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15. Juli 2012, 08:57 Uhr

Bildkritik von Profis

So fotografieren Sie besser

Ein ungleiches Paar in Peru, eine Berglandschaft in Tibet und ein Sommerabend in der Schweiz: Profi-Fotografen analysieren die Aufnahmen engagierter Amateure und geben Ratschläge, wie es noch besser geht. Foto-Tipps vom Fachblog fokussiert.com.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren professionelle Fotografen regelmäßig bemerkenswerte, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl der Bildkritiken.

Reduzierte Farbenpracht

Farben und Formen gut kombiniert ergeben ein gutes Bild und erzählen im besten Fall eine Geschichte.

Kommentar des Fotografen:

Straßenverkäuferin in Peru beim Bohnen Schälen und Plaudern.

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Bernhard Bader:

Bernhards Fotografie würde ich eher in die Kategorie "street-photography" einordnen als abstrakt. Was mir bei diesem Bild sofort ins Auge gefallen ist, sind die Farben. Wie so oft sehen wir die Bilder ja erst einmal nur klein irgendwo und entscheiden dann in Sekundenbruchteilen darüber, ob wir es näher betrachten wollen oder weiter "blättern", also kein weiteres Interesse an der Abbildung haben.

Da hier sehr schön mit den Komplementärkontrasten der Farben Orange/ Blau und Rot/ Grün gearbeitet wurde oder besser gesagt diese im Bild vorkommen, wird das Motiv schon mal als interessant wahrgenommen. Was mir aber hier noch besonders gut gefällt, ist die Reduktion auf diese wenigen Farben vor der eher einfarbigen Wand. Ich weiß, dass es in Peru schon sehr farbenfroh zugehen kann. Somit hat Bernhard einen guten Blick bewiesen, als er dieses Paar fand. Auch der Bildaufbau ist ihm durch den richtigen Augenblick des Auslösens gelungen. Ich habe in dem Bild einmal die Blickführung eingezeichnet, zumindest die, welche mein Blick bei der Betrachtung nahm.

Hier ist sehr schön das Zusammenspiel der Augenpaare zu sehen, selbst wenn wir diese nicht wirklich sehen. Ich war ja auch erst versucht, das Bild noch zu beschneiden, so dass nicht so viel Leerraum links der Frau vorhanden ist, aber gerade dort finde ich noch ein spannendes Detail, den Stromzählerkasten und die zu ihm führende Kabelverlegung. Diese wiederum führt mich zu den verschiedenen Obst- und Gemüsesorten. Ein weiteres kleines Detail ist das Kreidekreuz oben rechts, zu dem der Strich an Wand und Tür führt. So ergeben sich bestimmt nicht geplante aber doch spannende Formen im Bild, die diesem helfen den Rezipienten länger gefangen zu nehmen.

Alles in allem eine gelungene Momentaufnahme eines farbenfrohen Motivs, ohne die Augen zu übersättigen. (Thomas Rathay)

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Landschaftsfoto: Mehr Farbe

Landschaftsfotos leben unter anderem durch Farbspiel. Wenn dieses fehlt, ist das dem Bild abträglich.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild wurde auf einer Hikingtour um den Mt. Kailash in Tibet im Sommer aufgenommen. Ich habe versucht, die meditative und gleichzeitig auch etwas bedrohliche Stimmung des Bergkessels einzufangen, bin mir aber nicht sicher, ob das (v.a. für Außenstehende) auch geklappt hat.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Matthias Ihmig:

Wir hatten eine Zeitlang den National Geographic abonniert, und obwohl ich gerne lese, habe ich ihn immer nur der tollen Fotos wegen durchgeblättert. Insbesondere die Landschaftsaufnahmen sind atemberaubend, und da ich an die Orte, die dort gezeigt werden, größtenteils nie kommen werde, muss ich mich eben mit den Fotos begnügen.

Gute Landschaftaufnahmen geben nicht nur wieder, wie es irgendwo aussieht - sie vermitteln dem Betrachter auch das, was den Ort ausmacht. Die Stimmung, was man fühlt, wenn man dort ist. Und da selten Bilder so verwendet werden können, wie sie aus der Kamera kommen, polieren auch Profis oft noch nach. Das muss nicht exzessiv sein, denn wenn man an einem Bild zu sehr "drehen" muss, ist das meistens ein guter Anhaltspunkt dafür, dass mit der Aufnahme selbst etwas fundamental nicht stimmt.

Dein Bild gefällt mir insgesamt sehr gut, wenn ich auch keine Anzeichen von Nachbearbeitung erkennen kann. Die Gestalten vorne rechts vermitteln, wie gewaltig die Berge um sie herum eigentlich sind. Auch wie es ansonsten komponiert wurde, finde ich ansprechend. Warum allerdings die Farben im Foto so blass gelassen wurden, ist mir unverständlich. Mit ein paar Mausklicks hätte aus diesem Schnappschuss etwas werden können, was einem regelrecht ins Auge springt:

Ich habe hier lediglich den Kontrast und die Farben verstärkt, die im Bild bereits angelegt waren. Es wirkt immer noch natürlich, aber jetzt sieht der Betrachter, was DU gesehen hast, was DICH an dieser Landschaft so beeindruckt, so fasziniert hat. (Sofie Dittmann)

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Landschafts-Schnappschuss: Regelbrüche bewusst einsetzen

Die Krux mit Regelbrüchen ist, dass sie bewusst und gekonnt eingesetzt werden müssen, wenn sie eben genauso wirken sollen.

Kommentar des Fotografen:

Bild entstand kurz vor Sonnenuntergang im Aargauischen Fricktal. Freihandaufnahme, 1/100 sek. / ISO 500 / f16 -> damit auch Gräser im Vordergrund bzw. Landschaft im Hintergrund scharf sind.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Christian Huber:

Du hast hier einen Baum im Gegenlicht so fotografiert, dass die Sonne als Sonne und nicht bloß als heller Fleck im Bild erscheint. Viele Leute hätten in dieser Situation die Blende möglichst weit geöffnet, eine schnellere Verschlusszeit zu erreichen. Du hast das Problem damit gelöst, dass Du den ISO heraufgeschraubt hast, und bei einer Blende von f/16 entstehen so Sonnenstrahlen anstatt einer Sonnenaura. Da Du schreibst, die Wahl der Blende sei dadurch zustande gekommen, dass Du den Vordergrund scharf abbilden wolltest, nehme ich einmal an, dass es sich um einen "glücklichen Zufall" handelt, dass die Sonne so "ausfiel". Es wirkt auch alles im Vordergrund leicht verschwommen, was allerdings an der Größe des Bildes liegen kann, das mir zur Verfügung stand - das sei also dahingestellt.

Was mir bei Deinem Foto allerdings sofort negativ auffiel war die Bildaufteilung. Der Horizont, wie auch der Baum mit dahinterliegender Sonne - alles ist zu mittig für mich, zu statisch. Du hättest das hier dadurch lösen können, dass Du entweder im Querformat fotografierst und weiter entfernt stehst, so dass der Baum aus der Mitte heraus nach links verschoben wird. Du hättest auch, wenn Du das Hochformat beibehalten willst, weiter von ihm entfernt und so stehen können, dass er aus der Mitte heraus nach links verschoben wird.

Man kann natürlich argumentieren, dieser Regelbruch, was die Komposition angeht, war Absicht. Auch wenn das der Fall sein sollte, er funktioniert hier für mich nicht. Nichts ist sonst da, nichts sonst angelegt, was diese Statik auflöst. (Sofie Dittmann)

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