Medienpsychologie "Fake News verbreiten sich wie ein Virus"

Der Medienpsychologe Frank Schwab erklärt, was Falschmeldungen so faszinierend macht - und warum der Virologe Christian Drosten der Gandalf der Nation ist.
Ein Interview von Alexander Kühn
Handynutzer in der Bahn (Symbolbild)

Handynutzer in der Bahn (Symbolbild)

Foto: Compassionate Eye Foundation/Morsa Images/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Professor Schwab, im Netz kursieren die absurdesten Falschmeldungen zu Corona: Ständiges Wassertrinken helfe gegen eine Infektion. Oder: Es gebe gar keine Pandemie. Erstaunt es Sie, wie viele Menschen das für bare Münze nehmen?

Schwab: Nein. Wer an Geheimbünde glaubt oder an die Existenz von Ufos, der vertraut auch einem verqueren Guru, der auf seinem YouTube-Kanal behauptet, er könne Corona durch Handauflegen heilen oder die ganze Sache mittels Bachblütentherapie erledigen. Das ist leider so.

SPIEGEL: Warum fallen Leute auf so etwas herein?

Schwab: Weil es, unter anderem, entlastend wirkt. Man hat die ganze Zeit die Luft angehalten, und dann kommt jemand und sagt: Du kannst wieder ausatmen, es ist gar nicht so schlimm. Manche Leute denken ja wirklich, die Coronakrise sei inszeniert, aufgebauscht, Panikmache. Das Problem ist: Vieles, was wir jeden Tag darüber in den Medien lesen und hören, kollidiert mit unserer eigenen Wahrnehmung. Das Virus ist nicht sichtbar. Vor unserer Tür fallen keine Leute tot um. Schauen Sie mal zum Fenster hinaus: Die Erde ist flach, oder? Auf die Idee zu kommen, dass sie rund ist, bedarf einer nicht trivialen kognitiven Leistung. Oder man muss halt der Wissenschaft glauben. So ist es mit Corona auch.

SPIEGEL: Wie deutlich sollte man seinen Facebook-Freunden klarmachen, wenn sie Schwachsinn posten?

Schwab: Ich würde schon mal nicht "Schwachsinn" schreiben, sonst kränken Sie Ihre Freunde. Wer so etwas weiterleitet, hat ja gute Intentionen. Schreiben Sie vielleicht: Du, lieben Dank für Deine Nachricht, ich habe das mal kurz gegengecheckt, das stimmt so leider nicht. Dann ist der andere vielleicht sogar dankbar. Was uns in diesen Zeiten helfen würde, wäre auch eine Art kommunikative Hygiene.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Schwab: Fake News verbreiten sich rasant, ähnlich wie ein Virus. Wichtig ist, dass wir nicht alles ungeprüft weiterleiten, was uns angeboten wird. Also: Quellen checken. Das ist die digitale Variante des Händewaschens.

"Jeder sucht auch ein wenig seine Heimat"

SPIEGEL: Nicht nur gezielt verbreitete Falschmeldungen haben in diesen Tagen Konjunktur, sondern auch die Angebote der klassischen Medien. Die Klickzahlen der Nachrichtenseiten sind so hoch wie selten zuvor, die Einschaltquoten von "Tagesschau", Talkshows und Sondersendungen schnellen nach oben.

Schwab: In Krisenzeiten rückt man wieder näher zusammen, auch was die Kommunikation angeht. Man trifft sich wieder bei den Mainstream-Medien. Dort bekommt man mit, was am nächsten Tag Thema ist.

SPIEGEL: Und das, obwohl das Internet voll ist mit teils hochwertigen Informationen zur Coronakrise.

Schwab: Man hatte geglaubt, soziale Medien würden das Fernsehen ersetzen. Das stimmt nicht. In Krisenzeiten verlassen sich Leute eher auf die klassischen Sender, vor allem auf die Öffentlich-Rechtlichen.

SPIEGEL: Vertrauen die Zuschauer ARD und ZDF mehr als RTL?

Schwab: Ich vermute, die Leute kehren zu dem zurück, womit sie aufgewachsen sind, und da haben die Öffentlich-Rechtlichen rein demografisch immer noch einen Vorsprung. Auf Platz zwei kommen die Privaten, dann erst die sozialen Medien. Menschen, die aus der Türkei stammen, konsultieren das türkische Fernsehen. Jeder sucht auch ein wenig seine Heimat.

"Manche Politiker haben gerade die Chance, Heldenfiguren zu werden"

SPIEGEL: Jede Krise bringt ihre eigenen Medienstars hervor. Der größte ist derzeit vielleicht der Berliner Virologe Christian Drosten . Was sehen die Deutschen in ihm?

Schwab: Vielerlei. Er ist der Fels in der Brandung. Der Seelsorger, der uns an die Hand nimmt. Er wirkt auf seiner Wissenschaftstournee durch die Talkshows auch deshalb glaubwürdig, weil er sich nicht immer der medialen Logik unterwirft. Er hat nicht immer eine schnelle Antwort parat, sondern sagt auch mal: Nehmen Sie es mir nicht übel, aber dafür muss ich mir jetzt mehr Zeit nehmen. Sie können ihn auch durchaus mit den Mentoren in den großen Fantasyfilmen vergleichen: Gandalf in "Herr der Ringe", Obi-Wan Kenobi in "Star Wars". Sie kämpfen nicht immer selbst, bringen aber ihre Weisheit und Erfahrung ein und stehen dem Helden zur Seite.

SPIEGEL: Und wer sind die Helden?

Schwab: Das sind wir. Die Kassiererin im Supermarkt, die Verkäuferin, Ärzte, das Pflegepersonal. Auch manche Politiker haben gerade die Chance, Heldenfiguren zu werden. Gesundheitsminister Jens Spahn gibt den Krisenmanager, der sich womöglich zu Höherem empfiehlt, ähnlich wie der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt während der Sturmflut 1962. Oder wie Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Elbhochwasser 2002. Nur dass Spahn keine Gummistiefel anhat.

SPIEGEL: Spahn spielt eine Rolle, die ihm noch vor Kurzem kaum jemand zugetraut hätte.

Schwab: Bislang hieß es eher: Was will denn der? Was hat denn der für komische Ideen? Ähnlich ist es mit CSU-Chef Markus Söder. Er macht gerade den Move: Bayern geht vorweg, Deutschland folgt.

SPIEGEL: Die Kanzlerin hat in der Coronakrise lange Zeit zurückhaltend agiert.

Schwab: Sie hat sich so verhalten, wie man es von ihr erwartet hatte. Deshalb wurde sie gewählt. Sie kann sich nicht von heute auf morgen ein Cape umlegen und zur Superheldin mutieren.

SPIEGEL: Dann hat sich Merkel doch noch an die Nation gewendet, in einer für ihre Verhältnisse emotionalen Fernsehansprache.

Schwab: Das stimmt, aber es war immer noch eine Merkel-Rede. Ruhig, überlegt. Während der französische und der amerikanische Präsident in ihren Ansprachen Kriegsmetaphern gewählt hatten, ging es bei Merkel um Fürsorge. Die der Kanzlerin für die Bürger, aber auch die der Bürger untereinander. Wer von Krieg spricht, verengt den Blick, es geht dann nur um den einen Gegner. Wer von Fürsorge redet, ruft die Menschen dazu auf, auch nach links und rechts zu schauen.

SPIEGEL: Wird Merkel anders wahrgenommen, seit sie sich in Quarantäne begeben hat?

Schwab: Ja, der Wechsel ins Homeoffice kann ihr sogar nützen. Wenn einem positiv besetzten Protagonisten Leid widerfährt, steigert das die Anteilnahme. Sie kennen das aus Spielfilmen. Ein Charakter wird eingeführt, er rettet zu Beginn des Films eine Katze oder ein Kind. Dann passiert ihm etwas, wo der Zuschauer sagt: Das hat er oder sie jetzt aber nicht verdient.

SPIEGEL: Wie lange wird das Interesse an den Corona-Nachrichten so hoch bleiben?

Schwab: Solange die Krise schlimmer wird oder zumindest nicht besser, bleiben die Einschaltquoten und Klickzahlen oben. Wenn alles überstanden ist und es darum geht, was wir daraus lernen und was wir nachhaltig verändern müssen, wird das Interesse nachlassen, leider.

SPIEGEL: So ist der Mensch?

Schwab: Früher ging die Medienforschung davon aus, der Bürger leite aus dem, was er in den Nachrichtensendungen erfahre, seine politischen Entscheidungen ab. Das war eine naive Vorstellung. Es ist eher so: Er steht auf dem Hügel und schaut, ob es irgendwo brennt. Steht der Horizont in Flammen, ist er alarmiert. Kokelt es nur vor sich hin, ist ihm das relativ egal.

SPIEGEL: Stumpfen wir ab, wenn wir zu viel Leid sehen?

Schwab: Wir sind schon abgestumpft, von Natur aus. Wir können nicht jedem Thema die Relevanz zumessen, die angebracht wäre, dafür sind wir nicht gebaut. Die heutigen massenmedialen Nachrichten bewegen sich immer an der Grenze der Überforderung. Wenn wir alles an uns heranließen, könnten wir nicht mehr schlafen.

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