Bildkritik von Fokussiert.com Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Das Landschaftsfoto ist allzu statisch, in der Architekturaufnahme dominiert der helle Himmel, im Porträt der See im Hintergrund. Wie es besser geht, zeigen Foto-Profis an Beispiel-Bildern. Drei Tipps vom Fachblog fokussiert.com.


Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren professionelle Fotografen regelmäßig bemerkenswerte, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl der Bildkritiken.

Zu viel Mitte

Wenn man die Zeit hat, ein Foto perfekt zu kombinieren, sollte man diese auch nutzen.

Michael Arnold
Kommentar des Fotografen:

Das Bild ist ein HDR aus einer 5er Belichtungsreihe und mit Photomatix zusammengesetzt. Als Objektiv ist ein Sigma 10-20 an einer Sony Alpha 55 zum Einsatz gekommen.

Profi Sofie Dittmann zum Bild von Michael Arnold:

Man kann sich hier darüber streiten, ob Du eher ein Postkartenmotiv fotografiert hast - das ist meines Erachtens Geschmackssache. Denn ob Klischee oder nicht, Postkartenmotiv oder nicht - das entscheidet letztlich der Betrachter.

Jedoch fiel mir negativ die Anordnung der Steine im Vordergrund auf. Dadurch, dass Du dich auf wenige Gestaltungselemente beschränkt hast, treten diese um so stärker hervor. Mir fällt auf, dass der dunkle Stein im Vordergrund statisch in der Mitte liegt. Er gehört dort visuell nicht hin. Jedes Mal, wenn ich das Foto sehe, möchte ich ihn nach links verschieben. Und das wäre ganz einfach möglich gewesen, indem Du einen kleinen Schritt nach rechts machst. Dann wäre der Stein nach links gewandert und die Statik, die das Foto schon an sich hat, weil eben nichts passiert, wäre nicht noch negativ verstärkt worden. Das hätte dann ungefähr so ausgesehen (ich habe das Foto aus Anschauungsgründen lediglich links beschnitten, der Effekt ist nicht der gleiche):

Michael Arnold
Du kannst Dir bei einer Aufnahme dieser Art in aller Ruhe aussuchen, wo Du stehst und wann Du auf den Auslöser drückst. Nichts passiert so schnell, dass Du diese Überlegungen nicht anstellen kannst. Die Art der Aufnahme sagt mir, dass das auch passiert sein muss - aber der Schluss, den Du kompositionell gezogen hast, war nicht richtig. (Sofie Dittmann)

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Gebäudeschnappschuss - gerne oben etwas dunkler

Kleine Mängel in der Aufnahme können in der Nachbearbeitung ohne weiteres behoben werden.

Thomas Jung
Kommentar des Fotografen:

Ich hätte für dieses Bild auch die Kategorie "Schnappschuss" wählen können. Das Bild drängte sich mir beim Strandspaziergang in Tel Aviv auf. Das Gebäude ist ja eher hässlich, trotzdem faszinierte es mich: ich lief wohl dreimal am Gebäude vorbei, immer wieder hinschauend, bevor ich versuchte, es ins Bild zu fassen. Das Bild ist unbearbeitet, da ich mit so was unerfahren bin, und ich gerade eher versuche, die Kamera kennenzulernen. Welche Tipps könnt ihr mir vor allem aus technischer Hinsicht (aber nicht nur) geben?

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Thomas Jung :

Ein buntes Wirrwarr von Schirmen und Menschen vor einem ebenso bunten Gebäude. Das Foto hätte optisch verwirrend sein können, wenn es nicht die klaren Linien im Gebäude gäbe, die einen nüchternen Gegensatz zu dem chaotisch wirkenden Treiben am Strand bilden. Zunächst einmal zur Komposition. Mir gefällt dieser Schnappschuss, wenn er auch eher das ist als ein wirkliches Architekturfoto.

Bei Architekturfotos steht das Gebäude im Vordergrund, du hast hier die Strandszene vor dem Bauwerk mit in die Aufnahme gebracht. Sie kontrastiert, man kann sich nicht mehr ausschließlich auf den Bau konzentrieren. Ich persönlich wäre noch ein paar Schritte zurückgegangen, um oben und unten mehr Atemraum zu lassen. Der Horizont wäre dann auch im goldenen Schnitt gewesen, aus dem heraus er jetzt nach unten verschoben ist. Das fällt hier aber nicht sonderlich ins Gewicht.

Der Schatten unten links stört mich zwar auch, aber den kann man nur in einem Programm wie Photoshop wegstempeln oder das Bild links beschneiden. Da es sich aber um einen Schnappschuss handelt, kann man das diskutieren…

Was das Technische betrifft, hättest Du hier entweder einen Graufilter zum Einsatz bringen oder entsprechend nachbearbeiten müssen, denn das Bild ist um die Mittagszeit aufgenommen worden, und da ist das Licht besonders erbarmungslos und grell. Durch die Lichtverhältnisse verblassen auch die Farben im Gebäude und auf den Schirmen.

Thomas Jung
Ich habe daher in Photoshop den Graufilter simuliert, indem ich das Foto graduell von oben nach unten abgedunkelt habe. Weiterhin habe ich die Farben leicht verstärkt und das Bild entzerrt. Wenn man nämlich genau hinsieht, merkt man, dass die Linien im Gebäude nicht gerade sind, sondern nach links abfallen. Da Du aber hier mit der Geometrie in dem Bauwerk visuell kokettierst, ist es unerlässlich, dass diese auch eingehalten wird. Die erwähnten Änderungen sind übrigens auch in anderen, weniger kostspieligen Programmen ohne weiteres möglich.

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Konkurrierende Elemente im Bild

Alfons Federspiel
Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild entstammt einer Serie mit Porträts, die in einem Park in Hamburg aufgenommen wurden. Es war das erste Mal, dass ich mich gezielt an Porträtaufnahmen versucht habe, dazu dann noch in der Öffentlichkeit. Die Belichtungsdaten: Blende: 5,6, Verschlusszeit: 1/350. Brennweite: 53mm. Das Bild wurde nur minimal bearbeitet (Gradationskurve, Aufhellung an einigen Stellen, leichte Schärfung).
Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Alfons Federspiel:

Porträtaufnahmen leben ja bei Menschen und Tieren von den Augen. Diese hast du, Alfons, schon gut ins Bild gesetzt. Die Augen schauen in die Kamera, sind ziemlich im "Goldenen Schnitt" angeordnet, haben einen kleinen Reflex und bringen dem Gesicht der jungen Frau die nötige Aufmerksamkeit.

Die Idee, dein Model in einem Drittel des Bildes aufzustellen ist auch schon ganz gut bedacht, doch kommen wir nun zu den Makeln, die ich für mich ausmachen kann.

Wie ich gerade schrieb, hast du dein Model aufgestellt. Es fehlt Lebendigkeit in der Aufnahme. Sie steht da und wartet, dass du abdrückst ODER aber, dass du sie etwas bespaßt, sie anregst etwas zu tun. Das Lächeln ist sehr schön, aber zu verhalten, ich glaube schon, dass sie wesentlich emotionaler und auch ausgelassener sein kann. Die Porträtsession soll ja nicht nur dir Spaß machen, sondern möglichst auch deinen Modellen, sonst wird die Auswahl an Freiwilligen für dich bald geringer.

Im Ganzen ist dein Bild trotz dezenter Nacharbeit zu dunkel. In deinem Bild bekommt das Wasser im Hintergrund mehr Aufmerksamkeit als das eigentliche Hauptmotiv. Dies rührt daher, dass helle Flächen immer mehr Aufmerksamkeit erregen als dunklere. Ich hab dein Bild noch etwas bearbeitet und versucht, eine ausgewogene Helligkeit zu erreichen und den Blick des Betrachters wieder auf das Gesicht zu lenken. Zudem ist in der bearbeiteten Version nun der Hintergrund noch etwas unschärfer. Diese hättest du schon bei der Aufnahme durch eine offenere Blende als die verwendete 5,6 erreichen können.

Alfons Federspiel
Ich finde, nun bekommt dein Model die nötige und ihr auch gebührende Aufmerksamkeit und du kannst beim nächsten Outdoor-Porträt-Shooting wieder ein paar Aspekte mehr beachten. Du kannst gerne mal auf meine aktuelle Seite schauen, dort hatte ich wieder als Animateur und Fotograf gut zu tun und alle auch sehr viel Spaß.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
think_tank 07.09.2012
1.
Tipp noch zum Portrait: Der weiße Himmel wirkt als ob es bewölkt wäre, tatsächlich war es aber wohl sehr sonnig. In so einen Fall würde ich die Belichtungszeit reduzieren und das Model mit einem Reflektor oder entfesseltem Blitz beleuchten. Damit würden dann auch Schatten unter dem Kinn und in Augenhöhlen vermieden.
Last Ninja 07.09.2012
2. Tip2
Wenn man schon den Hintergrund eines Fotos per Hand unscharf macht sollte man dafür nicht den normalen Weichzeichner nehmen und auch darauf achten, dass nicht alles gleich unscharf ist. Was näher am Motiv steht sollte auch schärfer sein als das dahinter. ;)
anneliese_katschmarek 07.09.2012
3. Profi-Tipps?
Das Hauptmotiv, in diesem Fall die Frau, richtig zu belichten ist die eine Sache. Das Nebenmotiv, in diesem Fall eben den Hintergrund, durch Öffnen der Blende als matschiges Einerlei verkommen zu lassen ist nicht der richtige Weg! Im Gegenteil. Blende weiter schließen. Und den Himmel bekommt man auch zur Geltung. Wenn man weiß, wie ein Polfilter funktioniert.
Emil Peisker 07.09.2012
4. Ein Proträt ist ein Porträt
Zitat von anneliese_katschmarekDas Hauptmotiv, in diesem Fall die Frau, richtig zu belichten ist die eine Sache. Das Nebenmotiv, in diesem Fall eben den Hintergrund, durch Öffnen der Blende als matschiges Einerlei verkommen zu lassen ist nicht der richtige Weg! Im Gegenteil. Blende weiter schließen. Und den Himmel bekommt man auch zur Geltung. Wenn man weiß, wie ein Polfilter funktioniert.
Werte Frau Katschmarek Ein Proträt ist ein Porträt. Den Vordergrund, also die Person, durch den unscharfen Hintergrund hervorzuheben, ist technischer Standard. Wenn Sie den Hintergrund scharf ziehen, wird das Bild ein zweidimensionales Landschaftsfoto mit humaner Garnierung.
Emil Peisker 07.09.2012
5. Tiefenschärfe
Zitat von Last NinjaWenn man schon den Hintergrund eines Fotos per Hand unscharf macht sollte man dafür nicht den normalen Weichzeichner nehmen und auch darauf achten, dass nicht alles gleich unscharf ist. Was näher am Motiv steht sollte auch schärfer sein als das dahinter. ;)
Durch den richtigen Einsatz der Blende wird die Tiefenschärfe beeinflusst. Weichzeichner ist dabei nicht erforderlich. Weichzeichner verursachen oft den Rutsch in den Kitsch.
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