Vorfall in Minnesota Polizist schießt auf Schwarzen - Freundin startet Livestream auf Facebook

Im US-Bundesstaat Minnesota ist ein schwarzer Autofahrer von einem Polizisten erschossen worden. Seine Freundin im Wagen griff nach den Schüssen zum Handy - und streamte live.

Facebook/ Lavish Reynolds/ YouTube

Nur einen Tag nach den tödlichen Polizeischüssen auf Alton Sterling in Louisiana hat in den USA erneut ein Beamter einen Schwarzen erschossen. Der Vorfall ereignete sich in Falcon Heights in Minnesota. Die Freundin des Opfers streamte per Handy live über Facebook ein Video, das sie offenbar kurz nach den Schüssen noch aus dem Auto heraus startete.

Darin ist ihr schwer verletzter, blutender Freund neben ihr zu sehen sowie ein aufgewühlter Polizist mit gezückter Waffe am Seitenfenster des Wagens. Laut Berichten lokaler Medien soll es sich bei dem Mann um Philando Castile handeln, einen 32-Jährigen. Das Video soll seine Freundin Lavish Reynolds aufgenommen haben.

Die Polizei hat den Vorfall bislang nur kurz und eher allgemein kommentiert: Demnach sei der Mann während der Kontrolle gegen 21 Uhr Ortszeit (4 Uhr deutscher Zeit) durch Schüsse verletzt worden. Später sei er im Krankenhaus gestorben.

Laut Aussage seiner Freundin im Video wurde drei, vier Mal auf Philando Castile geschossen, angeblich, als er nach seinem Führerschein griff. Die Frau wirft dem Polizisten im Video vor, dass ihr Freund darauf hingewiesen habe, dass er eine legale Feuerwaffe besitze. Der Polizist habe ihn zuvor dazu aufgefordert, sich auszuweisen. Angehalten worden sein soll Castiles Wagen wegen eines defekten Rücklichts. Die Polizei habe ohne ersichtlichen Grund auf ihren Freund geschossen, sagt die Frau mehrmals in Richtung Kamera.

Ein Stream, der Kontrolle zurückgibt

Ihr Video beginnt erst nach den Schüssen, aus dem Clip geht daher nicht hervor, was genau bei der Kontrolle passiert ist, und unter welchen Umständen der Polizist die Schüsse abgegeben hat. Fast alles, was man bisher über den Fall weiß, weiß man von Reynolds.

Facebooks Livevideo-Funktion
Was ist Facebook Live?
Seit wenigen Monaten können Nutzer auf Facebook Livevideos streamen, die sie selbst mit dem Smartphone aufnehmen. Ist der Livestream beendet, lässt sich das Video weiter ansehen. Facebook will Nutzer mit der neuen Funktion ermutigen, mehr Videos zu produzieren.
Warum ist die Funktion umstritten?
Netzwerke wie Facebook haben mit derartigen Livevideo-Funktionen einen Kanal geschaffen, den sie nur schwer kontrollieren können. Weil die Videos in Echtzeit gestreamt werden, können die Plattformen nur schwer gegen Missbrauch vorgehen. Innerhalb der ersten Monate nach der Einführung haben mehrere Videos Kritik an der Funktionsweise des Features hervorgerufen:

· Im Juli wurden drei Männer im US-Bundesstaat Virginia angeschossen und schwer verletzt, während ein Facebook-Livestream lief. Er zeichnete unter anderem das Eintreffen der Rettungssanitäter auf der Tonspur auf, das Bild war schwarz, nachdem das Handy nach den Schüssen zu Boden gefallen war.

· Im Juni startete Larossi Abballa einen Livestream aus dem Pariser Vorort Magnanville, nachdem er den Polizisten Jean-Baptiste Salvaing und seine Frau umgebracht hatte. Abballa filmt sich in der Wohnung seiner Opfer, bekennt sich zur Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) und ruft zu weiteren Morden auf. Facebook löschte den 13-minütigen Clip später.

· Im Juni streamte ein Mann aus Chicago ein Facebook-Video von sich im Park und nahm unfreiwillig tödliche Schüsse auf sich selbst auf.

· Im März hatte ein Mann aus Chicago ebenfalls eine Szene gestreamt, in der mehrere Schüsse fallen. Das Handy fällt zu Boden und man sieht, wie ein Mann mit gezückter Waffe an der Kamera vorbeiläuft und mehrere weitere Schüsse abfeuert.
Hat nur Facebook das Problem?
Nein, auch andere Netzwerke, die auf Livevideos setzen, können die Inhalte auf ihren Kanälen nur schwer kontrollieren. Dazu gehören zum Beispiel die Livestreaming-App Periscope oder der Livevideo-Kanal Twitch.

· Im Mai streamte eine junge Französin ihren Suizid per Periscope.

· Im April wurde eine Amerikanerin angeklagt, nachdem sie ein Periscope-Video gestreamt hatte, auf dem zu sehen war, wie ihre Freundin vergewaltigt wurde.

· Im Oktober veröffentlichte eine junge Amerikanerin auf Periscope, wie sie betrunken Auto fährt. Mehrere Zuschauer alarmierten damals die Polizei.
Was sagt das Netzwerk selbst?
"Wir verstehen und erkennen die einzigartigen Herausforderungen, die Livevideos in Sachen Sicherheit mit sich bringen", sagte eine Sprecherin nach dem Polizistenmord von Paris. Facebook hat nach dem Vorfall angekündigt, sein Team zu vergrößern, das die Inhalte von Livevideos prüft. Facebook bearbeitet laut eigener Aussage Millionen von Nutzerhinweisen jede Woche, meistens innerhalb von 24 Stunden. Wenn Facebook zum Beispiel dank Nutzerhinweisen ein Video entdeckt, das gegen seine Richtlinien verstößt, kann der Konzern den Livestream stoppen und das Video entfernen. Außerdem testet man offenbar eine automatisierte Überprüfung von besonders beliebten Videos.

Über die noch recht neue Facebook-Livefunktion ist zuletzt viel diskutiert worden, unter anderem Mitte Juni, nachdem ein Täter im Pariser Vorort Magnanville unmittelbar nach einem Polizistenmord einen Livestream gestartet hatte. In Magnanville war das Live-Video quasi ein Terrorhelfer, in Falcon Heights gab der Stream einer Bürgerin dagegen ein wenig Kontrolle über die Situation zurück. In einer chaotischen, komplizierten, überfordernden Lage, in die niemand kommen will, hatte sie durch ihren Livestream vielleicht das Gefühl und die reale Chance, nicht allein und ungehört zu sein.

"Es ist okay, Mommy"

Im Laufe ihres zehnminütigen Videos wird die live streamende Freundin aufgefordert, das Auto zu verlassen. Eine Zeit lang liegt das Handy daraufhin auf dem Boden, man sieht nur den Himmel und hört die Stimmen vor Ort. Dann wird kurzzeitig das Bild schwarz, bevor sich Reynolds wieder vom Rücksitz eines Polizeiwagens aus meldet und die Kamera auf sich richtet.

"Mein Akku ist gleich leer", sagt die Frau. Sie erzählt noch einmal, wie sie das Geschehen erlebt hat, inklusive grober Beschreibung des Polizeibeamten. Sie brauche eine Fahrt nach Hause, sagt sie und ruft etwaige Zuschauer in ihrem Facebook-Newsfeed auf, vorbeizukommen. "Ich weiß nicht, wie es meinem Freund geht - ich weiß nicht, ob er okay ist oder nicht", sagt sie. Am Ende des Clips hört man noch ihre Tochter, die während der Schüsse offenbar hinten im Auto saß: "Es ist okay, Mommy, ich bin hier bei dir."

Clip gesperrt und nun wieder da

US-Medien zufolge ist das Video der Freundin am Mittwochabend zunächst von Facebook entfernt worden, nachdem es eine gewisse Zeit abrufbar war. Mittlerweile steht der Clip aber wieder online, mit einem Warnhinweis, dass es sich um ein "explizites" Video handelt: Solche Videos könnten schockieren, kränken und verärgern, heißt es. Der Clip kommt trotzdem auf 1,7 Millionen Abrufe, er wurde fast 200.000-mal geteilt.

Auf YouTube finden sich zahlreiche Kopien des Videos. Und auch wenn sich die Authentizität der Clips von außen nicht hundertprozentig belegen lässt, deutet alles darauf hin, dass das Video keine Fälschung ist, etwa die Ortsangabe auf Facebook und der Veröffentlichungszeitpunkt.

Ein Mensch ist erschossen worden - und durch Facebook Live beginnt die Debatte darüber nicht mit einer kleinen Polizeimeldung aus Minnesota oder empörten Reaktionen, sondern mit einem Livestream von vor Ort, der den Zuschauer extrem nah an das Geschehen heranholt.

SPIEGEL ONLINE

mbö/Reuters



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