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14. März 2008, 13:16 Uhr

Film und TV im Web

Darf man das?

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Die Technik ist da, die Infrastruktur auch: Die Zeit scheint endlich reif für das lang erwartete Web-TV. Doch der größte Teil des gestreamten Programms ist nach wie vor illegal. Macht sich damit auch der Nutzer strafbar?

Es gibt Videoseiten im Web, über die man spricht, und solche, von denen man eher selten hört. Das allein aber sagt wenig aus über ihren Erfolg: Es gibt Adressen, die sich eher per Tipp verbreiten, als dadurch, dass die Firmen dahinter Schlagzeilen in den Medien machten. Ein Paradebeispiel dafür ist die in mancher Hinsicht weltweit erfolgreichste Video-Webseite überhaupt: Tudou.com.

Symbolträchtig: Beginn eines Streams auf einer Stage6-Klon-Seite

Symbolträchtig: Beginn eines Streams auf einer Stage6-Klon-Seite

Die Wahrscheinlichkeit, diesen Namen noch nie gehört zu haben, ist relativ groß. Die Welt schaut auf YouTube, und die Google-Tochter ist tatsächlich die Videowebseite mit den meisten Seitenaufrufen und Besuchern. In zwei Disziplinen aber liegt sie meilenweit hinter Tudou zurück: in der Quantität der ausgelieferten Daten und in der Gesamt-Nutzungsdauer.

Denn YouTube ist Web-TV von gestern. Das Geschäft der Seite ist die Verteilung von Häppchen, schnellen, kurzen Filmchen. Mit TV im Web hat das wenig zu tun.

Anders bei Tudou aus Shanghai. Die Seite limitiert die Laufzeit der Videos, die man dort hochladen kann, nicht - ihre Datenbanken bersten deshalb vor Kinofilmen und TV-Serienfolgen. Völlig ohne jede Lizenz, versteht sich, gegen jedes Verständnis von Copyright oder Urheberrecht. Die Betreiber bemühen sich angeblich darum, angezeigte Rechtsbrüche durch Löschung zu bereinigen. In der Regel aber dauert es nie lang, bis die Filme wieder auftauchen. Wer wollte 20.000 neue Filme am Tag auch kontrollieren, 55 Millionen ausgelieferte Dateien?

Nur um die Größenordnung klar zu machen: 15 Milliarden Minuten Videomaterial verstreamt Tudou jeden Tag. YouTube kommt auf nur rund drei Milliarden Minuten (Alexa Net Monitoring).

Das ist es, was der Nutzer will

Womit beantwortet ist, wonach zumindest der Heavy-User mit Sprachkenntnissen wirklich sucht: nach Film und TV. Prinzipiell könnte eine Seite wie Tudou irgendwann einmal zu einer Art globalem Medienpool anwachsen, von dem aus weltweit Film und TV in hoher Qualität verteilt werden. Verhindert wird das durch die meist miserable Qualität des raubkopierten Materials sowie durch die doch recht wackelige, langsame Leitung.

Aber Tudou ist ja auch nur ein Beispiel von vielen. Das kürzlich eingestellte Stage6 führte lange vor, wie das TV der Zukunft aussehen könnte, mit Filmen in annähernd DVD-Qualität und tollem Sound. In China konkurrieren Ouou und - seit kurzem zunehmend erfolgreich - Youku mit den Film-Shanghaiern. In den Vereinigten Staaten ist es vor allem Veoh, das gern von Video-Piraten als Verteilstation missbraucht wird.

Denn das ist der Witz daran: Über die Webseiten der Betreiber selbst sind die gesuchten Videos gar nicht zu finden. Sie sind im Bruch mit den Geschäftsbedingungen der Videoseiten dort unter kryptischen Namen abgelegte Kuckuckseier.

Zugänglich gemacht werden sie von einer ständig wachsenden Zahl sogenannter Aggregatoren-Seiten, die Filme und Serienfolgen quer über die verschiedenen Plattformen auf den Index setzen. Viele davon sind Kataloge der aktuell verfügbaren Raubkopien und auf dem besten Wege, zu den populärsten Seiten im Netz vorzustoßen.

Traffic-Analyse von Alexa.com: Videoseiten mit ausgeprägtem Film- und TV-Angebot
Alexa.com

Traffic-Analyse von Alexa.com: Videoseiten mit ausgeprägtem Film- und TV-Angebot

Einzelne Seiten und Dienste werden mit juristischer Hilfe eingestellt, wie zuletzt TvLinks.co.uk. Doch immer neue entstehen. Ob solche Angebote legal sind oder nicht, hängt dann von der Rechtslage des jeweiligen Landes an. Die Betreiber verweisen unisono darauf, dass sie ja nur von Nutzern eingesandte Links hin zu anderen Servern veröffentlichen. Die Rechtsbrüche würden demnach nur von denen begangen, die per Upload den Videoseiten Kuckuckseier ins Netz legten.

Doch ist das wirklich so? Kaum eine Frage wird seit Monaten in Film- und TV-Foren häufiger diskutiert.

Aggregatoren: Rechtstatus unklar

Eine wirklich klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Auf Seiten der Täter - soll heißen: derjenigen, die die Dateien erstellen - ist die Sache klar: Die Raubkopie ist illegal, sie in Umlauf zu bringen, auch.

Auch der Status der Aggregatoren erscheint zumindest fragwürdig, betreiben sie letztlich doch eine seltsame neue Form der Hehlerei. Denn natürlich versuchen die Aggregatoren, Werbe-Geld mit den Rechtsbrüchen wie Serviceleistungen anderer zu verdienen. Den Vogel schießt hier der Dienst Graboid ab, der Video-Streams via einer eigenen Software zugänglich macht und dafür bis vor kurzem sogar noch Geld verlangte. Eine Klage gegen den Betrieb einer Aggregatorenseite, die Nutzer bewusst und direkt zu illegalen Veröffentlichungen führt, dürfte in Deutschland deshalb nicht ohne Erfolgsaussichten sein.

Doch was ist mit dem Nutzer, dem reinen Zuschauer?

Über die Frage jedoch, inwieweit es legal ist, im Web Streams einfach nur zu sehen, herrscht bei den meisten Nutzern Unklarheit. Der Nutzer nimmt den Stream nicht als Download wahr, sondern als eine Art Rundfunk. Für den Gesetzgeber sieht das möglicherweise anders aus. Technisch ist zumindest der so genannte sukzessive Download kein Stream, auch wenn er so aussieht: Dabei werden Multimedia-Dateien über das Web heruntergeladen, die man als Stream wahrnimmt, weil man sie bereits nach einer Vorpufferungszeit von wenigen Sekunden sehen kann.

Das gilt für die mit Abstand meisten Web-TV-Angebote, denn diese Technik ist erheblich kostengünstiger als ein echter Stream. Ein Problem dabei: Prinzipiell kann man einen solchen Stream speichern, wenn man weiß, wie es geht. Die Streams landen wirklich als Kopie im Cache, technisch sind sie also Downloads. Größer noch aber ist das Problem, dass für den Nutzer die Legalität eines Angebotes gar nicht unbedingt abzuschätzen ist. Legale wie illegale Streams unterscheiden sich technisch nicht - und viele Aggregatorenseiten mischen fleißig lizenzierte Angebote und Raubkopien, ohne dass für die Nutzer sichtbar wäre, was woher kommt.

Auch das gerade erst novellierte Urheberrecht bietet nicht nur in dieser Hinsicht reichlich Gummi. Anders, als dies Vertreter der Entertainment-Industrie gerne darstellen, stellt das deutsche Urheberrecht nämlich nur die Erstellung und Verbreitung einer offensichtlich rechtswidrig hergestellten Vorlage unter Strafe. Beim Stream aber verbreitet man fraglos nichts weiter im Netz.

Aber erstellt ein Nutzer eine Kopie, wenn sein Rechner eine "Sendung" puffert? Wohl kaum, zumal er nicht gewerblich handelt oder Kopien in Umlauf bringt - er nutzt sie noch nicht einmal und ist sich meist nicht bewusst, dass sie überhaupt existiert. Die temporäre Datei könnte man also als ein technisches Feature des sukzessiven Downloads sehen, nicht als bewusst für eine weitere Nutzung angelegte Kopie.

Selbst wenn: Unter all den Anzeigen gegen Nutzer von P2P-Börsen, erklärt der Anwalt Jörg Heidrich, Justiziar beim auf IT-Themen spezialisierten Verlag Heise, finde sich bisher keine gegen einen reinen Nutzer, der selbst nicht auch Kopien in Umlauf gebracht hätte. Heidrich: "Da ist mir keine einzige bekannt."

Der Grund könne wohl darin liegen, dass es ganz und gar nicht so sei, dass der deutsche Gesetzestext den reinen Konsum unter Strafe stelle. Anderslautende Behauptungen von Industrie-Vertretern ließen sich durch den Text des Gesetzes nicht belegen. Was jedoch nicht ausschließe, dass es nicht irgendwann zu einer Klage gegen einen Stream-Nutzer kommen könnte.

Doch selbst wenn sich dann die Rechtsauffassung der Entertainment-Branchenvertreter bestätigte, dass auch die Nutzung von Kopien aus offensichtlich rechtwidrigen Quellen verboten wäre: Wie sollte der Nutzer das feststellen? Dann, glaubt Heidrich, könne es vor Gericht möglicherweise "auf den Inhalt der aufgerufenen Datei" ankommen (siehe Kasten).

Ist es legal, eine Sendung zu sehen, die hier einem anderen Sender "gehört"?

Im Gesetz sind auch Vorführungs- und Senderechte definiert. Begeht ein Internet-Nutzer einen Rechtsbruch, wenn er auf der Seite eines amerikanischen Senders eine Sendung sieht und damit temporär kopiert, weil der Produzent des betreffenden Schinkens die Verwertungsrechte in Deutschland vielleicht ProSieben garantiert hat?

Hier fällt die Antwort weit klarer aus: Natürlich nicht.

Wenn etwa CBS in Amerika sich dazu entscheiden würde, im Web CSI-Folgen werbefinanziert und kostenfrei zu zeigen, dürften wir diese natürlich sehen - obwohl die Senderechte in Deutschland bei RTL liegen. Der Haken: Es gibt in den USA zwar immer mehr solcher Angebote, wir bekommen sie aber in der Regel nicht zu sehen. Die Anbieter blockieren Zugriffe aus Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten, um den Lizenzstreit mit hiesigen Sendern zu vermeiden.

Eigentlich ist das hochgradig bedauerlich. Die Nutzer von Streaming-Angeboten suchen ja nicht nach dem Rechtsbruch, sondern nach attraktiven Inhalten. Das Problem: Anders als in den USA sucht man die in Europa noch weitgehend vergeblich.

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