Filmindustrie gegen P2P Piraten vor Gericht

Eine Kinokarte kostet rund 8 Euro, eine Videokamera ist für 300 zu haben, außer im Kino, wenn sie läuft: Dann kostet sie ihren Besitzer 250.000 Dollar und mehrere Jahre Haft, wenn er erwischt wird. In den USA hagelt es derzeit entsprechende Urteile.


Gerade in Großstadt-Kinos kann es heute auch in Deutschland geschehen, dass der Platzanweiser kurz nach Beginn noch einmal durch die Reihen geht - ein Nachtsichtgerät vor den Augen. Die Überwachung des Kinosaals zielt dabei nicht etwa auf unzüchtiges Techtel-Mechtel, sondern auf handliche Kameras: Zu viele große Filme, findet die Filmindustrie, finden noch vor dem DVD-Start ihren Weg ins Internet. Die schlechteren Kopien werden einfach per Hand von der Leinwand abgefilmt. Die besten Kopien haben DVD-Qualität - weil sie zu oft direkt vom Erzeuger kommen.

Star Wars III: "Vor-Veröffentlichung" im Internet
Lucasfilm

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Beides will die Entertainment-Industrie künftig verhindern. Angeblich verliert sie mittlerweile rund 3,5 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr durch Raubkopien. Die Zahl ist imaginär: Sie basiert auf Schätzungen über Film-Downloads und raubgebrannte DVDs, die einfach in potentielle DVD-Verkäufe umgerechnet werden. Ohne diese Raubkopien, argumentiert die Industrie, ginge es den Kinos nicht so schlecht und auch im exorbitant boomenden DVD-Sektor würde sie noch mehr verdienen.

Doch Milliarden hin oder her, dass hier Verluste entstehen, steht außer Frage - und dass eine Industrie ihre Produkte schützt, ist ebenfalls logisch. In den USA hat sich die Hatz auf die Kopierer in den letzten zwei Jahren verschärft. Nach einer Serie von Razzien und zahlreichen Verhaftungen in den sogenannten "Release Groups", die sportlich darum wetteifern, möglichst als erste eine "kostenlose" Kopie eines Blockbusters ins Netz zu stellen, jagt sie vermehrt auch im Kinosaal.

Mit Erfolg. Am Dienstag kam es gleich zu zwei Urteilen. Welches zuerst erfolgte, ist strittig: Entweder Ronald R. oder Curtis S. dürfen sich im zweifelhaften Ruhme sonnen, als erster auf Basis eines nagelneuen Gesetzes gegen den Einsatz von Aufnahmegeräten in Kinosälen und die Verbreitung von Raubkopien im Internet, dem "Family Entertainment Copyright Act", verurteilt worden zu sein. Davon abgesehen drohen ihnen bis zu drei Jahre Haft, Geldstrafen bis zu 250.000 Dollar plus Schadenersatzforderungen in eventuell folgenden Zivilprozessen.

Die Täter sind meist Insider

Curtis S. ist der erste verurteile "Kino-Filmer". Vor Gericht bekannte er sich schuldig, handgefilmte Kopien der Filme "Bewitched" und "The Perfect Man" in eine P2P-Börse eingestellt zu haben. Schmerzhafter aus Sicht der Industrievertreter ist der Fall von Ronald R. - der allerdings auch die größere abschreckende Wirkung haben könnte.

Denn Ronald R. gehörte zur Oscar-Jury und hatte eine Vereinbarung unterschrieben, die ihm teils vorab zur Verfügung gestellten Kopien nicht in Umlauf zu bringen. Das "Million Dollar Baby" von Clint Eastwood fand er so gut, dass er es anderen nicht vorenthalten wollte: Als die Kopie in den P2P-Börsen landete, ließ sie sich anhand ihrer digitalen Kennung zu Ronald R. zurückverfolgen. Er hatte den Film quasi mit Absender auf den Weg geschickt.

R. ist seit seiner Verhaftung beruflich erledigt, doch da hören seine Sorgen nicht auf: Zwar erreichten seine Anwälte vor Gericht einen Deal, der sein Strafmaß auf nicht mehr als 6 Monate Haft und 100.000 Dollar Geldstrafe begrenzen soll. Vertreter der Filmlobby MPAA kündigten aber bereits an, dass sie eine Zivilklage folgen lassen wollen, die Ronald R.'s Rechnung um bis zu 150.000 Dollar Schadenersatz erhöhen könnte.

Die Industrie hat die Hatz verschärft

Abschreckung tut aus Sicht der MPAA Not, denn die bei weitem meisten Raubkopien - Schätzungen zufolge rund 80 Prozent - werden von Mitarbeitern der Filmindustrie selbst weitergegeben. Irgendwo in der Produktionskette findet sich immer ein Leck: Mal ist es der Vorführer bei einer Presse-Preview, mal jemand im Schnittstudio oder im Vervielfältigungswerk.

Hulk: Im Netz auch ohne Hose
UIP

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Ungewöhnlich oft trugen in den letzten Jahren Film-Raubkopien die Kennzeichnung der Oscar-Jury, und in manchen Fällen kommt ein Film sogar zur inoffiziellen, aber höchst öffentlichen Uraufführung, bevor er überhaupt fertig gestellt ist: Beim Comic-Action-Kracher "Hulk" war das vor zwei Jahren so.

Eine populäre "Vorab"-Raubkopie wurde mit Lücken im Soundtrack und - maßgeblicher - unfertigen Spezialeffekten ausgeliefert. Was fehlte, war die Hose: Teils lief der Hulk sekundenlang nackt durch die Gegend, teils flackerte sein Beinkleid nur, während er sich Panzer zertrümmernd durch den Film prügelte. Seitdem weiß man, dass der grüne Gigant eigentlich eine Art Barbie-Puppe auf Steroiden ist: Der Kerl hat keinerlei Geschlechtsmerkmale.

Im letzten Jahr prügelten sich einmal mehr die Jedi mit den Sith, und auch "Star Wars: Episode III" gelangte noch vor dem Kinostart in Netz. Wieder einmal über einen "Screener", eine für den internen Gebrauch gedachte Kopie, die an Oscar-Jurymitglieder verschickt werden sollte. In diesem Fall gelang es den Fahndern der MPAA, die ganze alternative Verwertungskette von der Raubkopie bis zur Einspeisung ins Netz zu verfolgen.

Acht Personen sollen daran beteiligt gewesen sein, gestern reichte die MPAA in Kalifornien Klage gegen sie ein. Der Prozess soll im Oktober beginnen, und wieder drohen den Angeklagten bis zu drei Jahren Haft plus Schadenersatzforderungen.

Wie kaum einer zuvor verdeutlicht dieser Fall, wie große Teile der von der Industrie so gefürchteten "Raubkopierer-Mafia" aussehen: Gerade bei den Kopien, die in P2P-Börsen landen, geht es seltener um organisiertes Verbrechen, als um Gefälligkeiten und kleine, nicht ganz koschere Dienste unter Freunden - um Alltagsdelikte.

Star Wars III: Vom Kopierwerk zur Börse

Ausgangspunkt der illegalen Vorab-Veröffentlichung von "Star Wars III" war nach Ermittlungen des FBI Albert V., 28, Angestellter eines kalifornischen Film-Vervielfältigungswerkes. Weiter ging es unter Freunden: Als erstes verlieh Albert V. "seine Kopie" an seinen gleichaltrigen Kumpel Jessie L., der sich wiederum erfreut eine eigene Kopie zog.

"Million Dollar Baby": Von Oscar-Jurymitglied weiter gegeben
KINOWELT

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Als nächstes ließ er drei ehemalige Arbeitskollegen in den Genuss des zu dieser Zeit noch exklusiven Filmes kommen: Michael Fousse, Dwight S. und Stephani G. freuten sich drüber und zogen ihrerseits Kopien.

Stephani G. gab anschließend eine Kopie an Joel D.. Der wiederum hatte einen Kumpel namens Marc H., der im Gegensatz zu den sieben anderen nicht nur eine ganz private, heimliche Weltpremiere genoss, sondern diesen Spaß auch mit ein paar Millionen Leuten teilen wollte: Erst Marc H. veröffentlichte den Film über eine P2P-Börse - einen Tag, bevor der Film seinen Kinostart erlebte.

Auch Marc H. sieht sich darum mit einer Klage unter dem "Family Entertainment Copyright Act" konfrontiert, auch ihm drohen bis zu drei Jahre Haft. Die anderen Sieben werden glimpflicher davonkommen: Ihnen werden Copyrightverletzungen vorgeworfen, die mit Haftstrafen bis zu einem Jahr verbunden sind.

Initiiert wurden alle Ermittlungen durch private Fahnder der MPAA, die ihre Informationen an das FBI weitergaben. Ausgangspunkt der Recherchen waren angeblich jeweils Rückverfolgungen der IP-Adressen der Personen, die die Filme in die P2P-Börsen eingespeist hatten.

Die Vertreter der Filmlobby MPAA jedenfalls dürften den 27. September rot in ihren Kalendern anstreichen: So viel Abschreckung an einem Tag gab es noch nie. Als Sahnetüpfelchen auf dem Prozess-Kuchen folgte dann noch die Klage gegen Eric W.

Der hatte sich bei der gestrigen Eröffnung des Prozesses gegen ihn schuldig bekannt, in einem Fall gefälschte DVD-Label auf eine Menge raubkopierter DVDs geklebt zu haben. Im Gegensatz zu den anderen Prozessen gehen die Staatsanwälte hier vom einem kriminellen Akt aus pekuniären Interessen aus: Eric W. könnte die Klebeaktion mit fünf Jahren hinter Gittern bezahlen.

Frank Patalong

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