Offener Brief Liebes Facebook, vielen Dank - aber ich habe bereits eine Mutter

Facebook gehört für viele Nutzer schon fast zur Familie. Unserem Autor geht die Bemutterung durch das soziale Netzwerk inzwischen allerdings ein bisschen zu weit.
Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

Liebes Facebook!

Es ist ja einerseits sehr schön, dass Du Dir so viele Gedanken darüber machst, was ich wollen könnte und tun sollte. Andererseits fühle ich mich langsam etwas bevormundet.

Zunächst - aber ich muss gleich um Verzeihung bitten, wenn ich das chronologisch nicht ganz korrekt auf die Reihe bekomme, allerdings schaffst Du das ja auch nicht mehr und präsentierst in meiner immer noch sogenannten Timeline eine sehr eigenartige Chronologie, durcheinander geschüttelt von vorgestern bis gerade eben (Du nennst das wahrscheinlich "Algorithmus", aber das macht es nicht besser).

Zunächst jedenfalls waren es ja nur Deine Geburtstagserinnerungen, die mich dazu aufforderten, den Menschen zu gratulieren, mit denen ich facebookfreundschaftlich verbunden bin. Nun ja, störte ja nicht, bekam halt dieser alte Bekannte, den ich ohne Dich längst und womöglich mit gutem Grund vergessen hätte, einen kurzen Glückwunsch, schadete ja nichts. Und an den einen oder anderen wirklich wichtigen Geburtstag hast Du mich tatsächlich erinnert. Vielen Dank.

Aber dann, womöglich einige Systemupdates und unvorsichtige Klicks meinerseits später, hatte sich diese Geburtstagsfunktion auch noch tief in meinen Kalender gefressen und sitzt dort jetzt fest. Sie erinnert mich bereits eine Woche vorher täglich daran, dass demnächst irgendeine obskure Person Geburtstag haben würde, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe.

Und seit Neuestem wird mir von Dir schon Tage vor dem für mich wirklich nicht großen Ereignis penetrant angeraten, nicht nur zu gratulieren, sondern der nachlässig zur Freundesliste hinzugefügten Bekanntschaft bereits im Vorfeld beim Feiern zu helfen. Ich bin da aber ganz schlecht drin und ehrlich gesagt habe ich daran auch kein Interesse.

Seither wirst Du immer aufdringlicher. Kein Bild kann ich mehr mit meinem Smartphone knipsen, ohne beim nächsten Blick in Deine App eine Zusammenstellung der letzten Schnappschüsse präsentiert zu bekommen, nur einen Klick entfernt von der Teilung mit all den Leuten in meiner Freundesliste. Auch kann ich keine fünf Schritte mehr aus dem Haus machen, ohne meine Freundchen darüber informieren zu sollen, dass ich gerade die Stadt gewechselt habe.

Könnte es sein, dass Du mich für etwas doof hältst?

Als ich dann schon dachte, jetzt übertreibst Dus aber, kam die Fußball-EM. Und was soll ich sagen: Du nervtest unerträglich. Ständig sollte ich der Welt mitteilen, dass ich gerade ein bestimmtes Spiel anschaue. Der Höhepunkt war nach dem Finale erreicht: Du wolltest allen Ernstes, dass ich das Ergebnis poste. Liebes Facebook, damit das klar ist: Jeder Mensch, der sich dafür interessierte, dass Portugal Europameister geworden ist, wusste das bereits ohne Dich (und mich). Willst Du etwa, dass ich mich bei meinen Bekannten lächerlich mache?

Liebes Facebook, ich mag Dich. Seit 2007 bin ich bei Dir registriert und benutze Dich seither gerne und viel. Aber in letzter Zeit beschleicht mich ein Eindruck, der unsere Beziehung nachhaltig stören könnte: Könnte es vielleicht sein, dass Du mich für etwas doof hältst? Dass Du mir nicht zutraust, selbst auf die Idee zu kommen, was ich tun und lassen will?

Es mag ja sein, dass Dein Chef Mark Zuckerberg gerade merkt, wie schön es ist, Vater zu sein - aber deshalb musst Du doch nicht anfangen, Dich so zu verhalten, als seist Du meine etwas zu engagierte Mutter (während meine echte übrigens erfreulicherweise wesentlich diskreter ist als Du): "Magst Du nicht den Andreas anrufen? Der hat doch bald Geburtstag! Das sind aber schöne Fotos, zeig die doch mal Deinen Freunden! Ach, Du warst bei uns in der Stadt? Warum meldest Du Dich denn nicht? Zeig doch mal, aha, wäre das nicht praktisch, wenn ich mal schnell alle Deine Kontakte bei mir einordne?"

Ja, das wäre vielleicht praktisch. Aber nein, ich will das nicht. Jedenfalls jetzt nicht. Sondern vielleicht irgendwann mal, wenn ich selbst auf die Idee komme. Bis dahin lass mich gefälligst in Frieden.

Ansonsten werde ich leider bald tun müssen, was Kinder allzu behütender Eltern eben tun: Sie nabeln sich ab und suchen das Weite.

Herzlich,

Stefan

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