Gamers Corner Pulleralarm!

Auch die primitivsten Spielideen verkaufen sich - wenn sie eine bekannte TV-Lizenz vorweisen können.

Von Martin Schnelle


Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft kommt eine Flut von Computerspielen, die sich durch drei besondere Eigenschaften auszeichnen: Sie stellen die Umsetzung einer bekannten Fernsehsendung dar, sind ziemlich simpel gestrickt und machen dicke Gewinne.

Big Brother - The Game 2: Hanka und Ebru in friedlicher Eintracht - beim Spülen
Infogrames

Big Brother - The Game 2: Hanka und Ebru in friedlicher Eintracht - beim Spülen

Gleich vier Produkte sind bereits erhältlich oder kommen gerade in die Geschäfte: Infogrames "Big Brother - The Game 2", die mittlerweile zweite PC-Inkarnation der Container-Bewohner, brilliert gleich in allen drei oben aufgeführten Punkten.

Das Spielprinzip ähnelt den guten alten Tric-o-tronics. Das waren winzige LCD-Spielchen, in denen eine Figur oft nur etwas auffangen musste. Nur heißen sie hier nicht Luigi, der Pizza-Bäcker, sondern Harry, Hanka und Ebru, die beim Spülen zum Beispiel von der Decke fallendes Geschirr erhaschen.

Ganz ohne Figuren kommt das Erstellen des Container-Wochenbudgets aus, bei dem herabstürzende Lebensmittel mit einer Einkaufstüte eingesackt werden. In der Primitivität reiht sich "Big Brother - The Game 2" damit locker hinter seinem Vorgänger ein, der nichts anderes als eine moderne Version des alten "Pac Man" war - und die deutschen Verkaufscharts anführte.

Leere Stühle, vier Antworten zur Auswahl: Wer wird Millionär?
Eidos Interactive

Leere Stühle, vier Antworten zur Auswahl: Wer wird Millionär?

Wer frühmorgens den Fernseher einschaltet, hat eine gute Chance, den Sat.1-"Superball" zu sehen. Auch dieses Spielchen lauert nun auf PC-Festplatten: Neben der recht öden TV-Variante haben die Programmierer von Software 2000 einen Action-Modus entworfen, in dem die Sat.1-Kugel Hindernissen wie spitzen Kristallen oder schwarzen Löchern ausweichen muss. Auch hier ist der Hersteller, der schon zwei Folgen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" für Heimcomputer herausgebracht hat, frohgemut angesichts der Umsätze.

Überhaupt nichts mit der zugehörigen Sendung zu tun hat "Pulleralarm" von CDV - außer, dass Stefan Raab in beiden sein vorlautes Mundwerk nicht hält. Erschallt dieses spezielle Alarmgeräusch in der Sendung "TV Total", hat vorher jemand sein bestes Stück gezeigt - im Spiel bedeutet es lediglich: Raab hat ein dringendes Bedürfnis. Vorher läuft er über das Areal, sucht Bierflaschen, trinkt diese aus und erleichtert sich dann - im Dixi-Häuschen, im Swimmingpool oder am nächsten Baum.

Martin Schnelle ist leitender Redakteur bei "PC Player"
PC Player

Martin Schnelle ist leitender Redakteur bei "PC Player"

Dagegen wirkt die PC-Umsetzung von "Wer wird Millionär?", der erfolgreichsten TV-Sendung auf dem ganzen Globus, wie eine spielerische Offenbarung. Hier wird zumindest in Multiple-Choice-Fragen Wissen verlangt. Durch Übernahme der Original-Musik und einer Nachbildung des Studios (allerdings ohne Günther Jauch) entsteht sogar eine rudimentär spannende Atmosphäre. Bei diesem Anfang Dezember von Eidos Interactive erhältlichen Produkt sind mangelnde Verkaufszahlen ebenfalls nicht zu befürchten.

All diese Titel werden in einem Bruchteil der Zeit und mit einem Bruchteil des Budgets hergestellt, das ein "normales" PC-Spiel wie etwa "Command & Conquer: Alarmstufe Rot 2" verschlingt. Sie sind für gewöhnlich auch nicht so teuer - der "Superball" etwa ist für unter 30 Mark zu haben. Doch erfahrene PC-Spieler haben die nicht unberechtigte Befürchtung, dass der Erfolg dieser Spiele zu Lasten der Produktion hochwertigerer Software geht, die oft über Jahre entwickelt wird - und dann doch nicht die gesteckten Verkaufsziele erreicht.

Pulleralarm: Der Toilettengang als Kultspiel - Stefan Raab meint: Pfui!
CDV

Pulleralarm: Der Toilettengang als Kultspiel - Stefan Raab meint: Pfui!

Einen vierten Punkt haben die vorgestellten Produkte auch gemein: Warum gehen Menschen in das "Big Brother"-Haus? Warum lässt sich jemand von Günther Jauch vor mehr als 10 Millionen Zuschauern bloßstellen? Warum ruft jemand zu menschenunwürdigen Zeiten bei Sat.1 an? Weil sich das eigene Konto damit gut aufstocken lässt.

Diese Motivation fällt bei den PC-Spielen aber komplett weg. Übrig bleibt ein blasser Abklatsch der Fernsehsendung für Leute, die von ihrer TV-Lieblingsshow nicht genug bekommen können.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.