Filmvermarktung online Verhungern im Long Tail

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2. Teil: Film sucht Publikum - das Für und Wider der Onlinevermarktung


Zu deutsch: Auf einer Plattform, auf der neben Shopping auch eine inhaltlich orientierte Community-Kommunikation stattfindet, hätten auch Inhalte eine Verkaufschance, die in reinen Shops wie iTunes oder bald Amazon, das die Einführung von VoD-Angeboten plant, untergehen. "Long Tail" nennt man das, wenn sich so erzielte Einzelverkäufe zu relevanten Zahlen zusammenkleckern.

Das Wörtchen "Grenze" aber lässt bei Flimmit-CEO Ulrich Müller-Uri auch Alarmglocken läuten: "Um es nett auszudrücken, die Lizenzierung in Europa ist extrem facettenreich. Es beginnt dabei, dass viele Produzenten und Filmemacher nicht einmal wissen, wofür sie wie lange Rechte besitzen oder nicht, gefolgt von den nach wie vor gängigen territorialen Auswertungsgrenzen."

Das Problem kennt auch Onlinefilm-Chef Cay Wesnigk: "Der gordische Rechteknoten verhindert auch, dass mehr Content für VoD zur Verfügung steht. Von 25.000 Filmen, die in unserer Datenbank angelegt wurden, sind nicht einmal 10 Prozent zum Download for Pay freigeschaltet."

Derzeit wird an einer Technik gearbeitet, das bei Internetnutzern so verhasste Geo-Blocking zu implementieren, so dass bestimmte Inhalte nur noch in bestimmten definierten geografischen Räumen sichtbar oder abrufbar sind - aus Kundensicht eine klare Verschlechterung. Die EU-Kommission bastelt seit Jahren an einer Vereinheitlichung der europäischen Lizenzierungspraxis. Bis es die gibt, verhindert mittelalterlich anmutetende Kleinstaaterei manches Geschäft - sogar für die Produzenten selbst.

Amerikanische Produzenten wie Shop-Portale haben es da erheblich leichter. Seiten wie SnagFilms kombinieren Blog, Shop und Community. Die Reichweite ermöglicht andere Refinanzierungen: Neben kostenpflichtigen Downloads gibt es auch kostenlose Streams, die per Werbung gegenfinanziert werden. Doc Alliance, eine Kooperation von fünf europäischen Dok-Film-Festivals, setzt ebenfalls hoffnungsvoll auf Mini-Preise: Ausgewählte Filme sieht man dort ab 50 Cent - offensichtlich geht es nicht immer ums Geld, sondern oft einfach ums Publikum.

Gegenmodell: Tingeln und Direktvertrieb statt Shop

Das sieht auch der deutsche Filmemacher Peter Haas ähnlich - aber trotzdem brauche auch ein Dok-Filmer ein Geschäftsmodell, zum Leben und dafür, überhaupt produzieren zu können. Dass viele Filmemacher eher bremsen, wenn es um die Online-Distribution geht, versteht er völlig: Was für den Einzelnen in der Masse solcher breit aufgestellten Vermarktungsplattformen herauskomme, seien allzu oft Peanuts. Seine erste Zahlung aus einem US-Direktvertrieb habe nach einem halben Jahr die Höhe von 69 Dollar erreicht: "Wir haben den dann lieber eingerahmt als ihn einzulösen. 69 US-Dollar, unsere Bank wollte 35 Euro Gebühren!"

Cay Wesnigk von Onlinefilm kennt das Problem. Noch sei Online-Vermarktung nichts, was maßgeblich zur Refinanzierung beitragen könne: "Die Umsätze sind auf allen Portalen noch zu gering, um die Erlöse ernsthaft in Betracht zu ziehen. Garantien werden nicht gezahlt. Die Fragmentierung des Marktes - über 300 VoD-Plattformen allein in Europa - macht es schwierig zu agieren, das ist viel Arbeit für wenig Erlöse."

Haas hat daraus Schlüsse gezogen: "Die Streaming- und Online-Plattformen bieten noch immer kein gutes Geschäftsmodell für Dokumentarfilmer. Letztlich verhungert man im sogenannten Long Tail. Wir haben niemals Rechte an unseren Filmen abgegeben. Das hat sich ausgezahlt, denn es entstehen, wenn man hartnäckig und einfallsreich vermarktet, immer neue Möglichkeiten."

Haas nennt sein Modell "Slow-Budget-Filmmaking". Es beruhe nicht auf Fördertöpfen oder Senderaufträgen, sondern auf konsequenter Selbstvermarktung - einem Mix aus "Film-Tour", bei der man einen Film persönlich als Event zum Publikum bringt, Web-Promotion und Direktvertrieb selbst produzierter DVDs. Seit 2007 erzielten Haas und seine Partnerin Silvia Holzinger mit ihrem gemeinsamen Film "Weizenbaum. Rebel at Work" so rund 25.000 Euro im Jahr, erreichten ohne Kinoauswertung ein Publikum von 4500 Zuschauern.

Der Faktor Online sei dabei von hoher Wichtigkeit, aber nicht unbedingt im Sinne von Shops. Haas: "Letztlich sind viele Online-Plattformen wie DVD-Geschäfte mit Regalen, nur eben online. Aber die Möglichkeiten der Internetvermarktung sind viel radikaler: Gute Stoffe betreffen nur einen bestimmten Teil des fraktionierten Publikums. Vielleicht kann man diese Fraktion online als Community erreichen, die den gesamten Lebenszyklus des Filmprojektes begleitet und teilweise mitgestaltet. Als wir damit begonnen haben, für das Weizenbaum-Projekt eine Website zu gestalten, trudelten bereits die ersten DVD-Vorbestellungen ein."

Verkauft haben die beiden Filmemacher den Film inzwischen 2200 Mal. Das, sagt Haas, sei "mit Verleihern oder Distributoren praktisch unmöglich."
In der Welt des Dokumentarfilms ist 2200 viel.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Bernd Paysan 14.02.2011
1. Internetvermarktung ist total einfach
Jedenfalls, wenn man es macht wie Monty Python. Die haben einfach ihre Werke selbst auf Youtube eingestellt, und dadurch ihre Verkäufe um den Faktor 230 gesteigert (in Prozent liest sich das noch besser: 23000%). http://www.slashfilm.com/free-monty-python-videos-on-youtube-lead-to-23000-dvd-sale-increase/ Wir reden hier um einen Verkaufsrang 2 bei Amazon, nicht um irgendwelche Pille-Palle-Verkaufssteigerungen. Wir reden hier davon, dass man die Konkurrenz komplett wegfegen kann, wenn man dem Kunden liefert, was er haben will: Umsonst-Videos zum Download. Wenn ihm das gefällt, kauft er sogar - lange nicht jeder, aber genügend. Oh Wunder. Das kostenlose Anfüttern war schon immer eine erfolgreiche Marketingstrategie. Und das kostenlose Anfüttern ist heute tatsächlich kostenlos, sprich, mehr Kosten als das bisschen Aufwand, das Video bei Youtube upzuloaden entstehen nicht.
carsonlau 14.02.2011
2. Discoverisiert
Diese Art und Weise, Dokumentarfilme dem Couch-Potato schmackhaft zu machen, bringt mich des öfteren mal genervt zum Abschalten. Wenn Zoom In - Zoom Out Sounds und irgendwelches Kameragewackele und -gespiele zur Verdaulichkeitsmachung eines Themas strapaziert werden, soll man das doch bitte den Privaten überlassen. Das ÖR schielt mit dieser Taktik auf Zuschauerquoten, die da eh nicht erreicht werden. Es gibt schon genug wissenschaftlich verbrämte Quiz- und "Wissens"-Sendungen, die man besser im Sack lassen würde.
einszweidrei, 14.02.2011
3. Am Markt vorbei
Man kann nicht am Markt vorbei produzieren und sich dann wundern, dass sich der Markt dafür nicht interessiert. Wenn ich mir z.B. den in der Bildstrecke genannten Doku-Streifen über den bosnischen Flüchtling in Deutschland anschaue - ich bin weder Bosnier noch Flüchtling. So tragisch die Geschichte auch sein mag, warum sollte mich das deprimierende Schicksal eines mir fremden Menschen so interessieren, dass ich dafür Geld ausgebe? Viele Menschen in Deutschland arbeiten den ganzen Tag über. Wenn sie abends erschöpft in den Fernsehsessel oder auf die Couch fallen, dann möchten sie nicht noch weitere Probleme wälzen. Sie möchten unterhalten werden. Sie möchten träumen, von einer besseren, idealisierten Welt. Das liefern Herz-Schmerz-Serien, seichte Krimis, Kochshows, Wohnungssuche-Schwänke, TV-Galas... Wenn Menschen Dokumentationen gucken, dann aus drei Gründen: - Sie versprechen sich einen Informationsvorsprung, den sie im eigenen Alltag zu ihrem Vorteil ausnutzen können. - Sie möchten unterhalten werden, lachen, staunen, Rekorde und Sensationen erleben. - Es geht um Fußball, den Weltuntergang oder Ufos (auch so ein Thema, das im Internet der absolute Hit ist und von den öffentlichen Medien völlig ignoriert wird). Es ist schön, dass sich Dokumentarier für Nischenthemen per se interessieren, aber das ist die Minderheit. Die Mehrheit guckt "Hilfe ich bin ein Star, holt mich hier raus" (bei dieser Show darf man übrigens nicht mitmachen, wenn man ein Star ist...), "Das perfekte Dinner", die neueste total lustige und völlig unvorhersehbare Liebeskomödie mit Hugh Grant bzw. Till Schweiger oder den absolut realistischen und nicht übertriebenen Hollywood-Blockbuster. Diese unbequeme Realität wird von Filmemachern gerne ignoriert. Es bleibt aber Realität.
kontinuität 14.02.2011
4. Kosten
nur um in diesen sehr guten Artikel noch ein wenig mehr Grund hineinzubringen: Ein preiswerter Dokumentarfilm von 30 Minuten kostet bei einer Drehzeit von acht Tagen - vorausgesetzt Kameramann/frau, Tonmann/frau und weitere Leute wie Regisseur, Cutter, Studio und Equipmentverleiher bekommen ihre Mindestgagen und Mindestmieten (also keine krassen Dumpingpreise) - circa 30.000 Euro. Das wäre in irgendeiner Form einzuspielen. Bei allem, was darunter liegt, zahlt irgendwer drauf. In Wirklichkeit können die realen Kosten (Themen die mehr Drehtage oder zusätzlich Reisen erfordern) jedoch auch schnell bei 40 bis 50 Tausend Euro liegen. Wenn dabei nun eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt mit einem für sie günstigen Betrag einsteigt (was durch Umstrukturierungen der Programme immer seltener geschieht), werden oft sämtliche Rechte sowohl an dem Film als auch an dem Rohmaterial verlangt, was jegliche (oft eigentlich notwendige kostendeckende) Weiterverwertung verhindert.
kontinuität 14.02.2011
5. Kosten
nur um in diesen sehr guten Artikel noch ein wenig mehr Grund hineinzubringen: Ein preiswerter Dokumentarfilm von 30 Minuten kostet bei einer Drehzeit von acht Tagen - vorausgesetzt Kameramann/frau, Tonmann/frau und weitere Leute wie Regisseur, Cutter, Studio und Equipmentverleiher bekommen ihre Mindestgagen und Mindestmieten (also keine krassen Dumpingpreise) - circa 30.000 Euro. Das wäre in irgendeiner Form einzuspielen. Bei allem, was darunter liegt, zahlt irgendwer drauf. In Wirklichkeit können die realen Kosten (Themen die mehr Drehtage oder zusätzlich Reisen erfordern) jedoch auch schnell bei 40 bis 50 Tausend Euro liegen. Wenn dabei nun eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt mit einem für sie günstigen Betrag einsteigt (was durch Umstrukturierungen der Programme immer seltener geschieht), werden oft sämtliche Rechte sowohl an dem Film als auch an dem Rohmaterial verlangt, was jegliche (oft eigentlich notwendige kostendeckende) Weiterverwertung verhindert.
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