Flashmob-Revival Die Verhaftung der lautlosen Ruhestörerin

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2. Teil: Blick zurück - die Geschichte der Flashmobs ist ein großes Missverständnis


Das Phänomen Flashmob war zunächst eine Mode des Sommers 2003. Nach einem ersten, gescheiterten Versuch im Mai gelang es dem Journalisten Bill Wasik im Juni 2003, über das Internet mehrere Hundert junge Leute für ein paar hochgradig schwachsinnige Taten zu rekrutieren. Über SMS koordiniert, liefen sie scheinbar ferngesteuert zuerst in einem Geschäft auf, wo sie sich um einen ausgestellten Teppich versammelten. Alle waren instruiert, eventuelle Fragen von Verkäufern so zu beantworten, dass sie ein Kollektiv seien, dass in einem Lagerhaus am Stadtrand lebe, einen "Liebes-Teppich" suche und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam treffe.

Bevor irgendjemand auf die Idee kam, die vermeintlichen Irren entfernen zu lassen, strömten diese, der nächsten Handy-Instruktion folgend, in eine Hotel-Lobby, wo sie angeblich exakt 15 Sekunden lang applaudierten. Rund 200 besonders Begeisterte fielen zum krönenden Abschluss als vermeintliche Touristen in ein Schuhgeschäft ein.

Das mediale Echo folgte sofort - und eine Welle der Begeisterung schwappte durch das Web. In zahlreichen Großstädten rund um die Welt kam es bis zum Herbst 2003 zu mehr oder minder erfolgreichen Flashmobs. Auch SPIEGEL ONLINE witterte damals - als erstes Medium in Deutschland - schon ein revolutionäres, zumindest aber Spaß-Guerilla-Potential. Dann starb die Bewegung so plötzlich wie sie begonnen hatte.

Erst drei Jahre später erklärte Bill Wasik, das alles sei nur ein satirisches Experiment gewesen. Er habe die ach so hippen technophilen Web-Jünger als schein-nonkonformistisch vorführen wollen, indem er sie zum Teil eines ferngesteuerten Mobs machte.

Ein Trick? Was soll's? Macht Spaß!

Das gelang ihm ganz prächtig, denn es traf offenbar ein Lebensgefühl: Die Ferngesteuerten fanden es ganz große Klasse, ferngesteuert zu sein. Das ist auch heute nicht anders: Für Flashmobber liegt der Witz gerade darin, sich bewusst und mit Begeisterung fernsteuern zu lassen. In einer Kultur, in der nichts schlimmer ist, als normal zu sein, zur Norm zu gehören, gibt es den Verweigerern der Norm offensichtlich einen Kick, diese einmal nicht zu verweigern.

Zumal man ja normiert tut, was Normale nicht in Massen tun: Auf dem Bauch liegen, massenhaft Burger essen, lautlos tanzen. Mit dem durch staatliche Beihilfe zum Widerstandsakt geadelten Mini-Flashmob, von dem ohne Brooke Oberwetters Verhaftung nie jemand gehört hätte, wird diese Feier der Selbstironie nun zur wahren Realsatire.

Insofern ist der Jefferson-Dance-Flashmob der bisher wohl erfolgreichste überhaupt.

Selbst die Proteste folgen nun der Norm: "Als Bürgerin von DC", kommentierte eine Bloggerin triefend ironisch den Ton konservativer Leserbriefschreiber imitierend, "bin ich natürlich begeistert zu hören, dass Gewaltverbrechen in einem Maße zurückgegangen sind, dass wir wertvolle Polizei-Ressourcen erübrigen können zur Bekämpfung dieser lautlosen Bedrohung - des Tanzens."

Die Prognose sei gewagt: Der Tanz hat gerade erst begonnen.



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Takamisakari, 16.04.2008
1. Sie hat noch glück gehabt
Ich finde Sie hat noch Glück gehabt, es hätte ja auch sein können das wegen des unglaublichen Bedrohungspotentials, erst mal wie wild geteasert wird. °_^
doctor manhattan 16.04.2008
2. meme
Nachdem ich bei einigen Howard-Rheingold-Flashmobs in Kalifornien so anno 96 mitgemacht habe hätte ich nicht erwartet von dem Trend wieder was zu hören. War wohl doch ein gutes meme… ;))
M.S.Schneider, 16.04.2008
3. fein
Scheinbar sinnlos kann es doch auf das Absurde des 'Normalen' hinweisen und ganz nebenbei noch aufdecken, wie paranoid Staat und 'Gesellschaft' inzwischen geworden sind. Selbst im Spon-Text werden die Aktionen als 'auffällig' beschrieben. Dabei wäre es doch umgekehrt viel spannender: Wie unauffällig, konform und langweilig ist eine 'Gesellschaft', in der Tanzen als Auffälligkeit gilt, in der nur der als 'normal' gilt, der als Teil des Konsumviehs durch die Straßen wankt? Als normal im öffentlichen Raum gilt mittlerweise nur der, der entweder arbeitet, auf dem Weg zur Arbeit ist oder als Konsumzombie unterwegs ist. Dass dieser, unsere, öffentliche Raum tatsächlich offen zu sein hat, wird bereits kaum noch verstanden.
jean dark 16.04.2008
4. Na ja
Da sieht man dass diese Bewegung doch bei weitem subversiver ist als angenommen, denn der Autor kratzt nur an der Oberfläche, dieses Prinzip des Flashmobs wurde in Berlin für bewußt politische Aktionen schon Anfang 2000 benutzt, es gab mehrere unangemeldete Demos an unmöglichen Orten, die sich, eh die Polizei da war, wieder auflösten und das Prinzip war in Berlin eigentlich nie wirklich tot. Das Prinzip wurde später dann für 5 Minuten Parties benutzt, seien es verabredetet Treffen in U Bahnen, in denen plötzlich hunderte Leute standen und eine Band im U Bahn Wagen spielte, sei es kollektives Schwarzfahren, sei es ein plötzliches Treffen, nachts am EC Karten Automaten in einer Bank, um diese für 5 Minuten zur Bar zu machen. Auch der Berliner Musiker Alec Empire nutzte dieses Prinzip für sein Video "Kiss of Death". Bekanntgabe im Internet, dann tauchten dutzende schwarz gekleidete Menschen auf, die sich für ein paar Minuten wie Tote auf die Berliner Museums Insel legten. Als die Polizei da war, war das Video schon gedreht. Letztendlich ist es aber in der Tat so, dass auch diese Form, die ursprünglich subversiv war, von Institutionen aufgegriffen wurde, auch vom Guerilla Marketing und damit nun im Mainstream angekommen ist und eben keine Subversion mehr ist. Ist so wie mit Rock'n Roll, der als Werbemusik sein Ende findet.
sabai27 16.04.2008
5. Lol.....
Subversiv? Ziviler Ungehorsam?? Märtyrer??? Non-Konformistische Spontis???? Hahaha...selten so gelacht. Gibt 'ne trefferende und schön griffige englische Wortschöpfung dafür: Attention Whores!
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