Foto-Tipps So geht Abstraktion

Fotografie ist immer eine Abstraktion der Wirklichkeit. Doch wie erzielt man die beste Wirkung? Mit unseren Tipps erfahren Sie, wie ein Bild als Fotografie funktioniert.

Von "fokussiert"-Autor


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

Sie wollen, dass Ihr Foto besprochen wird? Dann reichen Sie es hier ein.
Fuji X100T Aufnahmedaten: 1/70s bei Blende 8 mit 23mm Brennweite und ISO 200
Peter Sennhauser/ fokussiert.de

Fuji X100T Aufnahmedaten: 1/70s bei Blende 8 mit 23mm Brennweite und ISO 200

Michael Gündling aus Neulussheim schreibt zu diesem Bild: Ich bin sehr an abstrakter Malerei interessiert und seit einiger Zeit probiere ich, Abstraktion auch in der Photographie umzusetzen. Mich interessiert vor allem die Emotionalität von Farbe an Alltagsgegenständen auf unseren Straßen. Dieses Bild ist ein Ausschnitt eines Containers, den ich an der Psychiatrie in Heidelberg gefunden habe. Sofort zogen mich das intensive Blau, die Ziffer und der kontrastierende Rost an. Mit der schwingenden Kette hatte ich noch eine Ebene. Meine Frage: Funktioniert diese Art von Aufnahme als Foto?

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Abstraktion ist Reduktion. Und Fotografie reduziert immer: die Welt auf einen kleinen Ausschnitt. Also ist Fotografie per se Abstraktion. Manchmal sehr gute, manchmal unverständliche. Die hier ist sehr gut.

Wir sehen in dieser Farbfotografie eine gelbe Zwei, offenbar auf einen blauen Untergrund gesprüht, der aus Stahl zu bestehen scheint, denn er hat zum einen eine ganze Fläche voller Rostflecken und eine ebenfalls rostrote Kratzspur, die sich mittig vom linken Bildrand bis in die Zwei hinein zieht. Rechts hängt eine sehr dunkle Kette leicht schräg von oben bis nicht ganz zum unteren Bildrand in die Komposition.

Goldener Schnitt
Peter Sennhauser/ fokussiert.de

Goldener Schnitt

Zu Belichtung und Blende und Brennweite müssen wir nichts sagen: Die Aufnahme erfolgte Plan zum Untergrund, sie ist korrekt belichtet und scharf, andere Einstellungen hätten hier wenig bis nichts gebracht. Eine mittelgroße Blende ist wohl die richtige Wahl, um die beste Schärfenleistung des Objektivs zu erreichen - aber bei sehr geringer Tiefe kann man auch bedenkenlos die Blende öffnen. Gehen wir also weiter zur Frage nach der Komposition, dem Motiv und danach, ob das Bild als Fotografie funktioniert. Die Antwort kann jede und jeder selber geben. Das Blau und das komplementäre Gelb der Zwei, die Roststrukturen, die Kette - wer guckt da nicht hin, wer fühlt nicht die Spannung der Objekte?

Drittelsregel
Peter Sennhauser/ fokussiert.de

Drittelsregel

Ich wiederhole mich: Fotografie ist per se Abstraktion, weil sie aus einem komplexen Ganzen immer einen winzigen Ausschnitt (ein paar Grad aus 360) abbildet, und dieser Ausschnitt kann verallgemeinern, vereinfachen, verfremden oder sogar sehr konkret tun und dabei faktisch lügen.

Für einen guten Fotografen besteht ein wesentlicher Teil der Kunst eben genau darin, einen Ausschnitt, eine Komposition zu finden, die eine aussagekräftige oder eben einfach nur eine interessante Ansicht bietet. Sie wollten keine Reportage fotografieren, sondern sind auf der Jagd nach interessanten Details. Hier haben Sie eines gefunden, noch dazu eins, das nicht ganz offensichtlich ist, und mit der Kette dazu eine Komposition gestaltet, die einen zusätzlichen Anspruch erfüllt.

Das funktioniert nicht nur, das ist richtig gut. Jedenfalls haben Sie ein gutes Auge. Sie haben gesehen, dass hier eine Komposition von zwei Flächen ("2" und Rostflecken) und zwei Linien besteht, die in einem spannenden Verhältnis zueinander liegen, und das auch farblich.

Flächen und Linien im Bild
Peter Sennhauser/ fokussiert.de

Flächen und Linien im Bild

Könnte man daran noch etwas verbessern? Kommt darauf an, worum es Ihnen geht. Eine weitere, künstliche Verfremdung des Bildinhalts ist ja wohl nicht erwünscht, also wäre allenfalls an der Komposition und dem Framing etwas zu machen.

Sie schreiben etwas von einer "schwingenden" Kette, und in der Tat hängt die Kette hier schräg von rechts nach links unten in den Bildausschnitt. Das allerdings ist mit der Schwerkraft nicht vereinbar, also lässt die Abbildung nur zwei Schlüsse zu: Die Kette schwingt durchs Bild, ist also in Bewegung. Oder Sie haben den Ausschnitt verkantet.

Weil keinerlei Bewegungsunschärfe oder andere Hinweise auf Bewegung erkennbar sind, gehen die Betrachter wohl unwillkürlich von der Verkantung aus. Die ist natürlich nicht "falsch". Aber sie spielt unangenehm mit unseren Synapsen. Ich habe deswegen zwei Dinge gemacht.

Ich habe die Fotografie anhand der Kette ins Lot gekippt. Und ich habe die Kette in Lightroom ganz massiv nachbelichtet. Sie ist nämlich ausgesprochen dunkel, hätte aber einiges an Detail zu bieten, das in dieser Version deutlich besser zur Geltung kommt. Dafür ist die flächige Aufteilung des Bildes nicht mehr ganz so spannend - beim Geradestellen fällt immer etwas Bildanteil weg, daran muss man im Feld denken, es ist ein Grund für eine korrekt ausbalancierte Rahmengebung bei der Belichtung.

Nötig sind diese Schritte allerdings nicht. Das Bild "funktioniert" auch so als spannender Ausschnitt aus der Welt.

Das Bild begradigt, die Kette aufgehellt.
Peter Sennhauser/ fokussiert.de

Das Bild begradigt, die Kette aufgehellt.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
sametime 06.11.2016
1. Lieber das Original nehmen
Ich finde das Original des Einsenders mit der dunklen schiefen Kette spannender. Gerade weil die Kette dunkel und schief ist, wirkt sie bedrohlich und passt zum Rest des Fotos. Das bearbeitete Foto wirkt hingegen langweilig. Die helle gerade Kette, die abgeschnittene 2 - man kann Fotos auch kaputtretouchieren. Ich bearbeite Fotos gerne nach, aber es gibt immer wieder Fotos, wo ich es sein lasse, weil gerade das nicht so Perfekte eine eigene Wirkung hat.
zyndstoff 06.11.2016
2. Na ja
Grundsätzlich stimme ich "Sametime" zu, das Original wirkt spannender. Aber, lieber Sametime, man sollte sich erst das ganze Bild ansehen: die 2 ist keineswegs abgeschnitten. :-)
winkelwolf 07.11.2016
3. So geht Langeweile
Mehr brauche ich nicht dazu zu sagen
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