Game Bytes Helden-Party mit Pixeln und Plastik

Die US-Armee nutzt Computerspiele zur Anwerbung, zur Ausbildung - und jetzt auch zur Inszenierung und Heilung ihrer Soldaten. Wenn ein Kriegsheld Glück hat, wird er im Spiel verewigt und zur Actionfigur aus Plastik. Wer Pech hat und traumatisiert heimkommt, erhält virtuelle Hilfe.

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Major Jason Amerine wusste schon vorher, was sein Präsident tun wird - nicht lange fackeln nämlich. "Als wir hörten, dass das World Trade Center getroffen worden war", erinnert sich der Soldat, "wussten wir sofort, dass das Krieg bedeutete. Ich war mir sicher, dass dieser Krieg in Afghanistan stattfinden würde." Ob er dann überrascht war, dass gleich noch der Irak drankam, ist in Jason Amerines Helden-Rede nicht überliefert.

Aber das ist ja auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass Amerine ein Held ist. Im wahren Leben - und jetzt, fast noch besser, auch in einem Computerspiel: im Armee-eigenen Rekrutierungs-Shooter "America's Army".

Die "authentischste militärische Erfahrung, die es gibt" (Werbeslogan des Spiels), wird jetzt nämlich noch ein bisschen authentischer - durch die "Real Heroes". Bevor man virtuell in den Irak einmarschiert, kann man im "Virtual Recruiting Center" Computerspielversionen von echten Kriegsveteranen treffen und sich deren Schlachtengeschichten anhören. Zum Beispiel die von Jason Amerine.

Als Amerine oder einer seiner Heldenkollegen spielen kann man nicht, zumindest nicht am Computer - im wahren Leben aber schon: Die "echten Helden" gibt es bald auch für zehn Dollar als Actionfiguren aus Plastik zu kaufen. Der US-Armee ist es gelungen, den Verwertungskreislauf Mensch-Spiel-Krieg zu schließen: "America's Army" interessiert junge Amerikaner fürs Militär, diese heuern irgendwann an, ziehen in den Krieg, liefern dort mit ihren Heldentaten Stoff für neue Missionen und lassen sich dann zu Hause als Spielzeug verkaufen - mit propagandistischem Bonus-Effekt. Das ist wichtig für die US-Armee, denn ihr geht angesichts der Probleme im Irak und in Afghanistan allmählich das Kanonenfutter aus.

"Der knallharte Realismus urbaner Kampfhandlungen"

Neben "America's Army" dient noch ein Ballerspiel den Zwecken des US-Militärs: das kommerziell vertriebene Videospiel "Full Spectrum Warrior", das in einer aufgebohrten Variante eingesetzt wird, um Soldaten zu trainieren. Auch die Publikumsversion "erlaubt dem Spieler, die Intensität und den knallharten Realismus urbaner Kampfhandlungen zu erleben" (Hersteller-Website).

Nun sind gerade die Intensität und der knallharte Realismus solcher Kampfhandlungen im wahren Leben bekanntlich nicht gut für die menschliche Psyche. Eine Studie des renommierten "New England Journal of Medicine" ergab, dass schon 2004 rund 18 Prozent der Irak-Soldaten an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten: einem aus zahllosen Filmen über Vietnamveteranen bekannten Syndrom, das mit Angstzuständen, Horror-Flashbacks, genereller Abstumpfung und depressiven Gefühlen einhergeht. Menschen, die daran leiden, müssen behandelt werden - sonst wird die Sache schlimmer. 30 Prozent der Vietnamveteranen litten noch 1990 daran, zeigte eine vom US-Kongress initiierte Studie. Man kann PTBS möglichst durch direkte Intervention nach dem traumatisierenden Ergebnis behandeln. Das ist in einem Kriegsgebiet schwierig - aber immerhin: Wenn die Soldaten nach Hause kommen, will man ihnen jetzt schneller helfen als in den Siebzigern. Angewandt werden modernste Methoden, zum Beispiel Virtual-Reality-Technologie (VR).

Rehabilitation mit der Ausbildungs-Software

Traumatische Situationen nachzuerleben und gleichzeitig einen Entspannungszustand zu halten: Das ist eine der Standardprozeduren der Verhaltenstherapie. Angst und angstauslösende Situation sollen gewissermaßen voneinander getrennt werden. Das geht mit VR besonders gut. "Virtually Better"heißt ein Unternehmen, das Therapietechnik für Kriegstraumatisierte entwickelt, mit Geld vom Office of Naval Research der US-Marine.

Und man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen - wie Commander Russel Shilling und ein paar Kollegen. Sie nahmen die Technologie von "Virtually Better", ein Headset mit Vibrations- und sogar Geruchsfunktion, und kombinierten sie mit "Full Spectrum Warrior". Derart erweitert, kann die Einsatzsimulation künftig auch dazu dienen, Kriegsgeschädigte wieder alltagstauglich zu machen - eine passende Ergänzung zum Verwertungskreislauf von "America's Army".

"Die Videospielindustrie als Quelle der Hilfe und der Innovation zu sehen, das ist eines meiner großen Ziele", sagt Russel Shilling. Der Mann hat auch an "Americas Army" mitgearbeitet. Die virtuelle Therapie-Realität, sagt Shilling zur "BusinessWeek", sei schon Neuland für die Armee, denn "in einer Simulation Emotionen hervorzurufen, sogar im Training, das ist eine ziemlich neue Idee für uns".

Und wann kommen die traumatisierten Actionfiguren?

Wenn Politiker im US-Abgeordnetenhaus mit Anhörungen auf die Bedrohung der Jugend durch Videospiele aufmerksam machen wollen, wird als Beispiel meistens "Grand Theft Auto - San Andreas" bemüht: eine bittere Satire auf den American Way of Life und die Hoffnungslosigkeit im Ghetto. Sogar ein korrupter Geheimdienstmann kommt darin vor, der die Spielfigur für verdeckte Operationen anheuert - als Kanonenfutter gewissermaßen. "America's Army" dagegen, vom Militär nach eigenen Angaben mit 2,5 Millionen Dollar jährlich finanziert, wird üblicherweise nicht erwähnt. "Full Spectrum Warrior" auch nicht, und "Virtually Better" natürlich keinesfalls - schließlich sind Rekrutierung, Glorifizierung und Reintegration nach vollbrachter Heldentat ja im nationalen Interesse.

Die "Real Heroes" von "America's Army" haben Glück: Nicht nur, dass sie in Pixeln und Plastik verewigt werden. Sie leben, sie haben noch alle Gliedmaßen, sie leiden vermutlich nicht an posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie haben den Dienst an der Waffe als "größtes Privileg meines Lebens" erlebt (Amerine), haben von der Armee "gelernt, dass es nichts gibt, was ich nicht tun kann" (Sergeant Tommy Rieman) - oder einfach, "stolz auf mich zu sein" (Staff Sergeant Matthew Zedwick).

Auf Actionfiguren von Verstümmelten oder zusammengekrümmten Flashback-Opfern wird man dagegen vermutlich noch eine Weile warten müssen.



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