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Fern-Fotografie: Per Street View in die Welt

Foto: Aaron Hobson / Cinemascapist

Fotokunst mit Google Street View Die Einsamkeit der anderen

Google ist überall - zum Glück! Das findet Aaron Hobson, der Street-View-Aufnahmen aus entlegenen Gegenden der Welt in atemraubende Panoramabilder verwandelt. Im Interview spricht der Amerikaner über den Erfolg seiner Fern-Fotografie und die Magie der Einsamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Hobson, Ihre neueste Fotoserie haben gar nicht Sie fotografiert, sondern Googles Streetview-Autos. Wie kommt man denn auf so was?

Hobson: Ein Produzent aus Los Angeles sprach mich darauf an, 2012 einen kleinen autobiografischen Film zu produzieren. Ich begann mit der Vorbereitung und da ich mich in Los Angeles nicht auskenne, der Film aber da gedreht werden soll, begann ich, per Streetview mögliche Drehorte zu suchen. Ich verbrachte Stunden damit, war völlig fasziniert davon, wie viel Googles Autos da fotografiert hatten. Es gab keine Straße oder Gasse in L.A., die ich nicht hinabfahren konnte. Und alle fünf Meter kann man sich umsehen.

SPIEGEL ONLINE: Los Angeles? Sieht so aus, als hätten Sie sich ablenken lassen: Ihre "GSV-Cinemascapes" zeigen oft ausgesprochen einsame Orte in sehr abgelegenen Gegenden der Welt.

Hobson: Als ich mit der Drehortsuche durch war, machte ich zum Spaß weiter. Nach ein paar Tagen war ich regelrecht süchtig. Da setzte ich beispielsweise auf einer abgelegenen Straße irgendwo in Norwegen an, der ich dann Meile um Meile, Stunde um Stunde folgte. Ich tauchte ein in diese Welt, ging darin verloren. Dann probierte ich immer abgelegenere Gegenden aus. Ich lebe selbst in einer und wollte andere Orte finden, die ähnlich sind.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Freizeit vor dem PC. Aber offenbar wurde ja Arbeit daraus.

Hobson: Nach stundenlangen Fahrten durch Tundras, Wüsten und andere leere Landschaften begann ich, rund ein Dutzend Orte zusammenzustellen, die für mich ästhetischen und erzählerischen Reiz hatten. Ich wollte mir die Einsamkeit anderer Menschen ansehen. So wurde ein Projekt daraus, das diese irre Technik zeigt, die es jedermann mit einem PC und Internetzugang erlaubt, diese Orte voller Pracht und Schönheit zu erforschen. Orte der Einsamkeit, an denen das Leben schwerer und langsamer ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Bilder sind die neuesten Werke einer seit 2007 veröffentlichten Serie, die Sie Cinemascapes nennen. Die meisten davon sind Selbstporträts. Warum?

Hobson: Ich lebte sieben Jahre lang in den abgelegenen Adirondack-Bergen im Staat New York an der kanadischen Grenze, als ich 2007 zum ersten Mal eine Kamera in die Hand nahm. Ich hatte eine Familie gegründet, einen festen Job angenommen. Das langsame Tempo des Lebens hier oben hat es mir erlaubt, mir über mein Leben Gedanken zu machen. Besonders über meine Jugend mit ihren Problemen, Drogen und jeder Menge Ärger. Ich begann damit, mich selbst in isolierten, gefühlvollen fotografischen Erzählungen zu inszenieren. Irgendwie war das so eine Art visuelles Tagebuch, eine Aufarbeitung meiner Gedanken. Schreiben ist nicht mein Ding.

SPIEGEL ONLINE: Kleine Erzählungen sind ihre Fotos wirklich, viele haben einen cineastischen Touch. Wie erfolgreich ist dieser Ansatz?

Hobson: Ich habe die Bilder nicht für die Öffentlichkeit gemacht, sondern für mich und meine Freunde, denen ich sie über Social-Network-Seiten wie Flickr zeigte. Schon 2007 fingen sie an, sich wie ein Virus im Internet zu verbreiten, so wie jetzt die Google-Streetview-Bilder. Ein moderater Erfolg, der mir ermöglichte, unter anderem in London, New York und Los Angeles auszustellen. Es gab Berichte in zahlreichen Kunstmagazinen und auf vielen Web-Seiten.

SPIEGEL ONLINE: Anscheinend aus dem Nichts stürzen sich seit ein paar Tagen vor allem europäische Blogger auf Sie. Wie kam es dazu?

Hobson: Keine Ahnung. Manchmal ist das Internet wie eine Sturmflut, und diesmal hat sie sogar etwas eingerissen: Meine Web-Seite hat Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Fast jeder, der sie aufruft, bekommt seit Tagen immer wieder einmal Fehlermeldungen. So ist die Welt heute. Information kann in Sekundenbruchteilen geteilt werden, rund um den Globus. Beeindruckend.

SPIEGEL ONLINE: Die größte Aufmerksamkeit bekommen Sie in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland...

Hobson: Das war schon bei meinen Selbstporträts so. Woran das liegt? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht funktionieren meine Arbeiten in den USA nicht so gut, weil die filmischen Referenzen nicht gerade aus Actionfilmen stammen. Sie sind subtil und verlangen, dass man über sie nachdenkt.

SPIEGEL ONLINE: Stilistisch fügen sich Ihre Streetview-Bilder ja nahtlos ein in die Serie der Cinemascapes.

Hobson: Ja, sie führen meine ursprüngliche Arbeit fort, vielleicht sind sie sogar ein Endpunkt. Erst sah die Welt in Bildern auf mich, nun sehe ich auf die Welt. Ich verändere die Bilder gar nicht großartig durch Hinzufügungen, Wegnahmen oder Retuschen. Für jedes Bild brauche ich vielleicht zehn Minuten. Ich füge zwei bis drei Screenshots zu einem Panoramaformat zusammen. Die für die Serie typische Atmosphäre erreiche ich, indem ich die Stimmung der Bilder in drei Aspekten beeinflusse - Belichtung, Farbe und Schärfentiefe.

SPIEGEL ONLINE: Auf diese Art und Weise Bilder zu machen, ist anders, als selbst die Kamera zu führen. Sind diese Google-Streetview-Bilder im gleichen Maße Ihre Werke wie zuvor die Porträts?

Hobson: Sie verdanken Google schon eine Menge. Es ist unglaublich, was Google mit diesem Projekt, die ganze Erde abzubilden, leistet. Die Bilder empfinde ich insofern als meine eigenen, als dass es mir eher auf den Prozess der Produktion ankommt, als auf das Endprodukt. Schon klar, ich bin nicht hingefahren und habe fotografiert. Aber ich fühle mich manchen dieser Orte verbunden und habe mich in dieser bizarren virtuellen Realität von Streetview mit ihren Straßen, Häusern und Menschen vertraut gemacht. Obwohl es sicher albern klingt, wenn ich beschreibe, wie es sich anfühlt, Frankreich eine Woche lang per Streetview zu bereisen: Wie wäre das, wenn man wirklich auf diesen Straßen landete und Leute dort wiedererkennt? Würde man die spontan grüßen, als ob man sie kennt?

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt? Was haben Sie von all dem?

Hobson: Für mich hat sich das durch die Reiseerlebnisse selbst ausgezahlt. Ich mache jetzt weiter und veröffentliche die Resultate wie ein Urlaubs-Fotoalbum über meine Fanseiten bei Facebook  oder Tumblr. Ich hoffe, dass viele Menschen etwas davon haben, dass auch sie die Welt per Streetview entdecken. Und wenn mich jemand nach einem Rat fragt, wie man das Meiste aus diesem Erlebnis herausholt: Man braucht einen 27-Zoll-iMac, einen dunklen Raum und eine Flasche Wein. Am besten Medoc oder Bordeaux.

Das Interview führte Frank Patalong
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