Gehässige Online-Fotoalben Scheitern kann so schön sein

Missgeschicke, Peinlichkeiten, Katastrophen: Manche Internetseiten dienen nur der fotografischen Dokumentation des Scheiterns. Das ist meist außerordentlich lustig - wenngleich das Hinschauen ziemlich weh tut.

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Ein Kampfpanzer im Kopfstand. Ein Feuerwehrwagen in Flammen. Eine aufgeblasene Rettungsinsel in der Flugzeugkabine. Ein Radfahrer im Flug - kopfüber auf dem Weg zur harten Kollision mit dem Asphalt.

Bild von der Sammelseite "Doing it Wrong": Enzyklopädien fotografisch dokumentierter Desaster

Bild von der Sammelseite "Doing it Wrong": Enzyklopädien fotografisch dokumentierter Desaster

Es sind gewaltige Kollektionen solch gefrorener Momente des Unglücks, Enzyklopädien fotografisch dokumentierter Desaster, die von einer regelrechten Bewegung katastrophenversessener Fotosammler im Internet angelegt werden.

Die Bewegung segelt unter einer Flagge mit vier Buchstaben: fail. Das ist das englische Wort für Scheitern, doch in den vergangenen Jahren ist das Verb auch zu einer Art Marke geworden. Einem universellen Ausruf, Kurzkommentar zu allen möglichen gescheiterten Aktionen oder doch wenigstens als Scheitern wahrgenommenen Missgeschicken.

In Blog-Kommentaren zum Beispiel taucht das Wort überproportional häufig auf, in der (die Grenzen der unerträglichen Geschmacklosigkeit oft überschreitenden) Wikipedia-Parodie "Encyclopaedia Dramatica" hat "You fail it" einen eigenen Eintrag. "Seit Anbeginn der Zeit" sei es Aufgabe der Gewinner, die Verlierer auf ihre Unfähigkeit hinzuweisen, ist dort zu lesen. "So kam es zur Schöpfung des 'You fail it'-Mems."

Den Begriff Mem hat der Biologe Richard Dawkins einst erfunden, um seine These von den "egoistischen Genen", die sich durch die Menschheitsgeschichte hindurch fortpflanzen möchten, auf Ideen auszuweiten. Ein Mem ist Dawkins zufolge ein Gedanke, ein Konzept, eine Theorie, die sich von Kopf zu Kopf fortpflanzt. Das kann ein Witz sein, das Konstruktionsprinzip des Spitzbogens - oder eben eine Phrase wie "You fail it!"

Über Tortengags und Bananenschalenwitze lacht die Welt

Die schief englische Formulierung stammt ursprünglich vermutlich aus der Übersetzung des japanischen Ballerspiels "Blazing Star" von 1998. Mit "You fail it!" wurde ein gescheiterter Spieler darin beschieden, und weil sich das für Muttersprachler unfreiwillig komisch anhört, wurde die Phrase zum Geek-Gag. Seit zehn Jahren wandert das irgendwann unterwegs zu schlicht "Fail!" (Steigerung: "epic fail") verkürzte Mem durch das Mem-Paradies Internet.

Eine gewisse Verwandtschaft besteht zu den sogenannten Lolcatz. Deren Humor erwächst ebenfalls aus der Kombination von schlechtem Englisch und komischen Fotos.

Jedenfalls hat "Fail!" inzwischen in der Kombination mit digitalen Fotodokumenten des Scheiterns so richtig zu sich selbst gefunden - und damit auch von den Eingeweihten des Netzhumors in den Mainstream. Die Fachleute diskutieren jetzt schon, ob nicht langsam mal Schluss sein sollte mit der Versager-Verachtung.

"Leute im Hintergrund, die ihre Fotos ruinieren"

Über krumme Sätze aus Computerspielen kann nur ein ganz spezieller Kreis von Menschen lachen - über Tortengags und Bananenschalenwitze die ganze Welt. Inzwischen hat sich die "Fail"-Bewegung sogar ausdifferenziert. Es gibt Spezialangebote für Fotos von gescheiterten Hunden oder Katzen. So verbindet sich der beliebteste Webseiten-Inhalt überhaupt (nach Pornografie), nämlich Katzen-Content, mit dem beliebtesten Humorprinzip der Welt: Schadenfreude.

Andere Angebote würden gut in dieses Portfolio der gutgelaunten Häme passen, wissen aber augenscheinlich noch gar nichts davon - zum Beispiel die Seite "Wrecked Exotics", die ausschließlich der schadenfrohen Dokumentation von kaputtgefahrenen Luxusautos dient. Oder die Sammlung "Fotos, die genau im richtigen Moment gemacht wurden". Oder Fotoserien von "Leuten im Hintergrund, die ihre Fotos ruinieren".

Die Erfinder der digitalen Häme aber sind die Failblogs - SPIEGEL ONLINE zeigt die fünf besten:

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