Bildkritik von fokussiert.com Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Zentralperspektive, behutsame Bildbearbeitung, passender Beschnitt: Mit diesen einfachen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com  analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.

Der Kuss

Kuss in einer Strandkolonnade: Die nicht ganz mittige Ausrichtung des Pärchens irritiert.

Kuss in einer Strandkolonnade: Die nicht ganz mittige Ausrichtung des Pärchens irritiert.

Foto: Marcus Leusch

Kommentar des Fotografen Marcus Leusch:

Uferpromenade bei Ostende: Eine einfache Szene, die für mich aber durch die Zentralperspektive in den alten Strandkolonnaden, den Blick sehr reizvoll auf das Liebespaar lenkt, das sich zu meiner Freude genau in der optischen Achse eingefunden hatte. Ich bin kein jagender Fotograf auf der Pirsch; mir erschien die Entfernung zum 'Objekt' gerade ausreichend, um die Privatsphäre der Personen nicht zu verletzen."

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Beim Betrachten des Bildes kommt uns sogleich Robert Doisneau mit seinem "Kuss" aus dem Jahre 1950 in den Sinn, gleichsam Henri Cartier Bresson mit seinem 'Sehen, zielen, auslösen und verduften'. Man merkt doch, dass Marcus nicht erst seit gestern in der Welt der Fotografie zu Hause ist und dass er sich mit der Materie auseinandersetzt.

Das Paar ist horizontal nicht perfekt in der Mitte ausgerichtet, sondern etwas nach rechts gerückt - nicht sehr weit zwar; aber doch so, dass eine Irritation in der hier grundsätzlich passenden Zentralkomposition resultiert - hier könnte man noch weiter beschneiden.

Der Randsaum um das Paar resultiert aus Marcus verständlichen Wunsch, diese wichtige Bildpartie durch Abwedeln noch zu verdeutlichen. Ich finde aber, dass es des Guten zu viel ist: die Seherwartung geht ja in Richtung von zwei lebendigen Menschen und nicht von 'heiligenscheinbewehrten Engelsgestalten' - ein Appell an behutsame Bearbeitung im Vorfeld der Präsentation.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass mich das Bild sehr anspricht. Wir haben eine schöne Streetszene vor Augen, gut gesehen und im richtigen Augenblick technisch sauber und mit kompositorischen Überlegungen - Hochformat, Zentralkomposition - aufgenommen.

Der richtige Zuschnitt: Nun ist das Paar in die Mitte gerückt, das Bild wirkt runder.

Der richtige Zuschnitt: Nun ist das Paar in die Mitte gerückt, das Bild wirkt runder.

Foto: Marcus Leusch

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Markt in Lalibela

Buntes Treiben auf dem Markt: Doch die Touristen im Hintergrund stören.

Buntes Treiben auf dem Markt: Doch die Touristen im Hintergrund stören.

Foto: Jacqueline von Manteuffel

Kommentar der Fotografin Jacqueline von Manteuffel:

Diese Bauern sind 30km zu Fuß zum Markt nach Lalibela in Äthiopien gelaufen. Abends laufen sie wieder zurück in ihr Dorf, aber jetzt ist Zeit, auf dem Markt die Hirse zu verkaufen, Kontakte zu knüpfen und wichtige Neuigkeiten auszutauschen. Was sie sich wohl erzählen? Das Foto habe ich nur geschnitten, nicht bearbeitet. Mir gefällt der Schwarzweiß-Kontrast und die 'sprechenden' Gesichter und Hände.

Profi Thomas Brotzler zum Bild:

Ich möchte Jacqueline einen guten Blick für die Dynamik bzw. Dramatik einer Szene zusprechen. Inszeniert ist an diesem Foto ganz offensichtlich nichts. Da gibt es kein starres In-die-Kamera-Schauen, keine übertriebene Geste nur aufgrund des Umstandes des Abgebildetwerdens. Nein, die Personen halten sich völlig ungezwungen, und wir als Betrachter fühlen uns in schöner Weise an den Ort mitgenommen.

Ich habe mir überlegt, ob sich das Bild über den bereits von Jacqueline vorgenommenen Beschnitt noch weiter verdichten und bereinigen ließe. Um die angeschnittenen Personen am linken und rechten Bildrand herauszubekommen und die Gruppe so in sich geschlossen wirken zu lassen, habe ich das Bild weiter beschnitten. Den Hintergrund fand ich dann noch etwas unruhig, hier 'latschen gerade zwei bunt gewandete Touristen durch das Bild', die den Blick von der in sich geschlossenen Gruppe ablenken. Das Bild wurde gegenüber dem Ausgangsbild übrigens etwas aufgehellt und im Mittenkontrast verstärkt.

Bei einer Publikation dieser Aufnahmen in einer Zeitung oder einem Magazin muss auf die Retusche zumindest hingewiesen werden - wenn derart bearbeitete Fotos überhaupt veröffentlicht werden, SPIEGEL ONLINE zum Beispiel lehnt die Publikation derart retuschierter Fotos ab.

Bildbearbeitung: Durch Zuschnitt wirkt die Gruppe in sich geschlossener. Die Touristen im Hintergrund wurden wegretuschiert.

Bildbearbeitung: Durch Zuschnitt wirkt die Gruppe in sich geschlossener. Die Touristen im Hintergrund wurden wegretuschiert.

Foto: Jacqueline von Manteuffel

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Dorfschule in Äthiopien

In der Dorfschule: Das Bild fängt den flüchtigen Augenblick ein, ist aber etwas unruhig.

In der Dorfschule: Das Bild fängt den flüchtigen Augenblick ein, ist aber etwas unruhig.

Foto: Jacqueline von Manteuffel

Kommentar der Fotografin Jacqueline von Manteuffel

Jacqueline von Manteuffel hat das Bild in der Kategorie 'Schnappschuss' eingereicht, doch scheint ihr eine solche Zuordnung nicht ganz zu behagen, wie wenn ihr dies 'zu sehr im Vorübergehen, zu aufschnappend und wegnehmend' vorkäme. Eine Kategorie "mit den Augen des Reisenden gesehen" wäre ihr lieber, wie sie selbst anmerkt.

Profi Thomas Brotzler zum Bild:

Ein Fluch und Segen solcher Aufnahmesituationen ist die Flüchtigkeit. Wenn man diese zu stark einschränkt, mündet das Gruppenbild rasch in Unlebendigkeit; wenn man es "einfach geschehen lässt", dann wartet das Chaos. Es gehört zu den Verdiensten namhafter Reportage- und Streetfotografen, hier einen guten Kompromiss im Bild finden, also im Sinne des 'moment décisif' eines Henri Cartier-Bresson den richtigen Zeitpunkt hochkonzentriert erkennen und festhalten zu können.

Zulässig ist es, nachträglich noch einen Beschnitt zu versuchen, um störende bzw. ablenkende Bildelemente zu reduzieren; auch sind wir nicht sklavisch an das Ursprungsformat gebunden.

Einen entsprechenden Vorschlag sehen Sie unten. Weggefallen sind hier die etwas unglücklichen Anschnitte der Schüler links und rechts, einige überstrahlte Elemente zum oberen Bildrand hin und die seltsam geisterhaft ins Bild hineinreichende Hand rechts. Die lebendige Farbgebung und die Tonwerte passen sehr gut zur Szene und wurden daher nicht verändert. Die Grundelemente der Komposition mit Linien und Blickführungen blieben ebenfalls erhalten.

Durch einen gezielten Zuschnitt verschwinden störende Elemente aus dem Bild.

Durch einen gezielten Zuschnitt verschwinden störende Elemente aus dem Bild.

Foto: Jacqueline von Manteuffel

Weitere Bildkritiken auf fokussiert.com 

Fotostrecke

fokussiert.com: Profi-Tipps für bessere Fotos

Foto: Daniela Popoaie

Eine Übersicht der bisherigen Bildkritiken zeigt diese Fotostrecke: