Friendster Letzter Facelift vor dem Ausverkauf

Friendster gilt als Prototyp der Social Networks, als Vorbild von Facebook und Co. und als Unternehmen, das an der Hybris seines Gründers fast zerbrach. Inzwischen ist das einstige US-Unternehmen zum Darling der Teenager Asiens mutiert - und steht nun glücklich vor dem Verkauf.


115 Millionen Nutzer, neun Milliarden Seitenaufrufe im Monat, Platz 139 der populärsten Websites der Welt (Alexa.com, Stand: Freitag, 15 Uhr) - Friendster ist ein Dickschiff unter den Web-Marken. Das irritiert hiesige Netz-Nutzer, weil sie eher mit den VZ-Netzwerken, mit MySpace oder Facebook vertraut sind: Friendster, der Prototyp aller Social Networks, ist in den westlichen Ländern weitgehend vergessen. Denn die beeindruckenden Zahlen verdankt Friendster zu 90 Prozent seinen treuen Nutzern in Asien - und genau dorthin wird die Mutter aller modernen Social Networks nun wohl auch verkauft.

Das jedenfalls berichten US-Medien: Der visuelle Relaunch dieses Freitags sei der letzte unter der alten Firmenleitung. Da mache sich eine Braut noch einmal schön, um junge Zielgruppen besser anzusprechen - und um die Mitgift in den laufenden Verhandlungen mit einem in Asien Börsennotierten, aber nicht genannten Unternehmen noch einmal in die Höhe zu treiben. Aktuell, munkeln die Quellen, liege man bei über 100 Millionen Dollar.

Das klingt nach viel, ist es aber nicht. Es gab Zeiten, da wurde Friendster als das nächste dicke Ding, die nächste Milliarden-Web-Marke gehandelt: Gemessen daran wäre der Kaufpreis bescheiden.

Der Erfolg kam - und verpuffte

Oder einfach nur realistisch? Denn Friendster teilt die Probleme aller Social Networks: Exorbitant hohen Nutzer- und Nutzungszahlen steht eine bei weitem nicht deckende werbliche Refinanzierung gegenüber. So lebte Friendster wie seine später gegründeten Epigonen vom Schlag MySpace oder Facebook oder heute Twitter anfänglich vor allem auf Pump. Satte 45 Millionen Dollar flossen zwischen 2003 und 2008 in Form von Risikokapital in das Unternehmen, bis dessen Gründer Jonathan Abrams - der Erfinder moderner Social Networks, wenn man so will - in seiner Firma kaum mehr etwas zu melden hatte. Die Investoren gaben ihm den goldenen Handschlag und installierten statt dessen ein professionelles Management, das den Trend zur Popularität in Asien konsequent nutzte und ausbaute.

Kein Wunder, denn mit Friendster hob auch dessen Gründer anfänglich kräftig ab. Wenige Monate nach der Gründung und den ersten 12 Millionen Dollar Risikokapital bot ihm Google davon 30, doch das reichte Abrams nicht: (Nicht nur) seine Phantasie sah Friendster in höheren Sphären. Noch vor kurzem taxierte das populäre Tech-Blog Techcrunch Friendster bei über 200 Millionen Dollar, denn die Besitzer machten kein Hehl daraus, dass sie Käufer in Asien suchten. Man wird sehen, was von den steilen Schätzungen übrig bleibt.

Spätestens seit 2006 sprach dann kaum noch jemand vom Prototyp, dafür alle Welt von dessen Nachahmern. Warum das Original nicht funktionierte, die Nachfolger dafür schon, gehört zu den Rätseln der Web-Ökonomie, es ist aber ein häufiges Muster: Auch YouTube, in den Augen vieler Nutzer die prototypische Web-Videoseite, nahm 2005 nur ein Konzept auf, das bereits seit 1998 von einer ganzen Reihe anderer Seiten mit allenfalls mediokerem Erfolg probiert worden war.

Das späte Happy End für Friendster könnte nun schon vor Ablauf des Jahres erfolgen, berichten US-Medien. Das Einnisten in der südostasiatischen und pazifischen Nische hat funktioniert, so wie Googles in der westlichen Welt erfolgloses Social Network Orkut es in Brasilien und Indien zur Nummer Eins schaffte. Da sag nochmal einer, Geografie spiele im Internet keine Rolle - oder biete keine Chancen.

pat

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