Futurologie Die rote Liste der aussterbenden Presse

Futurologen sind die Auguren der modernen Welt. Doch ihre Visionen und Halluzinationen sind mitunter mehr als Entertainment: Auch die Medienbranche schaut gern nach vorn - und nichts liebt sie mehr, als Prognosen über ihr baldiges Ableben. Gestatten, dass wir spötteln?

Rot heißt Tod: Die Zeitung soll sukzessive aussterben, fast zuletzt in Deutschland
Ross Dawson

Rot heißt Tod: Die Zeitung soll sukzessive aussterben, fast zuletzt in Deutschland

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Ross Dawson ist ein "führender Futurist, Sprecher, Autor", wie der "Liste der Futurologen" bei Wikipedia zu entnehmen ist. Viel mehr ist über den Mann kaum bekannt, was verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass da ja jeder alles mögliche verbreiten kann und darf: Wo er herkommt, was ihn qualifiziert, wie alt er ist - weder profane noch qualifizierte Informationen sind zu finden. Auch auf den Webseiten der Unternehmen, für die Dawson tätig war oder ist, wird kaum mehr geboten. Selbst seine neue Firma Future Exploration Network, die bis gestern kaum jemand kannte, weiß nicht mehr. Und doch sind Web und Medien voll von ihm, denn Futurologen sind immer schwer gefragt: Leute, die sich trauen, gewagte Visionen öffentlich zu vertreten und dabei so aufzutreten, dass kaum einer lacht.

Auch Dawson ist seit mehreren Jahren ein gefragter Vertreter dieser modernen Spökenkieker, hat in seiner Karriere mehr als hundert visionierende Artikel, ein, zwei angeblich erfolgreiche Bücher (Amazon-Verkaufsrang seines letzten: 1.959.828, jetzt aber wohl steigend) und zahlreiche Vorträge abgeliefert.

Im August prognostizierte er einem internationalen Verlegertreffen das baldige Ableben ihrer Produkte. Ein gelungen gewähltes Thema, denn auf fast nichts stürzen sich Medien mit so viel morbider Begeisterung wie auf Nachrichten vom anstehenden eigenen Tod.

Grund genug, die Prognose vom August 2010 auszubauen zu einem Untergangsszenario globaler (medialer) Reichweite. Dawson legte die termingerecht zu Halloween vor - dem Samhain-Feiertag, an dem sich der vorchristlichen, keltischen Mythologie zufolge die Reiche von Leben und Tod berühren. Konkret wie nie zuvor beziffert Dawson in seiner "Newspaper Extinction Timeline" exakte Daten, wann in welchem Land die Presse, wie wir sie bisher kannten, untergehen wird. In den USA, behauptet Dawson, sei das schon 2017 so weit, deutsche Verleger dürfen sich dagegen noch bis 2030 an ihren bedruckten Fischeinwicklern erfreuen. Denen geht es in Deutschland übrigens zumindest wirtschaftlich gerade wieder etwas besser.

Trotzdem: Ab dann, behauptet Dawson, gäbe es Papier-basierte Zeitungen nur noch in der Dritten Welt, ansonsten spielten sie keine erwähnenswerte Rolle mehr.

"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen"
Helmut Schmidt, 1980

Man kann so etwas als eine Form des Entertainments abtun, denn wir wissen ja, dass sich die meisten Vorhersagen von Futurologen in Rückschau als unterhaltsamer, aber gequirlter Unsinn erweisen. Andererseits spielen solche Szenarien eine nicht unwichtige Rolle im politischen und wirtschaftlichen Leben: Man braucht Vorstellungen möglicher Zukünfte selbst in Extremen, um sich auf denkbare Entwicklungen einstellen zu können.

Industrien mit langen Produktionszyklen wie beispielsweise die Autobranche orientieren sich bei ihrer Modellplanung durchaus an solchen Szenarien künftiger demografischer, gesellschaftlicher, städtebaulicher, politischer oder wirtschaftlicher Entwicklung. Nur so ist die rational kaum zu begreifende Schwemme von Geländewagen für den Stadtverkehr erklärbar: Es ist nicht die Erwartung, dass sich Schlaglöcher vermehren, sondern die Rentner. So genannte SUVs sind keine Möchtegern-Jeeps, die eigentlich keiner wirklich braucht, sondern Fahrzeuge für betuchte, reifere Käufer mit zunehmenden Altersbeschwerden, die sich beim Ein- und Aussteigen nicht gern bücken.

Zeitung stirbt durchaus nicht - sie durchläuft eine Metamorphose

Insofern erfüllen Visionen mitunter also durchaus erfolgreich einen Zweck. Das gilt auch für Dawsons Vision, die allerdings nicht neu ist: Was der Mann sagt, ist nur, dass der Übergang von der Papier- zur E-Paper-Leseform unmittelbar bevorstehe. Überall da, wo man sich das leisten kann, werde diese vollzogen, sobald E-Paper so dünn, leicht und flexibel sein wird wie Papier. Populär ist diese Botschaft bei den Managern der Medienwelt auch deshalb, weil sie alle bereits Millionen in diese Vision investieren - da nimmt man Bestätigung gern mit.

Aber kein vernünftiger Mensch wird die Vision auch bezweifeln: Wenn der E-Reader in aufgerollter Form in der Brusttasche eines Hemdes nicht mehr stört, wenn er trotzdem Hunderte stets aktuelle Seiten vorhält, wenn er zudem nur noch zehn Dollar kostet, wie Dawson prognostiziert, wer würde dann noch Papier nutzen wollen? 2040 wahrscheinlich wirklich niemand mehr.

Interessant an Dawsons steiler Untergangs-Vision ist dagegen, dass der Zeitpunkt der Papier-Ablösung in der westlichen Welt so verschieden ausfällt. Abhängig ist der laut Dawson nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren, sondern vor allem auch davon, wie offen Gesellschaften für Veränderungen und Innovationen sind. Und da ist Deutschland offenbar so eine Art erzkonservatives Schwellenland, hinkt den Early Adopters locker mal eineinhalb Jahrzehnte hinterher: Irgendwann, sagt Dawson damit, ist die Papierzeitung ein Nachrichtenangebot für Menschen, die nicht gern klicken (also auch so eine Art SUV). Oder liegt es wie in Frankreich daran, dass der Staat aus unerfindlichen Gründen die Papierform lange Zeit finanziell stützen, also quasi künstlich beatmen wird?

Man weiß es nicht, doch man ahnt: So dicke, wie vom Futurologen visioniert, wird es nicht kommen - außerdem sagt er ja auch gar nicht den Tod der Presse voraus, sondern nur das Ende der Papier-Form. Das schon als Untergangsszenario zu verstehen, wäre reichlich teutonisch. "Zeitung" ist nicht mehr als ein aktuelles, periodisch erscheinendes Lese-Nachrichtenprodukt. Wenn Sie so wollen, lesen Sie gerade darin.



insgesamt 7 Beiträge
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Emmi 02.11.2010
1. Zukunft nicht vorhersagen, sondern gestalten!
Medienleute wie Politiker sollten sich die Zukunft nicht vorhersagen lassen, sondern sie (die ihrer Länder bzw. Medien) gestalten!
Ares Skye 02.11.2010
2. Halte die Prognose für eher richtig
Es geht nicht darum, dass es dann keine Medien/Zeitungen mehr gibt. Sondern nur darum, dass "Zeitungen in heutiger From unbedeutend" werden. Und das wiederum glaube ich. Klar, Spiegel wirds auch 2050 in irgendeiner (online) Form noch geben. Aber ob die Printauflage so weit sinkt, dass sie relativ gesehen "unbedeutend" wird? Wer weiß. Außderm haben grade die großen Medien in Sachen EU, Immigration, etc. eine so "politnahe" Stellung erreicht, dass sie hier viel Glaubwürdigkeit und Reichweite eingebüßt haben. Die meisten Artikel liegen - von der inhaltlichen Färbung - irgendwo zwischen den Grünen und dem linken Flügel der SPD: - Republikaner in den USA können nur böse sein - EU ist per se fast immer gut - Immigration, egal wie unqualifiziert und kulturfremd, ist fast immer gut - Wenn Integration scheitert ist irgendwie immer die Mehrheitsgesellschaft schuld - Wer den menschgemachten CO2-Klimawandel anzweifelt ist ein Irrer und Ketzer
Indigo76 02.11.2010
3. Titelverweigerer
Im Sommer 2001 sagte so ein Möchtegernprophet den baldigen Tod des Buches voraus (nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal). Womit der gute Mann nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass im Winter des selben Jahres die ersten Teile von "Herr der Ringe" und "Harry Potter" in die Kinos kam. Die Folge war, dass Weihnachten 2001 jedes dritte Geschenk unter deutschen Weihnachtsbäumen ein Buch war! So möchte ich auch sterben. Natürlich ist das ein Extremfall unf niemand konnte wirklich damit rechnen aber es zeigt sehr schön, wieviel diese Futurologen wert sind - nämlich nichts.
Mort 02.11.2010
4. Online vs. Zeitung
"Wenn Sie wollen lesen Sie gerade darin". Das würde ich zumindest derzeit nicht so sehen. Von Online-News erwarte ich schnelle Information - sowohl was die Zeit zwischen Geschehen und Veröffentlichung als auch die der Rezeption angeht. Von Zeitungen hingegen erwarte ich, dass die Zeit bis zur "periodisch erscheinenden" nächsten Ausgabe dazu genutzt wird, ein paar Hintergrundinformationen zu sammeln, angebliche Fakten vernünftig zu prüfen, und daraus ein lesenswerter Artikel entsteht, der gerne auch mal so lange ist, dass man lieber auf ePaper oder toten Pflanzen liest als auf blendenden, unscharfen Bildschirmen. Dass viele Zeitungen diese Erwartung nicht erfüllen, steht auf einem anderen Blatt und dürfte in Kombination mit der Tatsache, dass man umformulierte Agenturmeldungen auch kostenlos auf zig Webseiten bekommt, der Hauptgrund für sinkende Auflagen sein. Fraglich ist natürlich, ob man längere Hintergründe nun unbedingt täglich benötigt oder ob's (halb)wöchentlich nicht auch reicht. Und last not least ist natürlich auch die Frage, wie schnell und zu welchen (preislichen) Konditionen die Verlage digitale Alternativen bieten. Hierzulande bieten ja derzeit soweit ich weiß gerade einmal taz und FAZ Online-Abos an, letztere aber nur für den Kindle (und iPad?).
georg_doerner 02.11.2010
5. Zu Recht „gespöttelt“
Es ist immer wieder interessant zu sehen wie diese selbsternannten Experten Trends voraussagen. Wurde Print nicht schon 2000 im Internet-Hype totgesagt? Und gleiches gilt in der aktuellen Social-Media Debatte. Und was heißt hier „Vision“? Wenn man sich die Karte von Mr. Dawson anschaut, fällt auf, dass die Verbreitung des Internets mit dem Aussterben der Zeitung einhergeht. Woher nimmt er die Zeitangaben? Sicherlich wird sich das E-Paper erst dann durchsetzen, wenn es so leicht wie Papier ist und Kosten-, und Umweltschutzvorteile und Komfort dafür sprechen. Aber er verkennt auch die starken Unterschiede der Medienmärkte. Siehe auch: http://www.zaw.de/index.php?menuid=98&reporeid=675 Und dass wir Deutschen ein Problem mit der Rolle des Early Adopters haben ist offensichtlich. Die Medien haben sich ganze Geschäftsfelder abnehmen bzw. kannibalisieren lassen. Als Beispiele seien nur die Abwanderung der Anzeigenmärkte bei Stellenanzeigen, Kleinanzeigen (siehe Auto, Partnersuche, Wohnungssuche u.a.) genannt. Auch wenn es den „late Followers“ in Deutschland wirtschaftlich gerade wieder etwas besser, an der prekären Situation ändert das wenig. Der Vergleich von SPON mit den SUVs und den Rentnern veranschaulicht es auch sehr gut. Die SUVs sind mittelfristig auch vom Aussterben bedroht. Die veränderte Mediennutzung der nachfolgenden Generationen von (Nicht-Mehr) Lesern wird für die Medien zum weitaus größeren Problem. Ob sie E-Paper oder Print konsumieren können ist dabei zweitrangig.
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