Fotoreportage Internetcafés Surfen in Gesellschaft

Man kennt ja den Spruch von den Totgesagten. Die, die länger leben, Sie wissen schon. So ähnlich verhält es sich auch mit den Internetcafés. Obwohl knapp ein Drittel aller Deutschen über einen Netzzugang daheim verfügt, sind die Surf-Lokale voll. Eine Fotoreportage.

Von Andrea Leiber


Trotz 33 Grad im Schatten und Innentemperaturen, die an einen Pizzaofen erinnern, sind im "Internet Café" neben dem Münchner Marienplatz an einem Werktagnachmittag fast alle 23 Rechner belegt. "Nein", sagt Gastwirt Roberto Sadami, einen Rückgang der Besucherzahl könne er nicht feststellen.

Die Gäste bestätigen das

Computerfreak Michael Stiglmayr, 22, schreibt seit dem zwölften Lebensjahr Programme und lässt sich gerade zum Informatiker ausbilden. Er besitzt zu Hause drei PCs mit Internetanschlüssen und ist dennoch Stammgast. "Ich komme hierher, um zu essen und dabei mit Bekannten zu chatten. Oder wir spielen das Computerspiel 'Counterstrike' und entwickeln eigene Level. Ich fühle mich hier in der Öffentlichkeit am PC häufig ganz einfach wohler als allein zu Hause."

Isidro Chissano, 31, aus Mosambik und Titjane Wagné, 25, aus Mauretanien fragen gerade ihre E-Mails ab. Die beiden IT-Spezialisten mit Greencard und Wohnsitzen in Duisburg und Düsseldorf haben gemeinsam studiert. Jetzt ist Titjane in München, um sich bei einer neuen Firma zu bewerben, und Isidro besucht ihn. "Wir waren zusammen in der Stadt unterwegs und gehen nun während des Essens ins Internet. Wir hätten in München dafür gar keine andere Möglichkeit."


 

Patriarchisches Surfen: Shashaa Hesham im Netz, während Gina-Aisha und Ahmed nur zusehen Türkischer Texter: Dichter Engin Karatay sagt über das Internetcafé, hier könne er "gut denken" Wer isst, muss fürs Surfen nichts zahlen: Isidro Chissano (rechts) und Titjane Wagné (links) haben es deshalb mit dem Sprung ins Web nicht eilig
Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen


Das gastronomische Konzept in der Netz-Kneipe ist attraktiv: Der Verzehr einer Mahlzeit plus Getränk berechtigt zu einer Stunde Gratissurfen. Die Speisekarte offeriert eine große Auswahl. Nudelgerichte gibt es ab 6,20 Mark, ein Mineralwasser kostet 4 Mark.

Restaurantchef Roberto Sadami wollte nach seiner Ausbildung in Lausanne immer schon Erlebnisgastronomie anbieten. "1995 war es dann so weit. Ich sah mich in San Francisco und Paris um und eröffnete anschließend Münchens erstes Internetcafé. Damals kamen hauptsächlich Studenten. Heute hingegen ist unser Publikum bunt gemischt."

Kristina Obermaier, 14, und Maria Schiffner, 15, haben in diesem Sommer Besuch von den französischen Austauschschülern Thibault Courtellemont, 14, und Erwan Lecoz, 14. Die Vier amüsieren sich über den Inhalt verschiedener Musikwebsites. "Wir waren heute einkaufen", erzählt Kristina. "Jetzt surfen wir zusammen im Internet. Zu Hause dürfen wir das nämlich wegen der Gebühren nur am Sonntag."


 
Zivi Lars Koch: Chat mit den Brüdern oder Freunden   Allein zocken macht einsam: Informatiker Michael Stiglmayr kommt trotz dreier Heim-PCs ins Internetcafé. Mit Freunden spielt er das Computerspiel 'Counterstrike'
Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen


Mit einem relativ neuen Geschäftsmodell bemüht sich die vor zwei Jahren gegründete Internet-Café-Kette "easyEverything" um Kunden, die 21 Cybercafés an Standorten rund um den Globus betreibt. Jeweils mit eigenen Servern und bis zu 600 PCs mit Flachbildschirmen. Die große Zahl der Plätze hält die Betriebskosten niedrig. Die Zugangsgebühren hängen von der Zahl der momentan anwesenden User ab: Ist ein Café leer, sinkt der Einlog-Preis, damit die Zahl der Nutzer stabil bleibt.

Ein Monitor zeigt den aktuellen Preis an

Auch hier ist die Rezession angeblich weit entfernt: "Wir gehen davon aus, dass der Bedarf eher noch steigen wird", sagt Sylvia Sperling, Operation-Managerin für Deutschland. "Bei all der privaten und beruflichen Mobilität, die heute gefordert ist, werden Internetcafés an zentralen Standorten immer wichtiger." Warme Speisen gibt es hier nicht, dafür Kaffee, kalte Getränke und Eis. Den jeweiligen Preis, durchschnittlich 5 Mark für 80 Minuten, zeigt ein Monitor im Eingangsbereich an.

Regelmäßige Gäste sind der Journalist Shashaa Hesham, 31, Gina-Aisha, 25, und Ahmed, 2. Die Familie lebt seit einem halben Jahr in Deutschland und hofft auf die Anerkennung als politisch Verfolgte. "Ohne Internetcafé wäre es viel schwieriger, den Kontakt zu unserer Familie und zu Freunden aufrecht zu erhalten", meint Shashaa. "Außerdem hole ich mir hier dringend benötigte Informationen über Ereignisse aus meinem beruflichen Umfeld." Meistens chattet er, seine Frau sitzt still dabei und folgt den Unterhaltungen auf dem Monitor mit traurigen Augen. Der kleine Ahmed krakelt unterdessen mit Bleistift und Papier und zeigt stolz seine ersten Schreibversuche.

Lars Koch, 21, aus Lemgo in Nordrhein-Westfalen wohnt für einige Monate als Zivildienstleistender in München. "Ich arbeite in einem Bezirkskrankenhaus", erzählt er. "Während dieser Zeit in München habe ich natürlich keinen eigenen PC. Wenn ich hierherkomme, chatte ich mit meinen Brüdern oder besuche einen Chatroom auf der Website meiner Heimatstadt. So erfahre ich, was bei uns und bei meinen Freunden so los ist. Außerdem bereite ich mich im Internet auf meine Au-Pair-Zeit in New York vor, die ich im Anschluss an den Zivildienst verbringen werde."

Mit 30-facher ISDN-Geschwindigkeit kann man bei "easyEverything" rascher als an jedem Heim-PC Dateien herunterladen oder über das Internet telefonieren. Die Cafés sind rund um die Uhr geöffnet. "Nachts hat sich eine eigene Szene entwickelt", berichtet der Security-Angestellte Faras Livani. "Manche unserer Gäste kommen um 22 oder 23 Uhr und bleiben regelmäßig bis zum nächsten Morgen."


 
Restaurantchef Roberto Sadami: In San Francisco und Paris Inspirationen für Münchens erstes Netz-Café geholt Schlafprobleme: Latino-Sänger Ruben Gomez mit Tänzerinnen Monira McIntosh und Bobby-June Voll Deutsch-französische Freundschaft: Bei Kristina Obermaier, Maria Schiffner und ihren Gästen Thibault Courtellemont und Erwan Lecoz stehen Musik-Websites hoch im Kurs
Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen


Einer dieser Gäste ist Engin Karatay, 28. Der türkische Staatsbürger kommt zwei bis drei Mal pro Woche am liebsten nach Mitternacht, um Gedichte in türkischer Sprache zu schreiben und bleibt bis zum Tagesanbruch. "Ich habe seit vier Jahren einen PC mit Internetanschluss zu Hause. Aber hier herrscht eine besondere Atmosphäre. Hier kann ich gut denken." Die Zeitung "Milli Gazete" druckt fast täglich eines seiner Gedichte.

Es ist halb zwei Uhr morgens. Im Internetcafé ist immer noch jeder fünfte Platz besetzt. Durch die Eingangstür kommen trotz der späten Uhrzeit immer wieder neue Gäste. Ruben Gomez, 27, ist ein in Südamerika und Asien bekannter Latino-Sänger aus New York. Die beiden Tänzerinnen Monira McIntosh, 27, und Bobby-June Voll, 24, und er sind heute in München angekommen, wo Ruben in zwei Tagen ein Konzert geben wird. "Ich habe vorhin im Hotel Cola über meinen Laptop geschüttet, und er funktioniert jetzt nicht mehr", lächelt Ruben. "Wir wollen einfach ein bisschen surfen und chatten, weil wir noch nicht schlafen können."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.