Historikerin über den Aufstieg des Silicon Valley "Fast wie ein Mafia-Clan"

Die Historikerin Margaret O'Mara hat die Erfolgsformel des Silicon Valley erforscht. Sie erklärt, welche Rolle der Kalte Krieg dabei gespielt hat - und warum das Valley schwer zu kopieren ist.

Margaret O`Mara
Jim Garner/ jgarnerphoto

Margaret O`Mara

Ein Interview von


Zur Person
    Margaret O`Mara, Jahrgang 1971, ist Historikerin. Die Professorin lehrt und forscht an der University of Washington. In ihrem jüngsten Buch "The Code. Silicon Valley and the Remaking of America" beschreibt sie, wie sich das Silicon Valley von einem verschlafenen Tal in die berühmteste Tech-Zentrale der Welt verwandelt hat.

SPIEGEL: Frau O'Mara, Wie kann man sich das Silicon Valley vor dem Tech-Boom vorstellen?

Margaret O'Mara: Es war eine landwirtschaftlich genutzte Region wie viele andere in Kalifornien mit Früchtebäumen, Aprikosen, Pflaumen. Es gab wenig - außer der Stanford Universität. Stanford war gut, aber nicht das Harvard des Westens. Es kam an Eliteunis wie Oxford und Cambridge noch nicht heran.

SPIEGEL: Wie kam es zum Aufschwung?

O'Mara: Der Wendepunkt waren zunächst der zweite Weltkrieg und dann der Kalte Krieg, als die US-Regierung signifikant in die Forschung und Entwicklung eingestiegen ist. Auch andere Regionen haben von Militärausgaben profitiert, aber in Nordkalifornien gab es eine Ansammlung von Firmen, die sich auf Mikroelektronik und Kommunikationsgeräte konzentriert hatten, wie Radar- oder Mikrowellentechnik. Das waren die Bausteine für die Computer-Revolution.

SPIEGEL: Auch in anderen Ländern haben Militärausgaben zu Aufschwung geführt - aber nicht zu einem zweiten Valley.

O'Mara: Das letzte, was Präsident Eisenhower wollte, war ein riesiger, zentralisierter Forschungsapparat wie bei den Sowjets. Stattdessen floss all das Geld dezentral an Rüstungsdienstleister, Unternehmen und Universitäten. Stanford erfand sich neu, Berkeley wuchs zu einem großen Forschungszentrum heran.

SPIEGEL: Die Erfolgsformel besteht also zu einem großen Teil aus einer staatlichen Finanzspritze - und Freiheit?

O'Mara: Die Regierung investierte flexibel, vor allem im Bereich der Mikroelektronik. Auf die nämlich war die Regierung auch für ihr Apollo-Raumfahrtprogramm angewiesen - um vor den Sowjets die ersten Menschen zum Mond zu schicken. Man braucht Forschung und Orte, an denen Menschen Neues entwickeln können, mit Spielraum, fernab vom Druck des Marktes.

SPIEGEL: Was machte die ersten Pionierfirmen in der Gegend aus?

O'Mara: Sie waren keine traditionellen, großen Rüstungskonzerne, aber die einzigen, die das gefragte Produkt liefern konnten. Sie betrachteten sich als Start-ups. Mitgründer von Fairchild Semiconductor, einem legendären Halbleiterhersteller, haben später Intel mitgegründet und die Venture-Capital-Gesellschaft Kleiner Perkins, einen von Silicon Valleys wichtigsten Risikokapitalgebern. Das Geld und die Expertise dieser Unternehmergeneration hat später die ganze PC-Generation vorangetrieben.

SPIEGEL: Welche Rolle spielten die ersten Firmengründer?

O'Mara: Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Mafia-Clan - es ist eine sehr eng miteinander verbandelte Gruppe von Männern, die sich seit Ewigkeiten kennen. Einige der frühen Gründer, die jetzt 80 oder 90 sind, treffen sich heute immer noch - sie sind schon vor Jahrzehnten Kollegen und Freunde geworden. Auch, dass das Silicon Valley so isoliert war, hat zum Erfolg beigetragen. Es ist eine eigene Tech-Welt - und von dem engen Netzwerk profitiert die nächste Generation junger Männer.

SPIEGEL: Ist diese Boys-Club-Mentalität nicht auch eine Schwäche?

O'Mara: Die Verschmelzung von Berufs- und Privatleben ist Teil der Erfolgsformel, aber auch eine der größten Schwächen. Die Gründer glauben an ihr Produkt, sie sehen nicht nach außen - wenn sie einstellen wollen, dann jemanden aus ihrem eigenen Pool. In den früheren Jahren der Computerbewegung gab es viele Frauen, aber sie fühlten schnell, dass sie nicht Teil davon waren und überließen den Jungs ihr Spielzeug.

SPIEGEL: Hat das Valley heute einen Teil seines Zaubers verloren?

O'Mara: Der Nachruf für das Silicon Valley wurde schon oft vorzeitig geschrieben, wie 1969, als es Einschnitte im Militärbudget gab, oder bei der Dotcom-Blase 2002. Aber es gab immer wieder ein Comeback. Andererseits sollte sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen. Detroit war mal der innovativste Ort der Welt - vor 100 Jahren.

SPIEGEL: Allein die Lebenshaltungskosten wirken auf viele abschreckend.

O'Mara: Die sind mit dem Boom der Industrie enorm gestiegen. Die Firmen brauchen Mitarbeiter, viele sind zugezogen. Immigrationspolitik ist ein wichtiges Geheimnis des Silicon Valley.

SPIEGEL: Wie wirken sich die Verschärfungen der Immigrationspolitik in der Trump-Administration aus?

O'Mara: Wenn die USA es Menschen künftig erschweren, hier zu studieren und zu arbeiten, könnte das Entrepreneure abschrecken. Der legendäre Intel-CEO Andy Grove kam 1956 als 20-jähriger Flüchtling aus Ungarn in die USA und konnte kaum Englisch. Heute würden die Grenzschutzbeamten ihn wohl als Belastung für den Staat abweisen - zum Nachteil der USA und zum Vorteil anderer Länder.

SPIEGEL: Kann man schon sagen, dass die digitalen Machtverhältnisse sich verschieben?

O'Mara: Das Valley selbst ist immer noch eine sehr große Sache. Aber es gibt auch andere Machtzentren. Wer es vor 25 Jahren in dieser Branche schaffen wollte, musste in die USA kommen. Jetzt kann man auch in Indien, China, Portugal, Deutschland oder sonstwo bleiben.

SPIEGEL: Hat China das Potential, ein neues Silicon Valley aufzubauen?

O'Mara: Es gibt viel Unternehmertum, aber die Regierung führt die Unternehmen sehr eng. Auch dass die USA eine kapitalistische Demokratie sind, hat zum Wachstum des Silicon Valley beigetragen, mit großem Spielraum für Entwickler und poröseren Grenzen für den Strom von Kapital, Menschen, Ideen. In China wird das System nicht ebenso funktionieren.

SPIEGEL: Dennoch arbeitet sich das Valley an der chinesischen Konkurrenz ab.

O'Mara: China investiert jetzt in Spitzentechnologie, Universitäten und Infrastruktur - was Amerika nicht mehr in demselben Umfang macht wie früher. Angesichts von Herausforderungen wie Künstliche Intelligenz, Quantencomputer oder Klimawandel sollte uns das eine Warnung sein. Es gibt Bereiche, in denen die Regierung eine starke Rolle spielten sollte, weil die Wirtschaft es nicht allein richten wird.

SPIEGEL: Gleichzeitig greifen die großen Tech-Konzerne gerade in Kalifornien stark in die Politik ein. Sie finanzieren Busse, bauen Wohnsiedlungen, Facebook unterhält sogar eine Polizeistation.

O'Mara: Sie dominieren mehr und mehr. Viele Amerikaner glauben, Amazon oder die Gates Stiftung sollten zahlen, sie hätten ja genug Geld. Aber Privatpersonen investieren nach ihren eigenen Prioritäten. In Kalifornien sind die Züge zu spät, öffentliche Schulen haben zu wenig Mittel - also bauen die Tech-Konzerne eine parallele Welt für ihre Mitarbeiter auf. Sie betreiben eigene Buslinien, und die Schulen werden mit privatem Fundraising unterstützt. Statt zu versuchen, die Politik zu ändern, tun Silicon Valley-Technologen das politische System oft als irrelevant für ihr Geschäft ab.

SPIEGEL: Woher kommt diese Ablehnung?

O'Mara: Die Einstellung wurzelt in der Vietnam- und Watergate-Ära, in der junge Menschen das Gefühl bekamen, die Führung habe versagt und Bürokratie sei unnütz. In den Sechzigerjahren beschäftigten sich Studenten in Stanford und Berkeley mit Rechnern, die vom militärischen Industriekomplex finanziert worden waren. Anstatt sich in der Politik zu engagieren, wollten sie Computer bauen, die dem Militär, der Universität und Konzernen die Macht entziehen und in die Hände der Nutzer legen. Politik ist chaotisch, die Welt ist chaotisch, der Computer sollte die saubere, schöne Lösung für alle Probleme sein.

SPIEGEL: Diese Vision ist offensichtlich gescheitert.

O'Mara: Heute lachen wir darüber, aber dieser Tech-Optimismus hat das Valley angetrieben. Ich denke, dass die Firmen den Weckruf gehört haben, sie reagieren aber unterschiedlich darauf, je nach Geschäftsmodell. Zum Beispiel waren Microsoft und Apple lange die kleinen, bösen, rebellischen Jungs - jetzt sind sie die Erwachsenen im Raum. Dennoch braucht die Branche dringend Leitplanken, sie ist völlig unreguliert gewachsen.

SPIEGEL: Warum reagiert die Politik so spät?

O'Mara: Es ging alles sehr schnell. Vor zehn Jahren gab es viele Technologien noch nicht. Unglaubliche Macht konzentriert sich auf einzelne Geschäftsführer und Banker, es gibt enge Allianzen mit politischen Entscheidungsträgern. Es gibt zudem ein großes Ungleichgewicht an Fachwissen, weil Unternehmen die besten Technikexperten eingestellt haben. Das geht so weit, dass die Regierung jetzt die Tech-Konzerne um Hilfe bittet: Was sollen wir tun? Wie sollen wir Sie regulieren? Die US-Regierung muss sich wieder verstärken.

SPIEGEL: Was ist Ihre Zukunftsprognose für das Silicon Valley?

O'Mara: Es war ein langer Boom, irgendwann könnte tatsächlich der Abschwung kommen und sogar gesund sein. Aber auch nach der Dotcom-Blase gab es noch viel Reichtum - und Raum für Neueinsteiger. Für Google war die geplatzte Blase damals großartig, es konnte alle Experten, die woanders entlassen wurden, einstellen. Sie konnten günstig Computer übernehmen und das Geschäft ausbauen. Es wird in zehn Jahren irgendeine Firma geben, deren Namen jetzt noch niemand kennt, die so groß und bekannt sein wird wie Google heute.



insgesamt 7 Beiträge
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Freiheit für Europa 17.11.2019
1. Durchlauferhitzer, die meisten scheitern aber
Interessant war es schon dort, aber die meisten dort scheitern - das sollte man nicht vergessen. Vielfach nützt natürlich das Geld der Eltern, dort ein paar Jahre die Uni zu subventionieren und mit einem schöneren Lebenslauf dann irgendwoanders zu arbeiten; doch die meisten Startup-Leute scheitern alle 1-2 Jahre, nicht nur in der dot.com-Zeit. Viele Europäer sind schockiert von ihren viel zu hohen Erwartungen - und froh, wenn sie wieder zurück in einem noch normaleren Europa sind, wo nicht diese Meinungsdiktatur wie im angeblich so freien Amerika herrscht. Bei all den Nachteilen, dem enormen, auch finanziellem Aufwand, dort ein paar Jahre zu verbringen, lohnt es sich zumindest für den Lebenslauf ein wenig - für viele, die nicht mit Startups dauer-scheitern wollen.
scoopx 17.11.2019
2. Silicon Valley und Cebit
Soso. Das Silicon Valley ist also schon Geschichte. Cebit war bloß eine Messe, aber dem Valley wird es genauso ergehen. Die Autorin bemerkt ja selber zu recht, vor hundert Jahren sei Detroit einmal der "innovativste Ort der Welt" gewesen (was übrigens auch nicht stimmt, damals wäre die US-Autoindustrie ohne die Technik von Bosch verloren gewesen). Die digitale Transformation, deren home base das Silicon Valley war, ist ins Stocken geraten. Die Medien haben haben das Valley verlassen, seit Jahren habe ich in Spon keinen, wie ich früher im Forum schrieb "Apple-Google-Jubel-Artikel" mehr gelesen. Stattdessen liest man in der Printausgabe einen von Hohn und Spott triefenden Artikel nach dem andern über digitale Belange - sei es KI, selbstlernende neuronale Netze, Bilderkennung, das Blockchain-Verfahren oder selbstfahrende Autos. Das ist sehr lobenswert und zeigt, wohin die Richtung geht. Seit Jahren ist aus dem Valley nichts mehr Neues gekommen, und "Disruptives" schon mal gar nicht. The valley is history. Genau wie Cebit.
neutron76 17.11.2019
3. Es ist eine tolle Gegend
Mal abgesehen von den Firmen hat die Gegend einfach auch einen hohen Freizeitwert. Die Gegend um die Bay ist gut erschlossen, hat aber auch Naherholungsgebiete. Man kann im Stau stehen, aber auch sehr gute ÖPNV nutzen. Palo Alto ist ein nettes hippes Städtchen mit niedrigem Durchschnittsalter. Ähnlich wie Erlangen oder Heidelberg, aber mit schönerem Wetter.
Flauschie 17.11.2019
4. Jeff Besoz sagt, dass es Amazon nicht mehr lange geben wird ...
... da die Historie dagegen spricht. Unternehmen haben droht im Regelfall nach 30 Jahren der Abstieg, weil neue Unternehmen ohne Altlasten disruptiv den Markt neu aufrollen koennen. Wenn man sich im eigenen Unternehmen mal ernsthaft umsieht, dann sieht man genau das - Altlasten, die einen daran hindern schnell zu sein. Und im Business ist Geschwindigkeit alles. Wieviele Unternehmen haben die Kraft sich selbst neu zu erfinden? Siehe die Deutsche Automobilbranche ...
Bernd.Brincken 18.11.2019
5.
Interessante Perspektive. Also, ohne die persönlichen Netzwerke des Silicon Valley wäre manche Erfolgsgeschichte nicht passiert. Ich denke da an Netscape und auch Google, wo die ersten Jahre völlig schleierhaft war, wie die Geschäftsmodelle jemals aufgehen sollen. Heisst umgekehrt auch, die Strategie skaliert nicht - was in den USA und im SV klappt, das klappt woanders mitnichten. Das macht auch Fragezeichen an die diversen Startup-Förderungen der Politik.
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