Fahndung nach Raubkopie-Kunden Polizei ermittelt bei über 1000 deutschen Banken

Über 15.000 Kunden zahlten per Kreditkarte an die im Herbst 2004 aufgeflogene Raubkopien-Börse ftp-welt.com. Jetzt verlangt die Polizei bei deutschen Banken die Aufdeckung der Personendaten.


Kreditkarten: "Absender" inklusive
DPA

Kreditkarten: "Absender" inklusive

Die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem im Herbst 2004 aufgeflogenen Raubkopie-Portal ftp-welt.com nehmen gigantische Ausmaße an. Um an die genauen Personalien der über 15.000 Kunden zu gelangen, die über Monate illegal Filmhits, Musik, Software und Spiele heruntergeladen hatten, hat das Landeskriminalamt Thüringen nach Informationen des SPIEGEL inzwischen bundesweit 1009 Banken angeschrieben.

"Derzeit liegen 1003 Antworten vor", sagt ein LKA-Sprecher, "sechs Anfragen befinden sich noch in Bearbeitung". Gegen wie viele Kunden bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, ist jedoch noch unklar. Darüber "entscheiden die zuständigen Staatsanwaltschaften für die ermittelten Heimatanschriften", heißt es beim LKA.

ftp-welt war im Sommer 2003 online gegangen - nicht als P2P-Börse, über die Raubkopien "getauscht" werden, sondern als kommerzielle Unternehmung: Über Server in Holland, Tschechien und Estland boten zwei Brüder aus Thüringen Hunderte von Filmen zum Download zu Dumpingpreisen an. Insgesamt über 45.000 sparwillige Filmfreunde ließen sich registrieren, über 17.500 von ihnen sollen schließlich zu zahlenden Kunden geworden sein.

ftp-welt (Screenshot aus dem Dezember 2003): Auf seriös gebürsteter Raubkopie-Shop

ftp-welt (Screenshot aus dem Dezember 2003): Auf seriös gebürsteter Raubkopie-Shop

Dass die Seite kein legales Angebot gewesen sei, soll dabei offensichtlich gewesen sein. Im Herbst 2003 knackte ein Hacker die Datenbanken des windigen Anbieters und legte seine Funde Redakteuren des Computermagazins "c't" vor, die den Fall in einem ausführlichen Artikel dokumentierten. Nachdem das Magazin seine Erkenntnisse an die Polizei übergeben hatte, nahm diese die Ermittlungen auf und analysierte auch die Kundendatenbanken. Gegen rund 17.500 zahlende Kunden der ftp-welt nahm die Polizei schließlich Ermittlungen auf, von denen über 15.000 Deutsche sein sollen.

Die meisten von ihnen zahlten ihre Rechnungen per Kreditkarte und hinterließen so quasi ihren "Absender". Alternativ bot ftp-welt auch die Bezahlung per Telefonrechnung an.

Schlagzeilen hatte der Fall im Herbst 2004 nicht zuletzt auch deshalb gemacht, weil als dritter Mann neben den Brüdern Daniel und Thomas R. auch der Münchner Anwalt Bernhard Syndikus von der in Internetkreisen wegen ihrer Abmahnungsbescheide bekannten Anwaltskanzlei Freiherr von Gravenreuth & Syndikus tatverdächtig ins Visier der Ermittlungsbehörden geriet.

Syndikus bestreitet, von den illegalen Geschäften seiner Klienten gewusst zu haben, deren Umsätze er zeitweilig über ein von ihm geführtes Anderkonto leitete. Dabei soll es um rund eine Million Euro gegangen sein. Die Kanzleigemeinschaft mit Gravenreuth besteht inzwischen nicht mehr, seit April 2005 betreibt Syndikus ein eigenes Büro in München.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.