Deepfake oder Cheap Fake? Falscher Klitschko narrt auch Warschaus Bürgermeister

Fünf Stadtoberhäupter wurden vermeintlich von Kiews Bürgermeister angerufen, Franziska Giffey rückt vorsichtig von der Deepfake-These ab. Aber so rätselhaft wie die verwendete Technik ist auch das Motiv der Täter.
Warschaus Bürgermeister Rafał Trzaskowski: »In der Tat wurden wir alle getäuscht«

Warschaus Bürgermeister Rafał Trzaskowski: »In der Tat wurden wir alle getäuscht«

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Wojciech Strozyk/REPORTER/ imago images/Eastnews

Die Reihe von betrügerischen Videoanrufen eines vermeintlichen Vitali Klitschko bei europäischen Stadtoberhäuptern ist noch länger als bisher bekannt: Nicht nur in Berlin, Budapest, Wien und Madrid, sondern auch in der polnischen Hauptstadt Warschau gab es einen entsprechenden Vorfall. Das berichtete am Montag unter anderem die polnische Website fakt.pl .

Demnach hat Warschaus Stadtpräsident Rafał Trzaskowski bereits Anfang Juni ein Videogespräch mit jemandem geführt, der wie Kiews Bürgermeister Klitschko aussah und klang, der aber nicht Klitschko war. Das Gespräch sei »ungewöhnlich« verlaufen, hieß es, das Warschauer Rathaus habe deshalb im Anschluss Kontakt zu den Kiewer Behörden aufgenommen. Die hätten klargestellt, dass Klitschko im fraglichen Zeitraum kein Gespräch geführt habe. Trzaskowskis Büro habe daraufhin die Abteilung für Cyberkriminalität der Warschauer Polizeistation eingeschaltet.

Die Einladung zu dem Videogespräch kam dem Bericht zufolge von der offiziellen Adresse des Kiewer Rathauses. Zur Person in dem Videocall hieß es, ihr Gesicht und ihre Stimme seien »täuschend ähnlich« gewesen.

»In der Tat wurden wir alle getäuscht, auch die Bürgermeister von Wien, Budapest, Berlin und Madrid«, sagte Trzaskowski im Gespräch mit Radio ZET. »In dem Gespräch ging es nicht um heikle Themen, aber ich beschloss, die polnischen Sicherheitsdienste und die ukrainische Botschaft trotzdem über den Vorfall zu informieren. Ich habe bereits mehrmals mit Vitali Klitschko gesprochen, und wir haben die Grundsätze der Zusammenarbeit im Falle eines Krieges live in Kiew besprochen.«

Anders als die Berliner Senatskanzlei  sprach Trzaskowski nicht von einem möglichen Deepfake. Auch sein Sprecher teilte auf Anfrage des SPIEGEL nur mit, man habe nicht die nötige Expertise, um das einschätzen zu können. Die Sprecher der Bürgermeister von Wien und Madrid wollten die Frage, wie die Täuschung am wahrscheinlichsten bewerkstelligt wurde, ebenfalls nicht beantworten. Aus Wien hieß es, das sei »alles im Bereich der Spekulation«.

Videomitschnitte der Gespräche existieren offenbar nicht. Auch von Franziska Giffeys Videocall gibt es nach Angaben einer Sprecherin keine Aufzeichnung, da dieser »als vertrauliches Gespräch geplant war«.

Ohne Videoaufzeichnung wird es schwierig, die Technik zu entlarven

Die Videodateien könnten Aufschluss darüber geben, ob es sich um Deepfakes handelte oder ob die Betrüger zum Beispiel mit vorbereiteten Videoschnipseln arbeiteten, die von einem Stimmenimitator synchronisiert wurden. So etwas wird manchmal als Cheap Fake (billige Fälschung) oder Shallow Fake bezeichnet, weil der technische Aufwand geringer ist als der für einen Deepfake.

Gegen die Videoschnipsel-These spricht tendenziell, dass die Mimik und die Lippenbewegungen des falschen Klitschko in den Videoschnipseln zumindest ungefähr zum Gesagten hätten passen müssen.

Im Fall der Berliner Täuschung war neben Berlins Regierender Bürgermeisterin Giffey (SPD), die ein wenig Russisch spricht, noch mindestens eine weitere Person anwesend, die Russisch versteht. Der vermeintliche Klitschko sprach auf eigenen Wunsch Russisch, obwohl der echte Klitschko Deutsch spricht. Zur Begründung hieß es, seine Mitarbeiter im Raum hätten das Gesagte auch verstehen sollen. Was der Fake-Klitschko sagte, wurde dann übersetzt, als Teil dieses Ablaufs war er auch selbst zu hören. Größere Abweichungen in der Mimik hätten so auffallen müssen, sofern sie nicht als typische Ruckler einer Videokonferenz interpretiert wurden.

Zudem reagierte der falsche Klitschko nach Angaben der Senatskanzlei auf Rückfragen von Franziska Giffey. Entsprechend reaktionsschnell hätte jemand passende Videoschnipsel abspielen müssen. Giffey selbst sagte am Dienstag in der Landespressekonferenz , die Lippenbewegungen hätten »genau« dem entsprochen, was gesagt wurde.

Das spricht gegen den Deepfake-Verdacht

Gegen die Deepfake-These der Berliner spricht zum einen, dass die Technik zwar auf dem Weg dahin ist, solche Betrügereien zu ermöglichen – doch für einen Deepfake in Echtzeit, inklusive überzeugender Stimmsynthese und ohne sichtbare Artefakte fehlen bislang überzeugende Beispiele.

Zum anderen hat der rbb-Journalist Daniel Laufer in einem Abgleich  der wenigen vorhandenen Screenshots aus Giffeys Gespräch mit Standbildern aus einem Klitschko-Video vom April auffällige Übereinstimmungen entdeckt. In beiden Fällen trägt Klitschko die gleiche Kleidung und sitzt vor demselben Hintergrund, es gibt zudem Bilder, in denen Mimik und sichtbarer Hintergrund deckungsgleich sind. Da ein Deepfake keine existierenden Bilder kopiert, sondern auf deren Basis neue generiert, ist eine derartige Übereinstimmung höchst unwahrscheinlich.

Am Freitag hatte die Senatskanzlei noch mitgeteilt, es handele sich »allem Anschein nach« um einen Deepfake. Am Dienstag schwächte Giffey die Aussage ab: »Ob es wirklich so war, können wir nicht mit Sicherheit sagen.« Letztlich sei das »gar nicht so erheblich, ob es ein Deepfake oder ein Shallow Fake oder ein Face Reenactment war«. Letzteres bezeichnet eine Technik, mit der die Mimik einer Person von einer Kamera erfasst und auf das Videobild einer anderen Person übertragen wird, wie hier im Beispiel zu sehen .

Erheblich sei, so Giffey weiter, dass es ein Identitätsdiebstahl »zulasten von Vitali Klitschko« und nach deutschem Recht eine Straftat gewesen sei. In jedem Fall sei es »eine ganz neue Form von Fake«, eine Form von Manipulation, »die selbst von Experten kaum oder nicht zu unterscheiden ist«.

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Jenseits des technischen Ablaufs der betrügerischen Anrufe ist auch das Motiv der Täter Bestandteil der Ermittlungen. Ein mögliches Ziel solcher Aktionen, sagte Giffey unter Berufung auf den ukrainischen Botschafter in Berlin, sei es, das gegenseitige Vertrauen der beiden Seiten zu erschüttern. Ein anderes könnte es sein, »die Gesprächspartner, die vor allen Dingen ja Unterstützer und Partner der Ukraine sind, zu diskreditieren«.

Denkbar ist es Giffeys Aussage nach aber auch, dass solche Vorfälle nicht nur eine politische Gefahr darstellen, »sondern auch eine für die Cybersicherheit« – im Rahmen eines Hackerangriffs auf die Systeme der Stadtverwaltung. Nach bisherigen Erkenntnissen sei dies hier aber nicht der Fall gewesen, heißt es. Diskreditierung, Spionagehintergrund oder »karikaturistische Hintergründe« seien allesamt mögliche Erklärungen und würden jetzt vom Landeskriminalamt untersucht.

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