Von Facebook gelöscht Wie spirituelle Botschaften die US-Gesellschaft spalten sollten

32 Seiten und Konten hat Facebook gerade gelöscht, weil sie offenbar die politische Stimmung in den USA manipulieren sollten. Beispiele zeigen, wie solche Versuche funktionieren.
Von Facebook entfernter Inhalt des Accounts "Mindful Being"

Von Facebook entfernter Inhalt des Accounts "Mindful Being"

Wenn Facebook in einem Blogpost  von "bad actors" spricht, sind damit nicht schlechte Schauspieler gemeint. Aber wer dann? Und wenn das Unternehmen, so wie am Dienstag geschehen, 32 Facebook-Seiten und Konten solcher "Akteure" auf Facebook und Instagram wegen "koordinierten nicht authentischen Verhaltens" entfernt, was soll das dann heißen?

Facebook formuliert in diesem Fall sehr vorsichtig und spricht nur von "Menschen oder Organisationen, die Netzwerke aufbauen, um andere über ihre Identitäten und Ziele zu täuschen". Denn die Sicherheitsteams wollen zwar einige technische Hinweise entdeckt haben, die auf einen erneuten russischen Missbrauchsversuch seiner Plattformen hindeuten, so wie zwischen 2015 und 2017.

Aber es sind nicht genug belastbare Indizien, um öffentlich zu sagen: Die Russen versuchen schon wieder, unsere Wahlen zu beeinflussen. In diesem Fall wären das die Zwischenwahlen (Midterms), in der Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten. Dabei werden alle 435 Sitze des US-Repräsentantenhauses und 35 von 100 Sitzen im Senat neu gewählt.

Derart konkrete Zuschreibungen und Interpretationen überlässt Facebook lieber anderen. Zum Beispiel dem Atlantic Council und dessen Digital Forensic Research Lab.

"Communitys des linken Flügels infiltrieren"

Die nach eigenen Angaben überparteiliche Denkfabrik arbeitet mit Facebook zusammen, um Desinformationskampagnen in Wahlkämpfen aufzudecken. Sie hat die fraglichen Konten und ihre Inhalte analysiert, die Botschaften, die Rechtschreibung, das Zielpublikum. Ihre Ergebnisse  müssen nicht einmal im Detail korrekt sein, um ein Bild davon zu zeichnen, von was für perfiden und langfristig ausgelegten Manipulationsversuchen in sozialen Netzwerken die US-Amerikaner ausgehen.

Mit plumpen, einseitigen Aufrufen wie "Wählt XY, denn er/sie ist sehr gut" hat das nichts zu tun. Es geht vielmehr um die Destabilisierung der ganzen Gesellschaft und damit die Schwächung eines Landes. Die Analysten des Atlantic Council glauben, dass die "möglicherweise, aber nicht sicher aus der russischsprachigen Welt" stammenden Betreiber der von Facebook entdeckten Seiten und Konten

  • "die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft vorantreiben und Amerikaner gegen einander aufbringen",
  • "die aufwieglerischsten Impulse politischer Stimmungen katalysieren",
  • und "amerikanische Communitys des linken Flügels infiltrieren" wollen.
Facebook-Post der "Resisters"

Facebook-Post der "Resisters"

Die Konten, Seiten und Botschaften richteten sich offenbar tatsächlich nur an linke beziehungsweise Trump-kritische Empfänger. Der Account der "Resisters" etwa, überwiegend fokussiert auf Themen wie Gender, Rassismus und Menschenrechte, postete unter anderem ein Bild des US-Präsidenten mit seinem Smartphone und der Beschriftung "Wenn Trump wirklich Obamas Twitter-Rekord für die meisten Likes brechen will, muss er nur schreiben: Ich trete ab". Die "Resisters" riefen aber auch eine Veranstaltung ins Leben, es war ein Aufruf, den Sitz der Einwanderungsbehörde (ICE) in Washington, D.C., zu "übernehmen".

Bemerkenswert an den Posts der Organisation waren laut Atlantic Council "die wiederholten sprachlichen Fehler, die untypisch für Amerikaner, aber charakteristisch für Menschen sind, deren Muttersprache Russisch ist". Schwierigkeiten mit Verbformen und fehlende Artikel nennen die Analysten als Beispiele. Solche Fehler hätten auch geholfen, nachträglich russische Trolle auf Facebook zu identifizieren, die zwischen 2014 und 2017 die USA "ins Visier genommen" hätten.

"Aztlan Warriors" auf Facebook

"Aztlan Warriors" auf Facebook

Die "Aztlan Warriors" wiederum, einen Tag vor den "Resisters" auf Facebook angemeldet, sollten offenbar den historischen, zentralamerikanischen Hintergrund der heutigen Lateinamerikaner hervorheben. Viele Botschaften, schreibt der Atlantic Council, seien darauf ausgelegt gewesen, "das Leiden amerikanischer Ureinwohner und der Hispanics durch Weiße im Allgemeinen und die Trump-Regierung im Speziellen zu betonen". Einige hätten die Option eines gewaltvollen Widerstands zumindest angedeutet.

Gepostet vom Facebook-Konto "Mindful Being"

Gepostet vom Facebook-Konto "Mindful Being"

Schwerer zu deuten war für die Analysten die Seite "Mindful Being", die kaum politische Inhalte verbreitete, sondern Spiritualität und Gesundheit zu ihren Themen zählte - abgesehen von vereinzelten Posts über angeblich gefährliche "von der Regierung bewilligte Nachrichten der Mainstream-Medien". Immerhin 900 andere Facebook-Nutzer verfolgten die Posts der Seite.

Wirkung solcher Manipulationsversuche ist kaum messbar

Woran Facebook die Seite als "nicht authentisch" erkannt haben will, wissen die Analysten nicht. "Mindful Being" habe sich verhalten, als ob es zunächst ein größeres Publikum anziehen und dieses später mit offensichtlicheren politischen Botschaften konfrontieren wolle. Das hätten russische Trolle schon früher versucht. Aber ebenso gut könne die Seite legitim sein.

Wenn schon der Ursprung der Seiten und Konten sowie deren Absichten dermaßen uneindeutig sind, dann sind es die Effekte erst recht. Ob und wie die Stimmungsmache in den sozialen Medien, die manchmal als Teil eines Informationskriegs  bezeichnet wird, wirklich funktioniert, ist schwer messbar. Aber immerhin war der Versuch den Betreibern insgesamt rund 11.000 Dollar wert - so viel zahlten sie für Anzeigen und damit mehr Aufmerksamkeit auf Facebook und Instagram.

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