirksamkeit der Analysen von Cambridge Analytica gibt es aber nicht. Auch der "Tagesanzeiger" lieferte wenig mehr als Geraune über den geheimnisvollen Big-Data-Ansatz.

Die nun enthüllten Profile seien nicht für den Trump-Wahlkampf eingesetzt worden, verteidigte das Unternehmen seine Arbeit  und verwies auf die Verantwortung einer anderen Firma, mit der man zusammengearbeitet habe. Man kooperiere mit Facebook, um die aktuellen Vorwürfe zu entkräften, und besitze keine illegalen Nutzerdaten. Auf Twitter verteidigte das Unternehmen  gleichzeitig seine Arbeit für Trump - auch die Kampagne von Barack Obama im Jahr 2012 habe schließlich auf einen viel gerühmten datenbasierenden Wahlkampf gesetzt.

Prompt meldete sich der damalige Verantwortliche zu Wort und unterstellte der Firma, mit unlauteren Mitteln zu arbeiten - anders als das damalige Obama-Team.

Was bedeutet die Enthüllung für Facebook?

Die Facebook-Aktie verlor zum Börsenstart in den USA am Montag mehr als sechs Prozent - ein deutliches Minus, das es so lange nicht mehr gegeben hat für den Konzern. Und auch wenn der Bezug der Enthüllungen zum Trump-Wahlkampf unklar ist und Cambridge Analytica dementiert, dass eine Verbindung besteht: Der Vorfall lässt den politischen Druck auf Facebook in den USA und darüber hinaus weiter steigen.

Der Internetkonzern musste sich - wie auch Google und Twitter - vor wenigen Monaten bereits mehreren Anhörungenin Washington DC, stellen. Damals ging es um die Frage, ob die Plattformen dabei versagten, gegen eine versuchte russische Einflussnahme auf die US-Präsidentschaftswahlen vorzugehen. Kleinlaut musste Facebook gegenüber sichtlich aufgebrachten Politikern Versäumnisse eingestehen.

Fotostrecke

Veröffentlichung des US-Senats: So sahen die russischen Facebook-Anzeigen aus

Foto: U.S. House of Representatives

Nun könnte es für Facebook noch schwieriger werden, eine strenge regulierende Gesetzgebung abzuwenden. Nach Wylies Enthüllungen äußerten mehrere US-Politiker erneut ihr Missfallen über den Konzern. "Das ist ein grober Verstoß, er muss dringend untersucht werden", twitterte etwa die Senatorin Amy Klobuchar von den Demokraten. Es sei eindeutig, dass sich Facebook nicht selbst regulieren könne. Mark Zuckerberg persönlich solle sich verantworten, forderte sie.

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Der demokratische Senator Mark Warner sagte: "Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass es bei politischen Anzeigen im Internet zugeht wie im Wilden Westen." Ohne Regulierung könne keine Transparenz hergestellt werden, und es bestehe weiter die Gefahr, dass Nutzer und Wähler in die Irre geführt würden. Wie die "Washington Post" berichtet , könnten Facebook zudem empfindliche Geldstrafen drohen.

Die EU-Justizkommissarin Vera Jourova setzte das Thema auf die Agenda ihrer anstehenden USA-Reise und plant Gespräche mit der US-Regierung und Facebook. In einem Statement rügte die EU-Kommission den möglichen Datenmissbrauch als "inakzeptabel".

mit Material von AP, dpa
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