Generationenkonflikte Grundrecht auf Blamage

Zwei Mädchen veröffentlichten anstößige Fotos von sich im Internet. Ihre Schule mahnte sie ab, die beiden klagen. Der Fall steht für einen neuen Zwiespalt der Generationen: Ältere verstehen nicht, warum Teenager Intimes preisgeben - und den Jungen ist nicht klar, was sie dadurch verlieren.
Selbstpräsentation junger Frauen bei MySpace: Was früher allenfalls vor dem Spiegel probiert wurde, passiert heute online

Selbstpräsentation junger Frauen bei MySpace: Was früher allenfalls vor dem Spiegel probiert wurde, passiert heute online

Wenn Amerikaner von "freier Meinungsäußerung" reden, meinen sie mehr als wir: Im Namen dieses Grundrechts verteidigen Anwälte das Recht militanter Rechtsradikaler, gegen die Demokratie zu agitieren. Pornografie-Anbieter klagen für das Recht, Fotos nackter Minderjähriger zu verbreiten oder - wie in einem aktuellen Fall - zwei Mädchen gegen ihre Schule, weil die sie dafür bestraft hat, sexuell anstößige Fotos bei MySpace veröffentlicht zu haben. Denn auch das Posieren in Reizwäsche, während man lächelnd an einem Penis-förmigen Dauerlutscher leckt, ist eine freie Meinungsäußerung im amerikanischen Verständnis.

Klar, denn der Erste US-Verfassungszusatz meint jedwede Äußerung überhaupt. Salopp ließe er sich mit "Du darfst keinem Bürger den Mund verbieten" übersetzen, aber er geht sogar noch weiter. Er würde im Extremfall auch die Äußerungen von Aliens schützen, die sich mit Furzen und Stepptanzen verständigen (wie ein Alien in einer absurden SF-Geschichte von Kurt Vonnegut).

Oder eben die Veröffentlichung von Anzüglichkeiten und Intimitäten in Social Networks, meinen zumindest die Anwälte der amerikanischen Civil Liberties Union ACLU, die am 23. Oktober im Namen der Mädchen Klage vor einem US-Bundesgericht einreichten. Denn für die Generation Social Network ist der Selbstausdruck im Web Alltagskommunikation.

Was ist normal?

An dem Fall entzünden sich nun Diskussionen um höchst grundsätzliche Dinge . Es geht um freie Meinungsäußerung versus Disziplinierungsrecht der Schule, es geht darum, ob sich Demütigung an Selbstentblößung festmacht oder daran, dafür bestraft zu werden. Denn was für den Schuldirektor und die Mitglieder der Disziplinierungskommission ein skandalöses Verhalten ist, ist für die Klägerinnen offenbar keines. Für die Generation MySpace scheint der Skandal eher darin zu liegen, wegen so einer Lappalie diszipliniert zu werden - und dann auch noch von Männern.

Unter dem Strich geht es also auch um einen Generationenkonflikt und die Frage: Was ist normal? Was ist noch akzeptables Verhalten?

Nichts ist privat

Begonnen hatte die Geschichte in den Sommerferien. Die zwei anonymen Mädchen - ihre Namen erscheinen auch in der Klageschrift  nur mit ihren Initialen - übernachten mit mehreren Freundinnen, albern herum, schießen gewagte Fotos. Sie sind Sophomores, wie man in den USA sagt, High-School-Schülerinnen im zweiten Jahr und damit wahrscheinlich 15 Jahre jung. Sie gehören damit einer Altersgruppe an, für die es absolut normal ist, ihre Social-Network-Profilseiten mit Fotos zuzukleistern, auf denen sie in vielfältiger fraulicher Verkleidung, überschminkt und aufgetakelt posen.

Eltern kennen das. Überlässt man einer 14-, 15-Jährigen ohne jede Lenkung die Wahl des Outfits, kommt dabei eine Pretty-Woman-Parodie heraus, die auf der Straße binnen zwanzig Minuten zur Verhaftung führen würde. Jeder Jugendpsychologe wird bestätigen, dass dies nie anders war: Das Ausprobieren weiblicher Rollenklischees, auch in einer Überbetonung des sexuellen Potentials, gehört zur Pubertät. Im stillen Kämmerlein, vor dem Spiegel, haben Mädchen wohl seit Jahrhunderten damit gespielt.

Der Spiegel heißt heute Social Network: Es sind die Profilseiten der Fünfzehnjährigen, die Jugendschützer zu recht dazu bringen, Facebook, MySpace und Co. auch als Jagdgründe für Pädophile zu sehen.

Exhibitionismus ist eine Frage der Wahrnehmung

Was Ältere an dem aktuellen Fall verblüfft, ist aber etwas anderes: Die Mädchen reagieren auf die öffentliche Bestrafung ihres gesellschaftlich nicht sanktionierten Verhaltens nicht schamhaft, sondern mit Empörung. Nicht die Tatsache, dass ihr Schuldirektor und führende Lehrer sie in Reizwäsche an einem Penis-Lutscher lecken sahen, führt für sie zum Konflikt, sondern die folgende Bestrafung: Was hat das Online-Verhalten der Mädchen mit der Schule zu tun, fragt die Klage zu recht. Wieso mischt sich die Schule hier ein? Warum sollen sich die Minderjährigen entschuldigen? Warum wegen "Sexsucht" Therapiestunden besuchen, was die Schule tatsächlich von den Mädchen verlangte?

Das alles sind berechtigte Fragen, das Vorgehen der Schule ist höchst bigott: Die Disziplinarstrafe bestand unter anderem darin, den Mädchen die Teilnahme am Cheerleaderteam zu verbieten. Diese sportlichen Anheizerinnen sollen per definitionem stets sexy sein, zugleich aber vorbildlich tugendhaft wie eine mittelalterliche Heilige leben. Für die Mädchen ist das aberwitzig. Sie fragen per Klage: Was geht es die Schule an, dass sie in für ihre Generation normaler Weise kommunizieren und sich ausdrücken?

Die Denke dahinter erklärt jede Äußerung im stets öffentlichen Raum des Internet als normal. Längst gehört es zum normalen kommunikativen Verhalten balzender Pubertierender, sich gegenseitig per SMS oder Web Nacktbilder zuzuschicken ("Sexting"). Privatsphäre als ein Raum im Leben, den man vor den Augen anderer schützt, ist für immer mehr junge Menschen kein Konzept mehr, mit dem sie etwas anfangen könnten. Alle sind öffentlich.

Porno ist ein Adjektiv

Als die seltsame Paris Hilton - berühmt, weil sie reich und öffentlich ist - im Internet auf einem Privat-Porno zu bestaunen war, versuchte sie nicht etwa, den Film aus dem Verkehr zu ziehen (ein völlig zweckloses Unterfangen), sondern klagte auf Tantiemen. Wahrscheinlich redete kaum ein jüngerer Mensch darüber, dass Paris offenbar private Pornos dreht. Worüber geredet wurde, war, wie cool sie auf die Veröffentlichung reagierte. Echt Porno.

Denn in der Welt der Social Networks ist irgendwie alles Porno: Der Begriff, seit einigen Jahren vor allem als Adjektiv gebraucht, bedeutet für Leute unter 30 dasselbe, wie "cool" für Leute über 30 Jahre. Die Generation der Internet-Sozialisierten hält es für völlig normal, online absolut alles preiszugeben. Auf den Profilseiten von Jugendlichen lassen sich deren Beziehungswirren verfolgen, diskutiert wird alles bis ins Detail.

Kommunikationsflut killt Information

Dazu kommt die Flut der profanen Wasserstandsmeldungen aus dem eigenen Leben per Twitter und Co, selbst von Erwachsenen: Alles wird zur "Meldung", und weil der Dienst es gestalterisch nicht anders hergibt, erscheint das "Hab gerade einen Toten bei Verkehrsunfall gesehen" völlig gleichgewichtig neben "Seit dem Rosenkohl blubbert mein Magen". Kaum jemanden fällt noch auf, dass das Getwitter nicht nur profan und merkwürdig ist, sondern oft regelrecht anmaßend: Man macht sich selbst zum Weltmittelpunkt, über den man ständig berichtet. Würde man den getwitterten Äußerungsstrom laut von sich geben, kassierte man wohl schnell und zu recht ein "Kannst du nicht mal den Mund halten?".

Privatsphäre ist eine Währung

Wohl seit dem Paläolithikum definierte man Kommunikation so, dass es dabei um den Austausch von Informationen gehe. Der Austausch findet weiterhin statt, Information wird aber zunehmend ersetzt durch die Veröffentlichung von Befindlichkeiten und Status-schaffenden Selbstbildern.

In diesem Strom der permanenten Äußerung ist nicht nur fast alles erlaubt, sondern sogar erwartet. Wer nichts preisgibt, investiert auch nichts in seine Online-Beziehungen. Die stehen längst gleichberechtigt neben den Offline-Beziehungen, kein Jugendlicher trennt da mehr: Vom Schulhof über die SMS im Bus bis zum Instant Messenger, sobald man zu Hause ist, lebt man in einem permanenten kommunikativen Raum. Und in dem gilt besonders der etwas, der Intimität investiert: Sie ist die soziale Währung, an der sich Status festmacht. Nur öffentliche Leben sind prominente Leben, und am Grad der Prominenz macht sich fest, wer im jugendlichen Alltag zum Gewinner oder Opfer wird.

Denn nur Opfer sind still, entäußern und veröffentlichen sich nicht Online, weil sie sich sonst dem Mobbing aussetzen. Der Unterschied zwischen einem Opfer und einem coolen Alpha-Mädchen macht sich heute auch daran fest, dass die eine Hohn, Spott und Hass erntet, wenn man auf ihrem Social-Network-Profil ein Bikini-Bild aus dem Urlaub entdeckt, während der anderen der frenetische Applaus der Peer-Group sicher ist, wenn sie in Reizwäsche an Penis-Lollies lutscht. Echt porno, total cool.

Was, fragen sich da natürlich empört diese so bestens integrierten, den sozialen Erwartungen und Normen ihrer Peer-Group eben doch gehorchenden Gören, mischt sich die Schule da ein und straft uns ab?

Peinlich gibt's nicht mehr

Zu recht, denn sie kennen es nicht anders. Im Fernsehen balzen gehemmte Bauernsöhne öffentlich um Publicitysüchtige oder einsame Unverheiratete. Im Schimmel lebende Vertreter des Prekariats lassen sich als Gegenleistung für ihre öffentliche Blamierung kostenfrei die Wohnungen und Häuser sanieren. Beziehungsgestörte lassen vor laufender Kamera ihre verhaltensauffälligen Blagen therapieren. Fortpflanzungswillige Möchtegern-Väter mit verminderter Spermienzahl onanieren unter öffentlicher Anteilnahme, um ihrem Bemühen um neues Leben Ausdruck zu verleihen.

Welche intimen Dinge, fragen sich da ältere Semester, haben sich junge Leute überhaupt noch mitzuteilen, wenn sie wirklich intim werden? Ist dann nicht alles, was früher wertvolles, geheimes Wissen war, profan?

"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", schrieb einst Niklas Luhmann. Das stimmt vielleicht nicht ganz, aber richtig ist, dass die Welt ein subjektives Konstrukt aus verfügbaren Informationen ist: "Richtig" ist sie so, wie wir sie vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen, unseres gelernten Wissens, unseres inneren Bewertungskompasses wahrnehmen.

Richtig ist aber auch das Prinzip Pippi Langstrumpf: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Soll heißen: Wir sind da nicht ohne Einfluss. Wenn man von MySpace, Reizwäsche und Penis-Lutschern hört, fragt man sich mitunter, ob das in der atemlosen, über-kommunikativen Twitter-Social-Network-Welt nicht zu oft vergessen wird. Manchmal kann man die Welt schon verbessern, wenn man manche Dinge nicht twittert, manches Foto nicht zeigt.

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