Gamers Corner Abgefahrener Freizeitfresser

Neben Fußball, Autos und dem PC haben Männer bekanntermaßen noch eine weitere große Leidenschaft: die Modelleisenbahn. Microsoft hat nun zwei dieser Freizeitfresser im Eisenbahnprogramm "Train Simulator" vereint.

Von Martin Schnelle


Seit der Übernahme der Firma Sublogic und ihrem populärem Titel "Flight Simulator" hat Microsoft quasi ein Monopol auf die klassische Flugsimulation. In Zusammenarbeit mit dem britischen Entwickler Kuju Entertainment veröffentlicht der Softwareriese nun ein Produkt, das auch die Herzen aller Eisenbahnbegeisterten höher schlagen lassen soll: Den "Microsoft Train Simulator".

Züge wie Strecken haben die Software-Programmierer sehr detailliert gestaltet

Züge wie Strecken haben die Software-Programmierer sehr detailliert gestaltet

Anders als bei den althergebrachten Modellloks fährt der Spieler hier jeden Zug selbst. Die Loks reichen dabei von der Dampflok "Flying Scotsman" aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts bis zum modernen Schnellzug aus Japan. Von den österreichischen Alpen abgesehen, die ein Teil der Strecke des Orient-Expresses darstellen, liegt jedoch keine der mitgelieferten Strecken in Europa. Freunde des ICE oder des Klassikers TEE müssen also wohl auf Zusatz-CDs von Fremdherstellern warten.

Eines der Erfolgsgeheimnisse des "Flight Simulators" liegt in dessen offener Architektur. Jeder kann eigene Szenerien und Flugzeuge entwerfen und darf sie sogar verkaufen. So hat sich im letzten Jahrzehnt ein äußerst lukratives und umfangreiches Sekundärgeschäft entwickelt. Mehrere hundert der so genannten "Add-ons" sind mittlerweile zu haben. Ähnlich könnte die Entwicklung beim "Train Simulator" ablaufen, denn Editoren für neue Strecken und Loks werden gleich mitgeliefert.

Optisch ist den Programmierern ein kleines Kunstwerk gelungen. Allerdings gilt es auch zu berücksichtigen, dass das Spiel nur die Bahnstrecken samt deren direkter Umgebung darstellt. Eine Flugsimulation muss schließlich auch das komplette Gelände um Flughäfen und abseits der Flugwege anzeigen, was erheblich höheren Aufwand erfordert.

Zugfahren will gelernt sein

So kompliziert sieht das Cockpit einer Elektro-Lok gar nicht aus - Probleme macht hier eher das kühle Wetter mit Schneetreiben

So kompliziert sieht das Cockpit einer Elektro-Lok gar nicht aus - Probleme macht hier eher das kühle Wetter mit Schneetreiben

Der Reiz des Spiels besteht nicht nur im Ansehen der Objekte der Begierde. Die Handhabung der Loks unterscheidet sich dabei ganz beträchtlich. Bremst der japanische Super-Zug beim Gaswegnehmen wie ein Auto automatisch ab, müssen alle anderen Schienenfahrzeuge von Hand gebremst werden. Fährt der Spieler beispielsweise für die amerikanische Eisenbahngesellschaft Amtrak, muss er alle 25 Sekunden auf einen Schalter drücken, damit der Zug weiterfährt - eine Sicherheitsmaßnahme, um Unglücken durch plötzlich ausfallendes Personal vorzubeugen.

Eine Dampflok wie der "Flying Scotsman" ist eine komplizierte Angelegenheit, denn Kesseldruck und Feuer müssen vom Lokführer und dem Heizer unter Kontrolle gehalten werden. Auf Wunsch übernimmt der Computer das Kohlenschippen. Am Dampf erkennt der Spezialist, ob zuviel Kohlen aufliegen oder der Wassergehalt zu hoch ist. Dank eines einstellbaren Realitätsgrades darf der Benutzer aber wählen, wie einfach er es haben will.

Ab und zu stehen Tiere auf den Gleisen, die durch beherztes Hupen verscheucht werden müssen. Und anders als bei den Kollegen von der Deutschen Bahn AG sollte der Fahrplan tunlichst eingehalten werden - und das ist gar nicht so einfach. Kommt der Zug nicht korrekt am Bahnsteig zum stehen, brauchen die virtuelles Fahrgäste länger zum aus- und einsteigen.

Im höchsten Realitätsmodus fällt die Kontrolle über altertümliche Dampfmaschinen ziemlich schwierig aus

Im höchsten Realitätsmodus fällt die Kontrolle über altertümliche Dampfmaschinen ziemlich schwierig aus

Ansprüche stellen sie auch. Beschleunigt oder bremst die Eisenbahn zu stark, beschweren sich die Passagiere. Und dann sind da Geschwindigkeitsbeschränkungen, die keinesfalls überschritten werden sollten - erst entgleisen die Gesichtszüge des Aufsichtspersonals, dann die Züge selbst.

Auch im Güterbahnhof gibt es viel zu tun, etwa Waggons richtig an- oder abzukoppeln. Das richtige Gleis muss gefunden werden, wobei ein Fahrplan hier ebenfalls für Stress sorgt. Dabei helfen Anzeigen, die ein echter Lokführer nicht hat, etwa ein Abstandsmesser. Außerdem lässt sich der Vorgang auch von oben beobachten. Wem das alles zu stressig ist, kann auch einfach nur die hübschen und detaillierten Strecken genießen - als Fahrgast im Abteil.



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