Fake News Deutschland fürchtet die Lügenschleudern

Plump ist Trumpf: Gefälschte Nachrichten ließen in den USA die politische Debatte entgleisen. Jetzt sorgt man sich auch in Deutschland vor einem Bundestagswahlkampf voller viraler Lügen. Ist die Angst berechtigt?
Blumen vor Pizzeria in Washington DC: Scharfschützenalarm nach Fake News

Blumen vor Pizzeria in Washington DC: Scharfschützenalarm nach Fake News

Foto: Jessica Gresko/ AP

In unserer postfaktischen Zeit ist es schwer geworden, den Überblick zu behalten. Selbst für jene, die es gut meinen. Das zeigte sich, als in den vergangenen Tagen ein erfundenes Zitat einer nichtexistenten Grünen-Politikerin namens Petra Klamm-Rothberger herumging.

Es ging um den mutmaßlichen Mord und die Vergewaltigung in Freiburg, ein Fake-Themenkomplex erster Güteklasse. Die vermeintliche Grünen-Politikerin äußerte, wie eigentlich immer bei erfundenen Zitaten von Grünen-Politikerinnen, Verständnis für muslimische Verbrecher. Hier suggerierte das falsche Zitat, man müsse verstehen, dass der Vergewaltiger der Freiburger Studentin auch noch zum Mörder wurde.

Es gibt keine Grünen-Politikerin namens Petra Klamm-Rothberger, sie war vom "Mosel-Kurier" fabriziert worden . Er ist eine Fake-Publikation, die es als ihren Beitrag zur aktuellen Fake-News-Debatte versteht, haarsträubende Geschichten in die Welt zu setzen und jedem Wutnutzer, der darauf klickt, dann eine "Reingefallen"-Seite vorzusetzen und ihn zu belehren, nicht immer alles zu glauben, was einem im Internet über den Weg läuft.

Es ist die neueste Volte in der Aufregung um Fake News, die auch Deutschland erfasst hat. Seit dem für viele völlig überraschenden Wahlsieg Donald Trumps vor gut einem Monat wird über das Phänomen und dessen Einfluss auf das Wahlergebnis geredet.

Jetzt warnen Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien vor dem Problem. Die CDU will im Bundestagswahlkampf eine schnelle Eingreiftruppe, die eigentlich auf Konkurrenz reagieren sollte, auch auf Falschmeldungen ansetzen (Lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL). Innen- und Rechtspolitiker der Union wollen gar die Strafbehörden aktiv das Netz nach Falschmeldungen durchsuchen lassen und die Verbreitung von Desinformation unter Strafe stellen lassen. Die SPD ruft zum "gemeinsamen Kampf gegen Fake News".

Es herrscht allgemeine Verunsicherung

Aktionismus zeigt sich auch bereits im Netz, wie bei der Aktion des "Mosel-Kuriers" um die erfundene Grünen-Politikerin, die eigentlich lustig und aufklärerisch gemeint war, letztlich jedoch nur weitere Fake News lieferte.

Denn das Fake-Zitat machte nicht wie gedacht als Link zur "Reingefallen"-Seite Karriere, sondern als Screenshot auf Twitter. Und so echauffierte sich neben der eigentlichen Zielgruppe, die Grünen-Politikerinnen alles Mögliche zutraut, auch noch die andere Seite, indem sie sich lustig machte über die plumpe Fälschung, die nämlich 51 Zeichen zu lang war für eine echte Twitter-Botschaft. Schaut mal, wie dumm die Rechten beim Fake-News-Produzieren sind, war zu lesen.

Die Aktion ging nach hinten los, und wie so oft beim Thema Fake News herrschte Verwirrung. Was kann man tun, um der Flut an Falschinformationen entgegen zu treten? Wie schlimm werden Fake News in Deutschland? Und, nicht ganz unwichtig, was genau sind überhaupt Fake News, und wenn ja, wie viele gibt es?

Trump, "Chefredakteur der Fake-News-Bewegung"

In den USA, von wo die Debatte stammt, ist es noch unübersichtlicher geworden, weil sich rechte Verschwörungstheoretiker den Begriff zu eigen machen und ihrerseits den etablierten Medien die Produktion von "Fake News" vorwerfen. Und weil der Bald-Präsident Donald Trump, der sich seine eigene Realität zurechtgezimmert hat und deshalb schon als "Chefredakteur der Fake-News-Bewegung" bezeichnet wurde, seinerseits den Begriff entdeckt hat.

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Hinzu kommt: Da Fake News ein Instrument zur Verunsicherung der Bevölkerung sind, wurde im Fall der US-Wahlen auch gleich Russland für die Verbreitung mitverantwortlich gemacht - wenn aber auch wie in diesem Artikel bislang ohne Belege .

Was aber sind überhaupt Fake News?

Wir sollten von Fake News reden, wenn Falschinformationen absichtlich gestreut werden - und dabei so komponiert werden, dass sie Funktionslogiken sozialer Netzwerke ausnutzen: Weil sie sich viral verbreiten sollen, setzen sie auf Reflexe wie Empörung und gefühlte Wahrheit und auf Reizthemen wie Migranten und Flüchtlinge, Kinder und Missbrauch, Krieg und Frieden.

Fake News können dabei aus politischem Interesse als Propaganda eingesetzt werden oder aus geschäftlichem Interesse als Honigtopf - mit Beiträgen, die sich rasant im Netz verbreiten, lassen sich Werbeeinnahmen erzielen und leichtgläubige Konsumenten anlocken.

Was wir über Fake News wissen

Wir wissen über Fake News, dass die 20 erfolgreichsten Falschmeldungen sich in der Endphase des US-Wahlkampfs stärker verbreiteten als die erfolgreichsten 20 Berichte seriöser Medien, auch wenn sich diese Erkenntnis bislang auf eine einzige Studie stützt . Wir wissen, dass sich ihre Urheber insbesondere der Funktionslogik Facebooks bedienen, nach der viel geteilte Inhalte unabhängig ihres Wahrheitsgehaltes nach oben befördert werden. Das bewog Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu einer bemerkenswerten Kehrtwende . Wenige Tage nach einer generellen Verneinung des Problems gab er bekannt, Facebook müsse die Verbreitung von Falschnachrichten begrenzen.

Wir wissen, dass Falschinformationen selbst bei Suchanfragen zum US-Wahlergebnis mitunter die Wahrheit bei den Google-Ergebnissen nach hinten verdrängt haben . Wir wissen über Fake News, dass sie aus allen politischen Richtungen verbreitet wurden, aber sich am häufigsten gegen Hillary Clinton richteten. Und wir haben im US-Wahlkampf erlebt, dass das engste Umfeld Donald Trumps, etwa sein Sohn oder sein designierter nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn, aktiv zur Verbreitung von Lügengeschichten beigetragen hat.

Droht uns das alles nun auch in Deutschland?

Von den Zuständen wie in den USA ist man noch weit entfernt. Dort hatte die absurde Geschichte, nach der Hillary Clinton und Vertraute aus einem Pizzarestaurant in Washington heraus einen internationalen Kindersexring dirigieren, selbst nach mehrfacher Widerlegung dazu geführt, dass ein Bewaffneter in die Pizzeria einmarschierte - auf der Suche nach seiner Wahrheit.

Propaganda und Klickgeschäfte auch in Deutschland

In Deutschland sind auch im Zuge von Ukrainekonflikt und Flüchtlingskrise zahlreiche Falschmeldungen aufgekommen. Sie stammen vor allem aus dem Bereich Propaganda - also der vorsätzlichen Beeinflussung aus politischen Motiven. Dort werden etwa Horrorgeschichten zu Flüchtlingen erfunden. Ein beliebtes Topos: 14-Jährige in XXX von Arabern in Schwimmbad vergewaltigt.

Anfang des Jahres sorgte beispielsweise der Fall einer angeblich von Flüchtlingen vergewaltigten 13-jährigen Russlanddeutschen in Berlin für Aufsehen, Moskau machte den Fall zum Politikum. Russische Medien streuten damals Gerüchte und behaupteten, deutsche Behörden vertuschten den Fall. Es kam zu Demos in mehreren deutschen Städten. Später stellte sich heraus, dass das Mädchen nicht vergewaltigt worden war, sondern sich bei einem 19-jährigen Freund aufgehalten hatte.

Wie weit sich politische Propaganda verbreiten kann, zeigte auch die Facebook-Seite von "Anonymous.Kollektiv", bevor sie im Mai 2016 vom Netzwerk gesperrt wurde. Und es gibt Portale wie die "Epoch Times", die hierzulande mit Flüchtlingsmeldungen virale Erfolge feiern, ohne dass sich politische Ziele ausmachen lassen. Hier geht es wohl eher um Werbeeinnahmen durch politische Sensationsmeldungen.

Die Gegenöffentlichkeit der AfD

Hier landet man in einem Graubereich, wo sich komplette Falschmeldungen mit zugespitzten Berichten, denen zumindest ein konkreter Sachverhalt zugrunde liegt, mischen. Letzteres macht vor allem die mächtige Gegenöffentlichkeit aus, die die AfD mit ihren mehr als 300.000 Facebook-Fans dominiert. Dabei führen Zuspitzungen von Interview-Äußerungen schon mal zu Morddrohungen - wie es kürzlich dem Bamberger Erzischof geschah, nachdem die AfD-Seite seine Aussagen zu einem möglichen Bundespräsidenten muslimischen Glaubens zuspitzte. Das sind aber meist Zuspitzungen und Verdrehungen, keine reinen Fake News.

Noch herrschen in Deutschland keine amerikanischen Verhältnisse. Auch ist kein Spitzenkandidat in Sicht, der in einer eigenen Realität lebt und das Verwirrspiel mit Lüge und Wahrheit so hemmungslos befördern würde.

Alle anderen Voraussetzungen für eine Fake-News-Welle sind aber vorhanden: Das Misstrauen in die etablierten Medien, das sich von Rändern weiter Richtung Mitte frisst. Politische Bewegungen und Klickportale, die mit ausgedachten Meldungen über Themen, die die "Lügenpresse" angeblich vertuscht, punkten können. Präsenter als in den USA sind zudem russische Staatsmedien wie RT Deutsch oder Sputnik, die über die sozialen Netzwerke ihre Sicht auf deutsche Debatten befördern.

Und: Der Wahlkampf in Deutschland hat noch nicht einmal begonnen.

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