FBI-Kampagne US-Bundespolizei wirbt nahe der russischen Botschaft um Informanten

Gegenspionage oder Trollversuch? Das FBI visiert mit einer Onlinekampagne gezielt Besucher und Mitarbeiter der russischen Botschaft in Washington an. Dazu nutzt die Behörde ein bekanntes Putin-Motiv.
»Sprechen Sie offen«: FBI-Anzeige auf Facebook

»Sprechen Sie offen«: FBI-Anzeige auf Facebook

Foto: Facebook

Im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben manche Botschaften von stiller Diplomatie auf öffentliche Attacken umgestellt. Wie die »Washington Post« berichtet, macht sich das FBI die Gelegenheit zunutze und wirbt mit Onlineanzeigen gezielt um Informanten in der diplomatischen Vertretung Russlands.

Öffentlich wurde die Aktion, als ein Reporter der Zeitung in seinem Facebook-Feed eine Anzeige auf Russisch fand. Die Erklärung für den Sprachwechsel war offenbar, dass er gerade auf der Wisconsin Avenue in Washington, D.C., stand – direkt vor der russischen Botschaft. Ein kleines Stück weiter verschwand die Anzeige wieder.

Brisant waren Absender und Inhalt der Anzeige: Sie wurde von der amerikanischen Bundespolizei FBI geschaltet. Zu sehen ist ein Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammen mit dem Chef des russischen Auslandsgeheimdiensts, Sergej Naryschkin, der sich sichtlich unwohl fühlt. Über das Bild ist ein Satz gelegt – frei übersetzt: »Sprechen Sie offen«. Damit spielt das FBI auf eine im Fernsehen übertragene Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats vom Februar an, in der Putin den Geheimdienstler öffentlich abgekanzelt hatte.

Der russische Begleittext dazu ist eine Standardnachricht, in der die Polizeibehörde Informanten aufruft, sich zu melden, wenn sie Informationen haben, die die nationale Sicherheit betreffen. Dazu ein Link mit der Kontaktadresse der Spionageabwehr des FBI, auf Englisch und Russisch.

Ist die Aktion eine Provokation oder ein ernsthafter Versuch, unzufriedene russische Staatsbedienstete anzuwerben? Ein Blick in die Werbebibliothek von Facebook  spricht dafür, dass es das FBI tatsächlich ernst meint: In den vergangenen Wochen hat die Behörde eine ganze Reihe ähnlicher Anzeigen veröffentlicht und dafür mehrere Tausend Dollar ausgegeben. Die Anzeigen werden nicht nur auf Facebook direkt, sondern auch auf Instagram und Websites ausgespielt.

Gezielte Ansprache

Facebook veröffentlicht nur wenige Informationen über die Werbeanzeigen, diese lassen aber auf eine gezielte Kampagne schließen. Neben einigen, die relativ breit gestreut und mehr als 100.000 Mal ausgespielt wurden, fallen auch einige Anzeigen auf, die lediglich eine Zielgruppe von unter tausend Nutzern haben. Darunter ist eine , die Putin mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping zeigt – verbunden mit der ominösen Botschaft »Erinnern Sie uns noch einmal, für wen arbeiten Sie?«

Interessant ist auch, wo die Werbung angezeigt wurde: Neben der amerikanischen Bundeshauptstadt wurden die Anzeigen vornehmlich in der Heimat der Uno-Zentrale New York ausgespielt. Als dritte Zielregion dient Texas.

Inzwischen reagierte auch der russische Botschafter in den USA, Anatoli Antonow, auf Berichte über die Werbekampagne. »Die Versuche, Verwirrung unter den Beschäftigten der russischen Botschaft zu säen und diese zum Desertieren zu bewegen, sind lächerlich«, verbreitet der Botschafter auf Twitter.  Allerdings steht der Streit wohl nicht ganz oben auf der Prioritätenliste: Beide Länder haben begonnen, Diplomaten des jeweils anderen Landes auszuweisen.

Revanchieren kann sich Russland nicht: Facebook spielt nach eigenen Angaben derzeit keine Anzeigen in Russland aus und wird ohnehin blockiert. Auch Google hat das Werbegeschäft in Russland gestoppt, das einflussreiche Interactive Advertising Bureau hat seine Beziehungen zu dem Land ebenfalls eingestellt .

Die Episode zeigt, mit welchen Techniken heute Werbung personalisiert wird. Viele Netzwerke nutzen die Geokoordinaten von Handybenutzern, um Werbung gezielt in einem bestimmten Bereich auszuspielen. Supermarktketten können so zum Beispiel in Städten werben, in denen sie Filialen haben, oder sogar auf die Sonderaktionen eines Geschäfts aufmerksam machen. Die Koordinaten können auch festgestellt werden, wenn Nutzer ihre GPS-Funktion deaktivieren: So kennen Mobilfunkbetreiber immer den ungefähren Standort eines eingeschalteten Handys, zusätzlich erfassen Smartphones Funksignale wie WLAN-Netze oder Bluetooth-Sender, die bei der Standortermittlung helfen.

War es in den Anfangsjahren noch möglich, über Facebooks Anzeigen-Tool einzelne Nutzer relativ zielgenau ins Visier zu nehmen, hat der Konzern diese Möglichkeiten inzwischen eingeschränkt. Allerdings kaufen US-Behörden immer wieder Datenbestände , die viel genauere Rückschlüsse zulassen als der Anzeigenplaner von Facebook. Die Datensammelwut sorgt mittlerweile aber auch in Amerika für Unbehagen: Mehrere Bundesstaaten haben im Januar Google verklagt , weil das Unternehmen seinen Kunden keine faire Chance gegeben habe, sich der Profilbildung zu entziehen.

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