Game Bytes Schulhofschläger bedrängen Rockstar

Mit im Spiel versteckten Sexszenen hat der "Grand Theft Auto"-Hersteller Rockstar Games die Sittenwächter der USA erzürnt. Nun droht ihm neues Ungemach: Ein Spiel über Schulhof-Schubsereien ist noch nicht einmal veröffentlicht, schon werden Rufe nach Zensur laut.

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Spiel "Bully": "Dahin, wo es schmerzt"

Spiel "Bully": "Dahin, wo es schmerzt"

Es ist nicht leicht, ein Rockstar zu sein. Man hat treue Fans, aber die können mit ihrer dauernden Hingabe auch für ziemlichen Stress sorgen. Eltern, Lehrer und Politiker betrachten einen als Gefahr für die Jugend. Und wenn man im Gespräch bleiben will, muss man nicht nur regelmäßig ein bahnbrechendes Produkt abliefern, sondern auch ein bisschen provozieren - sonst taugt man bald nicht mehr als Elternschreck und wird schnell sehr uncool.

Beim Videospielhersteller Rockstar Games kennt man all diese Sorgen - eben erst haben im Spielcode versteckte, ziemlich alberne Sexszenen, freigelegt von einem hingebungsvollen Fan, das Spiel "Grand Theft Auto: San Andreas" (SA) in den USA die Jugendfreigabe und den Hersteller damit geschätzte 40 bis 50 Millionen Dollar gekostet. Ein nebenbei reichlich absurder Vorgang, angesichts der Tatsache dass SA ein zwar brillantes aber äußerst gewalttätiges Spiel ist. Blutbäder und Drive-by-Shootings hatten aber nicht ausgereicht, das Spiel unter den Ladentisch zu verbannen - erst ein paar ruckelige Sexszenen zwischen Polygonfiguren schafften das.

Der Anti-Mod-Mod für Freunde kalten Kaffees

Inzwischen hat Rockstar einen Anti-Mod-Mod ins Netz gestellt, mit dem man sicherstellen kann, dass man nicht doch ganz aus Versehen mit einer komplizierten Prozedur den Pixelporno freischaltet. NoMoreHotCoffee.com heißt die Seite, auf der das Programm zum definitiven Ausmerzen des inzwischen berüchtigten "Hot Coffee"-Mod heruntergeladen werden kann. Kritiker wie Hillary Clinton und den kalifornischen Abgeordneten Leland Yee wird das kaum besänftigen.

Rockstars ärgster Feind sind aber weder Politiker noch Eltern, sondern ein Rechtsanwalt. Jack Thompson heißt der Mann, und er hat einen höchst erfolgreichen Weg gefunden, aus moralischer Entrüstung Geld zu machen. Jedes Mal, wenn in den USA und anderswo irgendein Verbrechen auch nur entfernt in Zusammenhang mit Computerspielen gebracht werden kann, ist Thompson zur Stelle, um an Zivilklagen zu verdienen.

Von der internationalen Gamer-Gemeinde wird er inbrünstig gehasst, amerikanische Talkshow-Hosts dagegen lieben ihn, weil er immer für eine kontroverse Behauptung zu haben ist. Zum Beispiel, dass Computerspiele "Tötungs-Simulationen" seien, mit denen Teenager "zu Mördern ausgebildet" würden.

"San Andreas"-Sexszene: Pixelporno mit Poligonfiguren

"San Andreas"-Sexszene: Pixelporno mit Poligonfiguren

Auch am Prozess gegen den 20-jährigen Devin Moore war Thompson beteiligt. Moore hatte nach einer Verhaftung wegen Autodiebstahls zwei Polizisten und einen Funker erschossen - und Thompson wollte nachweisen, das "Grand Theft Auto" an der Tat Schuld war.

Thompson vertrat aber nicht den Angeklagten, sondern die Angehörigen der Opfer, die Schadensersatz erstreiten wollen, vom Hersteller und dem Geschäft, das dem Täter das Spiel verkauft hatte. "Grand Theft Auto" muss am Dreifachmord schuld sein, fand auch Moores Verteidigung, weil der ein Fan des Spiels war und nach der Tat gesagt haben soll "das Leben ist ein Videospiel, wir müssen alle einmal sterben". Die Jury war jedoch anderer Meinung: Sie verurteilte Moore jetzt wegen dreifachen Mordes, ohne auf die Argumentation seiner Anwälte einzugehen. "Er wusste, was er tat", sagte die Staatsanwältin.

Jack Thompson aber bleibt unbeirrt. Er hat einmal angekündigt, er werde Rockstar Games in die Knie zwingen - und nun hat er sein nächstes Angriffsziel gefunden: Ein angekündigtes Spiel namens "Bully". Darin soll der Spieler in die Rolle eines Schülers schlüpfen, der sich durch Sportplatz, Bibliothek und Klassenzimmer einer Privatschule schlagen muss, mit Liebesabenteuern und Streit mit dem Banknachbarn. Das Spiel sei eine "schwarze Komödie im bisher ekelhaftesten und sadistischsten Setting aller Rockstar-Videospiele: dem Pausenhof", schreibt die Spieleseite IGN.com.

Ruf nach Zensur Monate vor der Veröffentlichung

Viel mehr ist über "Bully" bislang nicht bekannt - auf der Webseite zum Spiel gibt es drei magere Screenshots, sonst nichts. Voraussichtlich im Oktober soll "Bully" erscheinen - aber Jack Thompson und die Betreiber der Webseite "Bullying Online" wissen schon jetzt, dass da die nächste Gefahr für Kinderseelen droht. "Bullying", also Gemeinheiten und Gewalt unter Schülern, sei "kein geeignetes Thema für ein Spiel", meint Liz Carnell, Leiterin der Seite.

"Bullying Online" wendet sich mit Ratschlägen an von Schulhof-Schlägern bedrohte Kinder und deren Eltern. "Solche Spiele vermitteln den Eindruck, dass diese Art von Erfahrung normal ist", sagte Carnell der BBC. Eine interessante These, legt sie doch nahe, dass auch das Abschlachten von Zombies, das Fliegen von Raumschiffen oder Hochgeschwindigkeitsrennen durch belebte Innenstädte durch ihre Umsetzung im Spiel einen Hauch von Alltäglichkeit bekommen könnten. Carnell jedenfalls ist sicher: "Dieses Spiel sollte verboten werden." Dabei übernimmt der Spieler laut der Presseinformation des Herstellers die Rolle eines "problembeladenen Jungen", der unter gemeinen Mitschülern und böswilligen Lehrern leidet - also genau die der Zielgruppe von "Bullying Online".

"Bully"-Hauptfigur: "Problembeladener Junge"

"Bully"-Hauptfigur: "Problembeladener Junge"

Auch Anwalt Thompson zögerte selbstverständlich nicht, sich dem Ruf nach Vorab-Zensur anzuschließen. Paul Eibeler, den Präsidenten von Rockstars Muttergesellschaft Take Two, forderte er auf, "die Veröffentlichung von 'Bully' zu stoppen".

Bei Take Two sieht man die Sache naturgemäß ein wenig anders. "Bully" sei ein "sehr missverstandenes Spiel", sagt Markus Wilding von Take Two Deutschland. Es gehe eher "in Richtung Highschool-Komödie". Obwohl man darin schon auch mal "den Ball beim Völkerball dahin werfen kann, wo es schmerzt", drehe "Bully" sich nicht vorrangig um Gewalt. Waffen und Ähnliches kämen in dem Spiel überhaupt nicht vor.

Wilding weiß aber auch, dass die politische Aufmerksamkeit, die der "Hot Coffee"-Mod Rockstar Games in den USA eingebracht hat, "Bully" dort Schwierigkeiten bereiten könnte - etwa bei der Alterseinstufung: "Unter normalen Umständen wäre ein Teen-Rating für das Spiel sicher kein Problem gewesen."

"Wenn die Alten erst tot sind ..."

Nun aber muss sich Rockstar mit den Bemühungen vor allem von US-Demokraten herumschlagen, mit dem Thema Videospiele in den Wählerreservoirs der Republikaner zu fischen, wie der "Economist" in seiner aktuellen Ausgabe anmerkt. Gleichzeitig mahnt das renommierte Magazin, mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus, zur Geduld: "Wie Rock 'n Roll in den Fünfzigern sind Games von den Jungen akzeptiert und werden von den Alten weitgehend abgelehnt. Wenn die Jungen erst alt sind, und die Alten tot, werden Computerspiele einfach als ein weiteres Medium betrachtet werden, und die Debatte wird sich woandershin bewegen."

Vielleicht ist es ja dann auch nicht mehr ganz so schwer, ein Rockstar zu sein.



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