Garry Kasparow "Es klafft eine Lücke zwischen unseren Wünschen und unseren Fähigkeiten"

Das Match Mensch gegen Maschine, Garry Kasparow gegen Deep Junior, endete unentschieden. Direkt nach der letzten Partie zog Kasparow in einer Pressekonferenz sein Resümee.


Das abrupte Ende der sechsten Partie erwischte Kommentatoren und Zuschauer kalt: Augenscheinlich in einer stärkeren Position offerierte Garry Kasparow Remis, was vom Team Junior einige Züge später angenommen wurde. "Da", meint Kommentator Mig Greengard, "wird Kasparow einiges zu erklären haben". Kasparow war dieser Meinung nicht: "Unentschieden war ein gutes Ergebnis". Hier in Auszügen seine Erklärungen nach dem Spiel:

Zur Frage der überraschenden Remis-Offerte:

"Mit dem 23. Zug opferte ich meinen Turm und bot gleichzeitig ein Remis an. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich besser stand als Junior. Ich glaube, was ich tat, war ein logischer Zug, der beste Zug. Es ist sehr schwer, solche Dinge im Spiel mit einer Maschine einzuschätzen. Vielleicht hätte ich warten sollen."

Zu seinen Gründen, das Spiel nicht zu Ende zu spielen: "Gegen jeden menschlichen Spieler hätte ich in dieser letzten Stellung weiter gekämpft. Schwarz stand definitiv nicht schlechter da als Weiß. Das Spiel zu gewinnen hätte aber eine sehr, sehr lange Zeit gedauert, und dann kommt dieser Druck ins Spiel, wenn man gegen einen Computer spielt. Je länger die Partie andauert, desto größer wird die Gefahr eines dummen Fehlers, während die Maschine niemals einen groben Schnitzer machen wird. Unentschieden war ein gutes Ergebnis."

Neue Bescheidenheit:

"Vor der letzten Partie hatte ich mir das Ziel gesetzt, nicht zu verlieren. Ich bin in dieses Match eingestiegen mit der Absicht, es zu dominieren. Aber es klafft eine Lücke zwischen unseren Wünschen und unseren Fähigkeiten. Im zweiten Spiel war ich in einer Gewinn-Position und übersah sie. In der dritten Partie übersah ich Gewinnchancen und versaute dann noch das Remis. Ich habe das Match verspielt."

Status-Einschätzung: Mensch und Maschine

"Dieses Spiel heute zu gewinnen hätte mehr Energie und Kreativität erfordert als je zuvor im Spiel gegen eine Maschine. Junior steht für diesen Wandel. Noch ist die Maschine verletzlich, wir sahen im Verlauf des Matches einige Schwächen. Gut, wir sahen sowohl Stärken als auch Schwächen. Doch grundsätzlich wird die Maschine in einem Spiel nie einbrechen, ein Mensch hingegen kann sich da nicht sicher sein."

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