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"Alice 5.0": Vom Verschmelzen der Welten

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Fiction-Doku "Alice 5.0" Das Produkt bist du

Prometheus auf der Abschussliste: Für das größte soziale Netzwerk der Welt wirft der Aussteiger mit seinem Konsumverzicht nicht genug Geld ab, ihm soll der Account entzogen werden. Leider hat der ZDF-Film "Alice 5.0", eine Mischung aus realer Doku mit fiktiven Elementen, einige Schwächen.

Ein soziales Netzwerk beherrscht die Welt: In einer nicht all zu fernen Zukunft hat praktisch jeder Internet-Nutzer ein Mitgliedskonto bei "Host", der Mutter aller Netzwerke. Von einst fünf großen Internet-Konzernen hat sicher einer durchgesetzt, nun gibt es nur noch einen Zugang, ein Passwort für praktisch alle Onlineangebote. Natürlich kostenlos - wenn man denn dem Unternehmen genug Werbeumsatz beschert. Ansonsten droht der Ausschluss aus der Gemeinde der drei Milliarden, der soziale Exitus.

Die fiktive Dokumentation "Alice 5.0", die in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.20 Uhr im ZDF läuft, aber auch in der Mediathek abrufbar ist , folgt einem solchen Problemfall. Entstanden ist der Film aus einem Wettbewerb für Nachwuchsfilmer, bei dem vier Ideen realisiert wurden. Erzählt wird von "Prometheus", einem esoterischen Aussteiger, der mit Videoblogs seinen Online-Freunden vom Leben im Baumhaus und von Hausschlachtungen berichtet. Was allerdings dazu führt, dass ein mathematischer Algorithmus aus den Tiefen der Serverräume den autarken Wirtschaftsverweigerer auf die Abschussliste setzt.

Während der Sprecher noch fragt, ob es ein Recht auf virtuelles Leben gibt, hat die Software längst entschieden: Der Waldmensch Prometheus ist nicht verwertbar, die Kosten für Serverplatz und Rechenkapazität sind höher als die zu erwartenden Einnahmen, die das Unternehmen mit der Vermarktung des Späthippies erzielen kann. Der Scoring-Wert stürzt ab, Prometheus muss raus aus der virtuellen Gemeinschaft.

Creditreform und Google auf dem Schirm

Nur widerwillig räumen ein Systemadministrator und ein Manager des Unternehmens ein, dass die Software Mitglieder mit niedrigem Scoring-Wert die Mitgliedschaft ganz eigenständig versagt. Es geht schließlich ums Geschäft. Das ist so fern von aller Wirklichkeit nicht: "Alice 5.0" erzählt von einer vielfach eignesetzten Technik, bei dem zukünftige Kunden anhand ihres bisherigen Verhaltens, anhand von Freundeskreis, Wohnort und Kontobewegungen bewertet werden.

Der Clou: Als Pressesprecher von Host tritt Stefan Keuchel unter seinem richtigen Namen auf, im realen Leben ist er Sprecher von Google Deutschland. Auch die Experten und Wissenschaftler, die in "Alice 5.0" zu Wort kommen, sind echt. Sie berichten unter anderem davon, wie Nutzer mit ihren virtuellen Avataren verschmelzen, wie die Gesundheit einer ganz realen Person von der Verfassung seines Online-Abbildes beeinflusst wird.

Auch Michael Bretz macht mit, Pressesprecher von Creditreform, einer der größten Datensammler in Deutschland. Creditreform führt nicht nur umfangreiche Schuldnerlisten und informiert Unternehmen über Risiko-Kunden, sondern kümmert sich ebenfalls um das Eintreiben überfälliger Rechnungsbeträge.

Eine Welt voll Kundenkarten

Die Protagonisten also sind gewissermaßen echt, doch "Alice 5.0" überzeichnet fiktive Szenen derart, dass der ganze Film stellenweise zur Parodie verkommt. Das ist schade, denn Facebook und Google sind völlig real, genauso wie die Scoring-Werte, die Niedrigverdienern das Leben schwer machen. Doch die Filmemacher Patrick Doberenz und Philipp Enders lassen in "Alice 5.0" ihren Aussteiger Prometheus entrückt in die Kamera brabbeln und blenden futuristische Bedienelemente am Bildschirmrand ein. Das lässt das Fundament der mühsam erarbeiteten Glaubwürdigkeit zerbröseln.

Eine Antwort bleibt das eigentlich interessante und aufwendig in Szene gesetzte Gedankenspiel "Alice 5.0" leider schuldig: Warum muss Host eigentlich einen von drei Milliarden Nutzern löschen, der für seine 9500 Online-Freunde kostenlos Inhalte in das Netz einspeist? Die ganz realen Kochshows dieser Welt verführen schließlich auch keine nennenswerte Mehrheit zum Selberkochen, die Industrie mit ihrer Fertignahrung hätte die Finanzierung solcher Sendungen über Werbung sonst bereits eingestellt. Prometheus bindet Publikum mit Heilsversprechen - warum also sollte er kein profitables Glied der Verwertungskette sein?

In unserer Wirklichkeit haben die Konzerne, hat der Kapitalismus schon gewonnen: Kritische Bücher gegen ein Unternehmen lassen sich ohne Probleme bei der konzerneigenen Buchkette kaufen, und das nicht nur unter dem Ladentisch. Die Kunden und Nutzer dieser Welt wurden gewöhnt an das Scoring, führen begeistert ihre Supermarkt-Kundenkarten mit sich und protestieren kaum mehr gegen Datenerhebungen wie die aktuelle Volkszählung Zensus 2011.

Da kann sogar ein Google-Sprecher im Film als fiktiver Vertreter des gefährlichen Monopolisten auftreten und sich anschließend für Selbstironie und Wagemut feiern lassen.


"Alice 5.0", ZDF, in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.20 Uhr und in der Mediathek 

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