Fernsehen per DSL Internet-TV soll das Heim vernetzen

TV-Programme empfängt man künftig nicht per Kabel, Satellit oder Antenne, sondern durch den Internetanschluss. Das hoffen Netz-Provider, die mit Web-TV Kunden an sich binden wollen. Im Kürze will auch Vodafone in diesem Markt mitmischen - und für seine Nutzer deren Multimediageräte vernetzen.

TV-Gerät mit Web-Inhalten: Die Netzanbieter wollen auch die Fernsehprogramme liefern
Matthias Kremp

TV-Gerät mit Web-Inhalten: Die Netzanbieter wollen auch die Fernsehprogramme liefern


Eschborn/Berlin - Als dritter Anbieter in Deutschland bringt Vodafone das Fernsehen übers Internet ins Wohnzimmer. "Das wird ein Erlebnis für Jedermann", kündigt Vodafone-Chef Fritz Joussen vollmundig an. Gleichzeitig stellt er ein für Vodafone-Kunden kostenloses Konzept vor, um verschiedene Geräte im "vernetzten Heim" zusammenzuführen.

Eine Woche vor der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin lässt sich Joussen in einem Show-Room im Herzen von Berlin feiern. Wo die Friedrichstraße auf die Spree trifft, zeigt Vodafone die Set-Top-Box fürs neue TV-Angebot, so groß wie ein dicker Laptop, außen weiß und in der Mitte ein schwarzes Band mit Anschlüssen für die unterschiedlichen TV-Signale: Kabel, Satellit, Internet. Als Rekorder enthält die Box eine Festplatte mit einer Kapazität von 320 Gigabyte.

Schon vor drei Jahren, ebenfalls zur IFA, hatte die Deutsche Telekom ihr Internet-Fernsehen gestartet. Dieses "Entertain"-Angebot nutzen nach Firmenangaben bislang 1,3 Millionen Telekom-Kunden. Es setzt eine schnelle Internet-Verbindung mit DSL voraus. Für TV-Übertragungen in Standardauflösung wird ein sogenannter DSL-Plus-Anschluss benötigt, der zwischen 10.000 und 16.000 Kilobit pro Sekunde ins Haus liefert. Für HDTV braucht man einen VDSL-Anschluss mit mindestens 25 Megabit pro Sekunde. Vodafone will sein TV-Angebot bereits Kunden anbieten, die mit einem niedrigen DSL-Tempo ab 2 Megabit je Sekunde online sind.

Das reicht zumindest für die Video-Ausleihe, zumal die Daten für die gewünschten Spielfilme über Nacht ins Haus tröpfeln können. Für die ruckelfreie Übertragung der TV-Signale im laufenden Fernsehprogramm sollten es dann aber schon mindestens 6 Megabit pro Sekunde sein.

Die Fußballfrage ist noch ungeklärt

Vodafone setzt auf eine Hybrid-Technologie: Das Fernsehsignal wird nicht nur über die Internetleitung, sondern auch über Satellit und analoges Kabel verbreitet. Damit spart der Netzbetreiber Investitionen und Bandbreite in seinen DSL-Leitungen. Die Erfahrungen mit dem IPTV-Angebot von Arcor hätten gezeigt, dass man dafür enorm große Bandbreiten benötige, erklärte Joussen. "Die Netze daraufhin auszulegen, lohnt sich nie."

Wenn Vodafone TV rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft eingeführt wird, soll es mindestens fünf Senderpakete mit unterschiedlicher Zusammensetzung geben. Ob der Bezahlsender Sky mit seinen Fußballübertragungen dabei sein wird, steht noch nicht fest. Zumindest technisch sei die Box in der Lage, auch die Sky-Programme aufzunehmen, erklärt Entwicklungschef Diego Massidda. Die Übertragungsrechte für die Bundesliga über IPTV liegen bei der Deutschen Telekom.

"Man muss eben nicht alles von Apple haben"

Joussen hat es sich zum Ziel gesetzt, alle 3,5 Millionen DSL- Kunden von Vodafone mit der neuen Set-Top-Box auszustatten. "Darauf richtet sich unsere Ambition." Daneben will Vodafone auch den DSL- Router intelligenter machen: Er soll mit einer Software so ausgerüstet werden, dass alle Arten von digitalen Geräten sich über das drahtlose Funknetz miteinander austauschen können. Das funktioniert mit allen Geräten, die eine Zertifizierung des Herstellerverbands der Digital Living Network Alliance (DLNA) haben.

Fotos, Videos, Musik und andere Inhalte könnten dann über W-Lan auf alle Arten von Geräten gestreamt werden, erklärt Massidda. "Der Content bleibt, wo er ist, wird aber auf anderen Geräten zur Verfügung stehen." Deutschland-Chef Joussen meint dazu: "Man muss eben nicht alles von Apple haben, sondern man kann die verschiedensten Geräte miteinander kombinieren."

Trendthema Web-Fernsehen

Die Bonner Telekom sieht die neue Konkurrenz gelassen. "Wir begrüßen das Angebot von Vodafone", sagte ein Telekom-Sprecher. Damit werde das Thema IPTV weiter gefördert. Auch beim kleineren Konkurrenten O2 steht das Internetfernsehen auf der Tagesordnung. O2 selbst hat zwar noch kein Fernsehangebot, aber der jüngst übernommene DSL-Anbieter Hansenet/Alice bietet TV und Video-on-Demand über den Internetanschluss an. Bislang hat Alice 58.000 IPTV-Kunden.

Das neue Angebot von Vodafone erinnert ein wenig an das, was 1&1 ohne IPTV anbietet. Die United-Internet-Tochter hält sich zwar mit Fernsehen über die Internetleitung noch zurück. 1&1 verkauft seinen Kunden aber Empfangsgeräte für die Online-Videothek Maxdome, die gleichzeitig digitales terrestrisches und Satellitenfernsehen empfangen können. An einer Kabelvariante wird gerade gefeilt.

TV, Internet und Handy sollen zusammenwachsen

Nach Meinung von Unicredit-Analyst Thomas Friedrich kommen die großen DSL-Anbieter im Wettbewerb mit den Kabelnetzbetreibern nicht mehr an IPTV vorbei. Anbieter wie Kabel Deutschland und Unitymedia drängen ihrerseits mit sogenannten Triple-Play-Angeboten (Telefon, Internet und Fernsehen) auf den Telekommarkt und machen Telekom, Vodafone und Co. ihr ureigenes Geschäft streitig.

"Wir betrachten die Kabelnetzbetreiber als unsere Hauptkonkurrenten", heißt es bei der Telekom. Hansenet-Chef Lutz Schüler sagt denn auch über Alice TV: "Ein wichtiger Grund, warum wir IPTV anbieten, ist, den Kunden zu halten."

Angesichts weiter sinkender Tarife sind neue Dienste rund um IPTV aber auch eine Chance auf neue Umsätze, sagt Telekom-Experte Nikolaus Mohr von der Unternehmensberatung Accenture. "Für reine Pay-TV- Angebote ist der deutsche Markt begrenzt. Wenn wir aber über Bewegtbild als solches sprechen, ist der Markt gigantisch groß."

"IPTV schafft ganz neue Möglichkeiten", erklärt Mohr. Künftig können Anwendungen aus der Handy- oder Internetwelt wie Apps oder Communities auch auf dem Fernseher laufen und mit dem TV-Angebot verbunden werden. "Das ist das, was wir uns immer unter interaktivem Fernsehen vorgestellt haben."

Annika Graf, dpa-AFX, und Peter Zschunke, dpa



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