Hetze im Netz Facebook will gegen Fake-Überschriften vorgehen

Es ist kinderleicht, Überschriften von Medienberichten auf Facebook zu manipulieren. So werden immer wieder Desinformation und Hetze betrieben. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen will das Netzwerk nun etwas dagegen unternehmen.

Das neueste Opfer ist das "Handelsblatt". Die Wirtschaftszeitung erlebte in dieser Woche, wie schnell sich Machtverhältnisse im Netz wegen einer kleinen Facebook-Funktion umkehren können.

In einer Gruppe namens "Deutschland DECKT AUF" mit Hang zu Großschreibung, Rechtschreibschwäche und Horrormeldungen über Flüchtlinge, wurde ein Artikel aus dem "Handelsblatt" gepostet und dabei die Überschrift verfälscht: "Regiobahn führt Frauenabteile ein, wegen Übergriffe durch Flüchtlinge", hieß es fortan. Dabei kam im Originaltext das Wort "Flüchtlinge" kein einziges Mal vor - etwaige Übergriffe hatte es sowieso nicht gegeben. Die erfundene Überschrift mit ihrem vermeintlichen "Handelsblatt"-Bezug machte nun aber die Runde.

Tina Halberschmidt, Social-Media-Chefin der Zeitung, versuchte, das klarzustellen. Ihre entsprechenden Hinweise auf der "Deutschland DECKT AUF"-Seite wurden jedoch gelöscht, der Account des "Handelsblatts" wurde von der Seite verbannt. Die Zeitung veröffentlichte am Mittwoch mehrere Tweets und Facebook-Posts, um sich von der Manipulation zu distanzieren .

Zu solchen Verfälschungen von Medienberichten ist es im Zuge der Flüchtlingskrise immer wieder gekommen. Der erste größere Fall, im August 2015, betraf SPIEGEL ONLINE. Zuletzt erwischte es auch die Münchner "Abendzeitung"  - die Fälle stellen Verlage vor ein neues Problem. Grund dafür ist eine kleine Facebook-Funktion, mit der es ganz leicht ist, Überschriften auch fremder Seiten zu verändern.

Ein einfacher Klick - schon steht die Fake-Zeile

Die Überschriftenmanipulation ist nur eine von vielen Möglichkeiten, im Netz zu fälschen und zu desinformieren, Hass oder Angst zu schüren. Sie ist aber die einfachste. Jeder Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann mit einem einfachen Klick auf die Überschrift diese ändern (auf privaten Profilen geht das nicht).

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Facebook ist das Problem inzwischen bekannt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE will das Netzwerk nun gegensteuern. "Wir arbeiten daran, diese Funktion zu ändern", heißt es auf Anfrage. Man wolle "dabei helfen, dass Medieninhalte nicht verfälscht werden".

Es gehe darum, "dass künftig nur noch die Fanpages der Medienhäuser ihre eigenen Links editieren können". Dabei bleibt unklar, wann die fragliche Funktion verändert werden soll. Es ist zu hören, dass man mit Hochdruck an der Änderung arbeite.

Social-Media-Redakteure, auch bei SPIEGEL ONLINE, schätzen die Funktion, um manchen der eigenen Überschriften auf Facebook einen etwas anderen Klang zu verleihen - Inhalte werden dabei aber nicht geändert. Doch sie ermöglicht eben auch Missbrauch.

Eigentlich klingen Fake-Zeilen aus der rechtspopulistischen Ecke oft hanebüchen. Im Falle der "Deutschland DECKT AUF"-Manipulation (einer Seite, die sich der "WAHRHEIT" verschrieben hat) ist die falsche Grammatik auffällig.

Wie Pegida eine SPIEGEL-ONLINE-Überschrift fälschte

Unrealistisch klang die Wortwahl auch, als die islamfeindliche Pegida-Bewegung im August die SPIEGEL-ONLINE-Meldung über Flüchtlinge in Mazedonien mit der Fake-Überschrift "Asylbetrüger besteigen Eurocity aus Mazedonien Richtung Germany" versah.

Doch für Medien sind auch solch plumpe Manipulationen ein Problem. Facebook funktioniert ebenso wie Twitter über Emotion und Reflex - eine vermeintliche Meldung ist schnell geteilt und kommentiert, ohne dass der Originalartikel überhaupt angeklickt wird. Deshalb werden jene Medien nervös, die mit ihren Anreißern auf Facebook eben nicht rechtspopulistische Reflexe bedienen wollen.

Ihnen bleibt immerhin der juristische Weg - wenn die Betreiber der Facebook-Seiten, die die Überschrift manipulieren, denn ermittelt werden können. SPIEGEL ONLINE forderte Pegida damals auf, das Posting zu löschen, was nach wenigen Stunden auch geschah. Die "Abendzeitung" beauftragte eine Anwaltskanzlei, daraufhin gab die AfD Nürnberg eine Unterlassungserklärung ab. Doch die Seite "Deutschland DECKT AUF" verfügt über kein Impressum.

Auf Facebook selbst gibt es bislang keinen passenden Meldeweg, um einen Beitrag mit verfälschter Überschrift entfernen zu lassen. Die Meldeoption "Es ist eine falsche Nachrichtenmeldung" führt lediglich zu den Auswahlmöglichkeiten "Blockieren" und "Verbergen" sowie zu der Option, den Urhebern eine Nachricht zu senden. Eine Meldung an Facebook konnte man damit bislang nicht absetzen.

Und so meldete die zuständige "Handelsblatt"-Redakteurin Halberschmidt zunächst die Seite "Deutschland DECKT AUF" an Facebook - und erhielt die standardisierte Antwort, dass die Seite, die regelmäßig gegen Flüchtlinge hetzt, "nicht gegen die Gemeinschaftsstandards" der Plattform verstoße. Mittlerweile heißt es bei Facebook, man prüfe den Beitrag mit der gefälschten Überschrift erneut.