Gamer-Kunst Aus Spielen werden Comics

Viele Gamer sind längst nicht mehr damit zufrieden, mit Spielen nur das zu tun, wozu sie gemacht sind. Sehr lebendig ist zum Beispiel die "Gamics"-Szene: Aus Spiel-Screenshots werden dort teils kunstvolle, teils äußerst witzige Comics montiert. Im Web blüht die Kunstform.

Eine gute Idee ist eine Idee, die in einem Satz erklärbar ist, an die man sich nach einer Woche noch erinnern kann und die eine Menge Geld verspricht. Für Nathan Ciprick sind "Gamics" genau so eine Idee. Ein Blick auf seine Website gamics.com  zeigt: Gamics liegen auf der Hand - Computerspiele als Bildlieferant für Comic-Kunst. Eine ständig wachsende Subkultur hat sich aus dieser Idee inzwischen entwickelt.

Für Ciprick kam die Erleuchtung an einem Sonntagnachmittag. Freunden wollte er zeigen, wo er sich mit wem im Online-Rollenspiel "Star Wars: Galaxies" so herumtreibt. Schnell schoss er ein paar Screenshots und zeigte diese herum. Die Freunde sahen sein Alter Ego: einen Händler mit allerlei virtuellen Kunden. Sie grinsen und winken in die Kamera - vorgespeicherte Gesten können dazu vom Spieler aktiviert werden.

Cipricks erste Bilder waren also Postkarten und Urlaubsfotos aus einer virtuellen Welt. Der Ex-Programmierer aus Toronto hatte Zeit, arbeitete den Gedanken aus, kombinierte Comics und Games und nannte das schließlich Gamics. Der Autor schießt virtuelle Fotos, setzt sie im Grafikprogramm zusammen und ergänzt sie dort mit Sprechblasen und Firlefanz.

Ciprick, 32 Jahre alt, macht das jeden Tag. Heute ist sein "Star Wars"-Epos "Path to the Force"  über 200 Seiten lang, jeden Mittwoch kommen zwei neue dazu. Insgesamt 21 verschiedene Gamics auf hunderten Seiten hat er bereits veröffentlicht. Gerade arbeitet er parallel mit weiteren Spielen: "Matrix Online ", "Everquest 2 " oder "Grand Theft Auto: San Andreas ". Noch experimentiert Ciprick viel und probiert neue Ansätze aus - bald schon will er aber Geld mit seinem Gamics machen.

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Gamics: Kühne Whiskeyflaschen und verliebte Polizisten

Zusammen mit einer Agentur spricht er Hersteller von Computerspielen an, die sich offenbar interessiert bis begeistert zeigen: Gamics transportieren den einzigartigen Look eines Videospiels und sind relativ einfach und schnell zu machen. Pro Gamic-Seite braucht Ciprick eine halbe bis maximal zwei Stunden. Viel Zeit vergeht dabei im Spiel, wenn er auf den richtigen Moment zum Abdrücken wartet.

Ein Egoshooter als gigantisches Puppenhaus

Diese Herangehensweise muss den Leuten von "Public Health Warning Comics"  seltsam umständlich vorkommen. Sie machen sich Spiele wie "Half-Life 2" lieber per Modifikation des Spielcodes gefügig. Ihr Lieblingswerkzeug ist "Garry's Mod" . Das kostenlose Tool verwandelt den Egoshooter in ein riesiges Puppenhaus, der Spieler wird zum Regisseur und Bühnenbildner. Per Knopfdruck platziert, arrangiert und kombiniert er Gegenstände, Spielfiguren und Monster. Im Handumdrehen schneiden Charaktere Grimassen oder verdrehen sich in seltsamen Gesten.

Garry's Mod ist ein wahres Geschenk an Gamic-Künstler. Während Ciprick sich nur in bereits existierenden Spielwelten austoben kann, richten sich andere ihre Szenen lieber selbst ein - und sind dabei weit weniger von Glück und Geduld abhängig. So entstehen echte Perlen wie etwa die Abenteuer von "Secret Agent Whiskey"  - einer Schnapsflasche in geheimer Mission. Oder die surreal-traurige Geschichte von "Herman the German" .

Carl der Koch macht Kekse in "Quake"

Doch das dürfte erst der Anfang sein. Richtig spannend wird es, wenn Gamics sich von ihren Mutterspielen frei machen. Noch sehen "Half-Life 2"-Comics sehr nach "Half-Life 2" aus, und Cipricks Gamics sind meist ein Kommentar oder eine Fortschreibung der Spiel-Stories. Doch die Machinima-Community hat vorgemacht, wie weit man das Setting eines Games treiben kann. Machinima sind Filme, die mit einer Game-Engine gedreht werden. Aus dem Shockershooter "Quake" bastelte der "Ill"-Clan so zum Beispiel die preisgekrönte Kochsendung "Carl the Cook" . In dessen Küche erinnern höchstens die Schlachtermesser und Schnitzelklopper an Blut und Gewalt.

Doch Gamics könnten sich viel rascher entwickeln als die aufwendigen Machinima-Filme. Obwohl sie noch keinem großen Publikum bekannt sind, quellen Foren und Websites bereits über von selbstgemachten Spielecomics. Allein in das Forum der PHWcomics.com  haben Fans Hunderte Gamics gepostet. Ein halbes Dutzend anderer Websites veröffentlicht mehr oder weniger regelmäßig eigene Gamics. Und als erster Spielehersteller bietet Planetwide Games einen eigenen Comic Book Creator an, der Szenen aus dem eigenen Spiel "RYL - Path of the Emperor" kinderleicht zu einem fertigen Comic zusammenstellt - gegen Geld.

Darauf kann auch Ciprick hoffen - auch wenn er Comics mit Spielgrafik nicht erfunden hat. Schon seit Jahren tummeln sich sprechblasenverzierte Screenshots im Netz. Ciprick gab ihnen einfach einen griffigen Namen und sah als einer der ersten das große Potential. Jetzt liegt es an ihm, die schnelle Entwicklung nicht zu verschlafen - und etwas zu bieten, was die anderen nicht können. Vielleicht sind es die interaktiven Gamics, die er plant.

Erste Gehversuche gibt es bereits: Ciprick stellt wöchentlich eine Gamic-Seite aus dem Spiel "City of Heroes"  mit leeren Sprechblasen ins Netz und lässt sie von seinen Lesern betexten. Vielleicht hilft aber auch, dass jeder auf Gamic-Verewigung hoffen kann, der Ciprick im Onlinespiel über den Weg läuft. Wenn man sich also von einer virtuellen Kamera beobachtet fühlt - immer schön winken.

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