Hype um App FindFace Die Erkennungsmaschine aus Russland

Die App FindFace benötigt angeblich nur ein Foto von einem Menschen auf der Straße, um ihn in einem sozialen Netzwerk wiederzufinden. In Russland hat das schon unangenehme Folgen.
FindFace (Screenshot)

FindFace (Screenshot)

Es ist ein lästiges Phänomen aus dem Internet: Hat man sich ein Produkt in einem Onlineshop angeschaut, etwa eine Stereoanlage, bekommt man noch tagelang auf verschiedenen Webseiten Werbung für Stereoanlagen eingeblendet. "Retargeting" nennt sich diese Praxis. Viele dürften froh sein, dass sie auf das Internet beschränkt ist.

Zumindest bis jetzt. Denn schon bald dürfte es möglich sein, Kunden zu erkennen, die sich in echten Geschäften Stereoanlagen anschauen, und ihnen Tage später gezielt Werbung zuzuschicken. Das erinnert an die Szene aus dem Film "Minority Report", in der Tom Cruise alias John Anderton durch ein Einkaufszentrum geht und die Werbetafeln ihn persönlich mit Namen ansprechen. Doch das konkrete Beispiel mit der Stereoanlage stammt nicht aus einem Science-Fiction-Film. Es stammt von Alexander Kabakov. Der 29-jährige Russe hat mit Kollegen eine Technik entwickelt, die diese Vision zur Wirklichkeit machen könnte.

In einem Interview mit dem "Guardian"  hat er jüngst das Szenario mit der Stereoanlage erwähnt. In dem Gespräch ging es um Kabakovs Anwendung, die derzeit Kontroversen auslöst: die App FindFace . Als Nutzer kann man dort ein Foto hochladen, das man irgendwo von einem Menschen geschossen hat. Das Programm durchforstet dann das russische Facebook-Äquivalent VK  und findet unter den 200 Millionen Nutzern die fotografierte Person. Natürlich funktioniert das nur, wenn die Person Fotos in dem Netzwerk hochgeladen hat. Die Macher preisen ihre Idee als eine Revolution beim Dating an: Will man mit jemanden anbandeln, den man auf der Straße gesehen hat, braucht man nur ein Foto der Person, schon findet das System ihr Profil und spuckt auch noch zehn Alternativen aus, die so ähnlich aussehen.

  • Wozu das noch gut sein kann, zeigten vor einigen Wochen die Nutzer eines russischen Internetforums: Sie schickten Bilder aus Pornovideos durch die FindFace-Gesichtserkennung, fanden VK-Profile der Darstellerinnen und wiesen die Kontakte der Frauen auf die Filme hin. Eine ganz neue Form des Cyber-Mobbings ist da entstanden.
  • Etwas subtiler ging der Fotograf Egor Tsvetkov ans Werk. Er schoss Bilder von Menschen in der Sankt Petersburger U-Bahn und fand anschließend deren VK-Profile. Unter dem Titel "Your Face is Big Data"  präsentierte er die scheinbar anonymen Fotos aus der U-Bahn neben teilweise intim anmutenden Bildern aus dem sozialen Netzwerk. Durch diesen Kontrast wirken die Fotos beklemmend.

Beide Fälle zeigen, was die grundlegende Veränderung ist, die die Gesichtserkennung mit sich bringt: Man kann nicht mehr voraussetzen, in der Öffentlichkeit anonym zu sein. Ein flüchtiges Foto reicht schon aus, um identifiziert zu werden. Die Sicherheitsfirma Kaspersky hat das System getestet. Mit idealen Fotos in guter Qualität erkannte es neun von zehn Personen. Mit Fotos schlechterer Qualität funktionierte es laut eines Blog-Eintrags  nicht ganz so gut. Kaspersky bietet auch Tipps an, wie man sich der Gesichtserkennung entziehen kann: Man solle etwa stets nur ein Foto als Profilbild nutzen und alle älteren löschen. Das mache es der Software schwer.

FindFace schlägt Google-System

Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass Menschen selbst schuld sind, wenn sie ihre Bilder bei VK hochladen. Aber es geht um viel mehr als das russische soziale Netzwerk. Das wirklich Interessante ist der Algorithmus, der hinter FindFace steckt. Er nennt sich FaceN  und nutzt laut seinen Machern Techniken des maschinellen Lernens, um Gesichter effizient zu erkennen. Dabei soll er Strukturen analysieren, die sich nicht verändern, wenn jemand zum Beispiel eine Brille aufsetzt oder Make-up aufträgt.

Bei einem Wettbewerb der University of Washington, bei dem es darum geht, Gesichter in Unmengen von Fotos zu erkennen, erreichte das System eine Trefferquote von über 70 Prozent und schlug damit knapp die Konkurrenz aus dem Hause Google .

FindFace ist nur eine Anwendung dieses Algorithmus. Sie ist so etwas wie das Aushängeschild. FaceN könnte im Grunde mit jeder Bilderdatenbank arbeiten. Bei Facebook funktioniere es nur deswegen nicht, weil das Netzwerk seine Fotos anders speichere als VK, sagen die Macher laut "Guardian".

Moskaus Stadtverwaltung wolle den Algorithmus in Zukunft nutzen, um Material aus Überwachungskameras mit Datenbanken von Fahndungsfotos abzugleichen. Für Werbung wie bei "Minority Report" bräuchte man gar keine Bilddatenbank, es würde reichen, die gleiche Person mehrfach zu erkennen. Man könnte sich auch vorstellen, dass autoritäre Regime einen solchen Algorithmus nutzen, um Demonstranten zu identifizieren. Die Technologie ist da; und sie wird auch nicht verschwinden. Die große Frage lautet, wer sie wofür nutzen wird.

Auf die Frage des "Guardian", ob sie auch mit dem russischen Geheimdienst FSB zusammenarbeiten würden, antworteten die Macher des Algorithmus übrigens: "Wenn der FSB mit uns in Kontakt treten würde, würden wir uns natürlich deren Angebot anhören."

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