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02. November 2010, 14:33 Uhr

Futurologie

Die rote Liste der aussterbenden Presse

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Futurologen sind die Auguren der modernen Welt. Doch ihre Visionen und Halluzinationen sind mitunter mehr als Entertainment: Auch die Medienbranche schaut gern nach vorn - und nichts liebt sie mehr, als Prognosen über ihr baldiges Ableben. Gestatten, dass wir spötteln?

Ross Dawson ist ein "führender Futurist, Sprecher, Autor", wie der "Liste der Futurologen" bei Wikipedia zu entnehmen ist. Viel mehr ist über den Mann kaum bekannt, was verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass da ja jeder alles mögliche verbreiten kann und darf: Wo er herkommt, was ihn qualifiziert, wie alt er ist - weder profane noch qualifizierte Informationen sind zu finden. Auch auf den Webseiten der Unternehmen, für die Dawson tätig war oder ist, wird kaum mehr geboten. Selbst seine neue Firma Future Exploration Network, die bis gestern kaum jemand kannte, weiß nicht mehr. Und doch sind Web und Medien voll von ihm, denn Futurologen sind immer schwer gefragt: Leute, die sich trauen, gewagte Visionen öffentlich zu vertreten und dabei so aufzutreten, dass kaum einer lacht.

Auch Dawson ist seit mehreren Jahren ein gefragter Vertreter dieser modernen Spökenkieker, hat in seiner Karriere mehr als hundert visionierende Artikel, ein, zwei angeblich erfolgreiche Bücher (Amazon-Verkaufsrang seines letzten: 1.959.828, jetzt aber wohl steigend) und zahlreiche Vorträge abgeliefert.

Im August prognostizierte er einem internationalen Verlegertreffen das baldige Ableben ihrer Produkte. Ein gelungen gewähltes Thema, denn auf fast nichts stürzen sich Medien mit so viel morbider Begeisterung wie auf Nachrichten vom anstehenden eigenen Tod.

Grund genug, die Prognose vom August 2010 auszubauen zu einem Untergangsszenario globaler (medialer) Reichweite. Dawson legte die termingerecht zu Halloween vor - dem Samhain-Feiertag, an dem sich der vorchristlichen, keltischen Mythologie zufolge die Reiche von Leben und Tod berühren. Konkret wie nie zuvor beziffert Dawson in seiner "Newspaper Extinction Timeline" exakte Daten, wann in welchem Land die Presse, wie wir sie bisher kannten, untergehen wird. In den USA, behauptet Dawson, sei das schon 2017 so weit, deutsche Verleger dürfen sich dagegen noch bis 2030 an ihren bedruckten Fischeinwicklern erfreuen. Denen geht es in Deutschland übrigens zumindest wirtschaftlich gerade wieder etwas besser.

Trotzdem: Ab dann, behauptet Dawson, gäbe es Papier-basierte Zeitungen nur noch in der Dritten Welt, ansonsten spielten sie keine erwähnenswerte Rolle mehr.

"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen"
Helmut Schmidt, 1980

Man kann so etwas als eine Form des Entertainments abtun, denn wir wissen ja, dass sich die meisten Vorhersagen von Futurologen in Rückschau als unterhaltsamer, aber gequirlter Unsinn erweisen. Andererseits spielen solche Szenarien eine nicht unwichtige Rolle im politischen und wirtschaftlichen Leben: Man braucht Vorstellungen möglicher Zukünfte selbst in Extremen, um sich auf denkbare Entwicklungen einstellen zu können.

Industrien mit langen Produktionszyklen wie beispielsweise die Autobranche orientieren sich bei ihrer Modellplanung durchaus an solchen Szenarien künftiger demografischer, gesellschaftlicher, städtebaulicher, politischer oder wirtschaftlicher Entwicklung. Nur so ist die rational kaum zu begreifende Schwemme von Geländewagen für den Stadtverkehr erklärbar: Es ist nicht die Erwartung, dass sich Schlaglöcher vermehren, sondern die Rentner. So genannte SUVs sind keine Möchtegern-Jeeps, die eigentlich keiner wirklich braucht, sondern Fahrzeuge für betuchte, reifere Käufer mit zunehmenden Altersbeschwerden, die sich beim Ein- und Aussteigen nicht gern bücken.

Zeitung stirbt durchaus nicht - sie durchläuft eine Metamorphose

Insofern erfüllen Visionen mitunter also durchaus erfolgreich einen Zweck. Das gilt auch für Dawsons Vision, die allerdings nicht neu ist: Was der Mann sagt, ist nur, dass der Übergang von der Papier- zur E-Paper-Leseform unmittelbar bevorstehe. Überall da, wo man sich das leisten kann, werde diese vollzogen, sobald E-Paper so dünn, leicht und flexibel sein wird wie Papier. Populär ist diese Botschaft bei den Managern der Medienwelt auch deshalb, weil sie alle bereits Millionen in diese Vision investieren - da nimmt man Bestätigung gern mit.

Aber kein vernünftiger Mensch wird die Vision auch bezweifeln: Wenn der E-Reader in aufgerollter Form in der Brusttasche eines Hemdes nicht mehr stört, wenn er trotzdem Hunderte stets aktuelle Seiten vorhält, wenn er zudem nur noch zehn Dollar kostet, wie Dawson prognostiziert, wer würde dann noch Papier nutzen wollen? 2040 wahrscheinlich wirklich niemand mehr.

Interessant an Dawsons steiler Untergangs-Vision ist dagegen, dass der Zeitpunkt der Papier-Ablösung in der westlichen Welt so verschieden ausfällt. Abhängig ist der laut Dawson nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren, sondern vor allem auch davon, wie offen Gesellschaften für Veränderungen und Innovationen sind. Und da ist Deutschland offenbar so eine Art erzkonservatives Schwellenland, hinkt den Early Adopters locker mal eineinhalb Jahrzehnte hinterher: Irgendwann, sagt Dawson damit, ist die Papierzeitung ein Nachrichtenangebot für Menschen, die nicht gern klicken (also auch so eine Art SUV). Oder liegt es wie in Frankreich daran, dass der Staat aus unerfindlichen Gründen die Papierform lange Zeit finanziell stützen, also quasi künstlich beatmen wird?

Man weiß es nicht, doch man ahnt: So dicke, wie vom Futurologen visioniert, wird es nicht kommen - außerdem sagt er ja auch gar nicht den Tod der Presse voraus, sondern nur das Ende der Papier-Form. Das schon als Untergangsszenario zu verstehen, wäre reichlich teutonisch. "Zeitung" ist nicht mehr als ein aktuelles, periodisch erscheinendes Lese-Nachrichtenprodukt. Wenn Sie so wollen, lesen Sie gerade darin.

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