Fernsehkritik-Blogs Der TV-Untergang im Internet

Fernsehen spielt online fast keine Rolle. Wenige Blogger arbeiten sich am ehemaligen Leitmedium ab – einer aber mit viel Witz und exzessivem Aufwand. Ansonsten gilt TV online vielleicht einfach nicht mehr als kritikwürdig.
Von Jan-Philipp Hein

Schärfer, schneller, größer. Das Fernsehen revolutioniert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Aus raumgreifenden Monstern sind schicke Geräte geworden. Und die Inhalte haben die Evolution mitgemacht. Das Programm ist so flach wie ein moderner Bildschirm.

Doch kaum einen kümmert es – jedenfalls nicht im TV selbst. Saisonarbeiter Oliver Kalkofe spießt mit "Kalkofes Mattscheibe" alle paar Monate im Wechsel mit "Switch" auf Pro 7 den haarsträubendsten Unsinn auf. Doch sonst hält sich das Fernsehen mit Fernsehkritik zurück.

Einen aber regen TV-Sendungen noch auf: David Harnasch, 31, freier Journalist. Seine Brötchen verdient er beim Badischen Verlag, der in seiner Heimatstadt Freiburg die Tageszeitung herausgibt. Auch für einen regionalen Fernsehsender ist Harnasch unterwegs. Doch zu ganz großer Form läuft der Journalist auf seiner Seite b-arbeiter.de  auf. Der "Bildschirmarbeiter" nimmt sich das deutsche Fernsehen vor. Und anders als Kalkofe arbeitet sich Harnasch nicht an Sendungen ab, die sowieso kaum noch von Karikaturen zu unterscheiden sind.

Tendenziöse Berichterstattung

Dem Nachtmagazin der ARD wirft Harnasch zum Beispiel tendenziöse Berichterstattung vor, Frontal 21 vom ZDF, dass es PR als Journalismus tarne, und Dauergast auf Harnaschs Webseite ist die Kulturzeit vom hochseriösen Sender 3Sat. "Schön, dass sie wieder hergefunden haben, um mit mir Kulturzeit zu sehen", heißt es dann zur Begrüßung von Harnaschs heimischem Sofa aus. Anschließend wird sich dann darüber gewundert, wie die Kulturfunker darauf kommen, dass Schüler, die dem niederländischen Islamkritiker Geert Wilders den Kopf abschneiden wollen, laut "Kulturzeit" für einen "toleranten Islam" sind.

Frontal 21, das sich investigativ gebende Politmagazin des ZDF, ließ neulich einen "Stromtarifexperten" von einem "Energieverbraucherportal" diverse Online-Tarifrechner beschimpfen, die nicht immer das günstigste Angebot finden würden. Dass das "Energieverbraucherportal" selbst nichts anderes als ein Tarifrechner ist, unterschlug Frontal21.

Harnasch: "Das skandalöse an diesem Stück Pseudojournalismus ist, dass ein freier Unternehmer die Möglichkeit bekommt, im redaktionellen Rahmen über seine Konkurrenz herzuziehen." Die Watschn sitzt.

Weniger krawallig als Kalkofe

B-Arbeiter ist mehr als Geblödel übers Fernsehen. Harnaschs Argumentation ist meist stringent und nachvollziehbar. Um die sechs Stunden sitzt der Journalist an seinen Beiträgen, die wenige Minuten lang sind. Wie Kalkofe beamt er sich ab und an selbst in die Kulissen der karikierten und kritisierten Sendungen. Das ist meistens originell, weniger krawallig, aber ähnlich komisch wie bei Altmeister Kalkofe.

Dabei macht der Freizeitkritiker keinen Hehl daraus, dass er den öffentlich-rechtlichen Rundfunk fast für verzichtbar hält: "Auch deren hochseriöse Politmagazine produzieren laufend Boulevard-Themen, die bei Stern-TV unterhaltsamer präsentiert werden. Wenn schon Öffentlich-Rechtliche, dann bitte ohne Werbung", sagt der Freiburger.

Ansonsten ist es mit Crossmedialer TV-Kritik via Internet nicht weit her. Auf " call-in-tv.net " kämpft der Berliner Marc Doehler gegen die Produzenten von Telefon-Gameshows, wie sie "9 Live" rund um die Uhr und andere Sender im Nachtprogramm bringen. Ein paar Medienjournalisten bloggen hin und wieder Abstrusitäten des TV-Programms, News-Seiten besprechen das Programm. Das war’s.

"Nicht mehr kritikwürdig"

Woran liegt das? Nimmt die Online-Welt das Fernsehen nicht mehr zur Kenntnis, weil fast nur noch Schwachsinn über die Mattscheibe geht? Sehen Blogger womöglich gar nicht fern? Medientheoretiker Norbert Bolz von der TU Berlin hält das für plausibel: "Kritik impliziert ein positives Werturteil." Im Klartext: "Fernsehen ist nicht mehr kritikwürdig."

Und deswegen gebe es keine ausführliche Reaktion der Online-Welt auf das Fernsehen. Bolz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Ich habe auch schon seit Jahren keine Lust mehr, etwas Kritisches übers Fernsehen zu sagen. Das ist einfach zu primitiv geworden." Das widerspreche dem "Pathos des Kritikers", so der Berliner Professor. Deswegen funktioniere David Harnaschs Kritik: "Der orientiert sich an Formaten, die besonders anspruchsvoll sein sollten", also noch kritikwürdig sind. Ansonsten erwarte das Internet vom Fernsehen nichts mehr, so Bolz.

Online kills TV? Trendforscher sind sich seit Jahren sicher, dass Fernsehen und Netz verschmelzen werden. Fürs TV ist womöglich mittlerweile die Phase zwischen Leitmedium und Fusionsopfer angebrochen. Es ist ein Dämmerzustand.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.