Streit um manipulierte Aufnahme Zuckerberg verteidigt Entscheidung, Pelosi-Video nicht zu löschen

Facebook hat zu lange gebraucht, um ein manipuliertes Video mit US-Politikerin Nancy Pelosi als Fälschung zu erkennen, sagt Mark Zuckerberg. Er verteidigt aber das Vorgehen, den bearbeiteten Clip nicht von der Plattform zu nehmen.

Mark Zuckerberg beim Verlassen des Elysee Palast in Paris
Aurelien Meunier/ Getty Images

Mark Zuckerberg beim Verlassen des Elysee Palast in Paris


Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat eingeräumt, dass seine Plattform zu lange dafür gebraucht hat, ein manipuliertes Video, in dem US-Oppositionschefin Nancy Pelosi zu sehen ist, als problematisch zu kennzeichnen. In dem häufig geteilten Clip wirkte es, als wäre die Demokratin betrunken - dabei wurde das Originalvideo lediglich verlangsamt.

Ende Mai machte die Sequenz im Netz die Runde und galt rasch als Beispiel für einen sogenannten Deepfake - eine täuschend echte Videomanipulation, wie sie von vielen als mögliche Quelle des Desinformation gefürchtet wird. Künstliche Intelligenz ermöglicht es mittlerweile zum Beispiel, das in Videos Gesagte zu verändern. Im Falle des Clips mit Nancy Pelosi genügte allerdings eine simple Videobearbeitung - von einem klassischen Deepfake war das Video weit entfernt.

Während YouTube das Video damals von seiner Plattform entfernte, entschied sich Facebook gegen diesen Schritt. Stattdessen versah das Unternehmen den Clip nach einer gewissen Zeit mit dem Hinweis, dass es sich um eine manipulierte Aufnahme handelte. Zudem wurde seine Sichtbarkeit in den Newsfeeds der Nutzer eingeschränkt.

Wenig später tauchte ein gefälschtes Zuckerberg-Video auf

Auf einer Konferenz in Colorado äußerte sich Zuckerberg am Mittwoch selbstkritisch zu dem Vorgang: "Es hat eine Weile gedauert, bis unser System das Video gekennzeichnet und unsere Fact-Checker es als unecht eingestuft hatten", sagte der Facebook-Chef, "und es hat in dieser Zeit mehr Verbreitung gefunden als unsere Richtlinien es hätten erlauben dürfen." Es sei ein Fehler in den Abläufen gewesen, so langsam zu reagieren, so Zuckerberg. Die grundsätzliche Entscheidung, das Video nicht zu löschen, verteidigte der Facebook-Chef aber.

Nancy Pelosi hatte Facebook für seine Weigerung, das Video von der Plattform zu nehmen, scharf kritisiert. In einem Interview mit dem Radiosender KQED sagte sie: "Ich denke sie haben bewiesen - indem sie etwas nicht herunternehmen, von dem sie wissen, dass es unecht ist -, dass sie die russische Beeinflussung unserer Wahl bereitwillig ermöglicht haben."

Zuckerberg fordert härteres Vorgehen des Staates

Mit Blick auf mutmaßliche Einflussnahmen Russlands auf die US-Präsidentschaftswahl 2016 sagte Zuckerberg am Mittwoch: "Als Privatunternehmen haben wir nicht die Werkzeuge, um die russische Regierung darin zu stoppen. Wir können uns so gut wie möglich verteidigen, aber letztlich hat unsere Regierung die Werkzeuge, um Druck auf Russland auszuüben, nicht wir."

Die Regierung von Präsident Donald Trump habe nach 2016 keinerlei Maßnahmen gegen die versuchte Einflussnahme ergriffen, kritisierte der Facebook-Gründer auf der Ideenkonferenz "Aspen Ideas Festival". Dies habe das falsche Signal an die Welt gesendet, bei Facebook sei so etwas eben möglich. Seither registriere das Netzwerk "verstärkte Aktivität" vonseiten des Irans und anderer Länder.

Als rund um das Pelosi-Video die Frage aufkam, ob Facebook eigentlich mit einem gefälschten Video von Mark Zuckerberg genauso verfahren würde, bejahte das Unternehmen sie. Schon kurz darauf wurde dieses Versprechen auf die Probe gestellt: Auf Instagram - das Facebook gehört - erschien wenige Wochen später ein gefälschte Zuckerberg-Video, in dem sich der Facebook-Gründer scheinbar als Weltherrscher aufspielt. Das Unternehmen beließ den gefälschten Clip bislang auf der Plattform.

Laut Zuckerberg denkt man bei Facebook nun darüber nach, eigene Richtlinien für den Umgang mit Deepfakes zu entwickeln. "Das ist sicherlich ein wichtiger Bereich, da die KI-Technologie immer besser wird", so der Facebook-Chef.

juh/Reuters/dpa



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el_jefe 27.06.2019
1. Immer sind die anderen schuld
Zuckerberg hat das Verhalten seines Unternehmens analysiert und konnte keine (oder nur gaaaanz kleine) Fehler feststellen. Mal wieder. Es wird höchste Zeit, dass die Regierungen dieser Welt hart gegen diese Datenkrake vorgehen.
gankuhr 27.06.2019
2.
Grundsätzlich finde ich es eine gute Entscheidung, das Video zu kennzeichnen statt zu löschen - damit erhöht man gleichzeitig die Sensibilität der User und "blamed" diejenigen, die es verbreiten. Wenn ich fakes Teile, wäre es für mich viel unangenehmer, wenn diese im Nachhinein als Fake enttarnt und angeprangert werden als wenn sie einfach verschwinden. Ähnliches Prinzip wie im Real Life: wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Zudem muss ich Zuckerberg voll zustimmen im Bezug auf Sanktionen: die Exekutive unterliegt immer noch dem Staat. Wenn in meinem Unternehmen geklaut wird, rufe ich die Polizei, und die Justiz verhängt Strafen. Und ist im Zweifel auch für Prävention zuständig, dass so etwas nicht noch einmal passiert (Stichwort Gewaltmonopol). Wenn, im übertragenen Sinne, Facebook Straftaten auf seiner Plattform feststellt, hat es sicherlich die Pflicht zu Sofortmaßnahmen und zur Anzeige, sofern sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten überhaupt davon erfahren - die Durchführung der Strafverfolgung ist aber Aufgabe des Staates.
FK-1234 27.06.2019
3. Entlarvend
...ist einerseits der permanente Versuch Putins, Demokratien zu destabiliseren oder einzelne ihm unangenehme Kandidaten zu diskreditieren und andererseits das Verhalten von Trumps USA, dies nicht zu unterbinden. Warum auch, schließlich war er der gewünschte Kandidat der "lupenreinen russischen Demokratie". Bin mal gespannt, wenn Putin wieder seine Trolle -die ja auch von eine "Heimholung" der Krim bejubelt haben- von der Leine lässt.
baertschi2 27.06.2019
4. Unsäglich
Wer glaubt der Gesellschaft oder gar der Demokratie zu helfen, in dem man die Redefreiheit hochhält und jedem von Hass zerfressenen Rassisten ungefiltert eine Plattform bietet ist ein naiver Dummkopf. Bei Zuckerberg trifft das natürlich nicht zu, der ist einfach ein zynischer Profiteur, der auf Kosten der Demokratie Geld machen will. Es gibt Dinge, die niemand sagen sollte und die wir nicht hören wollen. Die Zensur wird längerfristig das einzige Mittel sein unsere freifeitliche Gesellschaft zu erhalten.
Kunstgriffe 27.06.2019
5. Einfach mal den von der Politik geforderten Upload-Filter einschalten!
Wäre die KI intelligent genug, dann bräuchte es nicht hunderttausende prekär beschäftigte FB-Mitarbeiter, die mit der Sichtung von Dreck völlig überfordert wären. Soviel zur politischen Lösung: "Upload-Filter werden das schon richten". (vgl.: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-bericht-thematisiert-moderatoren-hoelle-in-tampa-florida-a-1273399.html)
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