Geplante Allianz mit Microsoft Murdoch droht Debakel bei Google-Boykott

Es soll das neue Powerduo im Web werden: Medientycoon Rupert Murdoch will sich mit Microsoft verbünden - und keine Nachrichten mehr bei Google platzieren. Doch das angestrebte Bündnis der Schwergewichte ist hochriskant.
News-Corp.-Lenker Murdoch: Neues Powerduo mit Microsoft

News-Corp.-Lenker Murdoch: Neues Powerduo mit Microsoft

Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

Rupert Murdoch

Es wäre ganz einfach. Alles, was man bräuchte, wäre eine Entscheidung: Von einer Stunde zur nächsten könnte der Medienunternehmer verhindern, dass die Crawler von Google seine Internetseiten weiterhin besuchen und indexieren. Was auch immer dort dann steht, wäre unsichtbar für Google, aber sichtbar für andere Suchmaschinen - und vielleicht sogar nur für eine einzige, ausgesuchte.

Was man dafür braucht? Eine kleine Datei namens "robots.txt" im Stammverzeichnis der Website. Die Robots-Datei ist ein Web-Standard, der seit vielen Jahren gilt und von allen großen Suchmaschinen respektiert wird: Es ist diese Datei, die Crawler als erstes lesen, wenn Suchroboter von Google, Ask, Bing und Co. eine Internetseite aufrufen. In ihr ist festgelegt, wer da was indexieren darf - und wer nicht. Jeder Webmaster kriegt das in fünf Minuten hin. Er könnte verfügen, dass Google ab sofort draußen bleiben muss und nur zahlende Gäste willkommen sind.

Angeblich ist es genau das, worauf Verhandlungen zwischen Rupert Murdochs News Corp. und Microsofts Suchdienst Bing hinauslaufen könnten. Seit Mitte des Monats laufen die, wie die "Financial Times" am Wochenende öffentlich machte. Die Beteiligten kommentieren das nicht, aber es ist völlig plausibel: Murdoch nimmt seit November 2008 jede sich ihm bietende Gelegenheit wahr, Google und andere News-Aggregatoren im Web als Parasiten der Medien zu beschimpfen, die er aussperren wolle. Und Microsoft macht Verlegern und Medienunternehmen seit längerem Avancen auf exklusive Deals, bei denen gern auch Geld fließen darf.

So etwas könnte Türen öffnen, denn Geld kann Murdoch gerade gut gebrauchen. Der Medien-Tycoon fürchtet um sein Imperium. Die Tageszeitungen verlieren weiter rapide an Auflage und Werbeumsätzen, Online bricht ebenfalls ein, vielen TV-Angeboten geht es auch nicht gerade prächtig.

Nachrichtengeschäft: Murdoch ist auf dem Rückzug

Vor allem das klassische Verlagsgeschäft - längst ein Duett aus Print und Online - ist das große Sorgenkind: Die schriftlichen Nachrichten, verriet Ende vergangener Woche Murdochs Sohn James, der das Europa- und Asien-Geschäft von News Corp. verantwortet, werde künftig keine so große Rolle mehr spielen im Medienmix des Unternehmens. Und fügte hinzu, dass sich News Corp. lieber auf profitablere Pay-TV-Angebote stützen wolle. Auch das ist nicht einfach, wie das Beispiel Deutschland zeigt, verspricht aber eine Emanzipation vom launischen Werbemarkt, dem Medien auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.

Denn Werbung allein reicht nicht, hat Murdoch inzwischen erkennen müssen. Vor eineinhalb Jahren, als der Online-Werbemarkt rosig aussah, wollte er noch alle Inhalte verschenken, inklusive der kostenpflichtigen des "Wall Street Journals". Inzwischen ist Notwehr das Gebot der Stunde, und niemand zieht das konsequenter durch als Murdoch: Er will alle seine Zeitungen und Nachrichtenangebote kostenpflichtig machen, um zu verhindern, dass die trotz (und wegen!) des Lesererfolges ausbluten. Er hofft, dass andere Medienunternehmen mitmachen - im Idealfall alle.

Zur Zahlstrategie gehört dann auch, dass man den Aggregatoren den Hahn abdreht, also verhindert, dass beispielsweise Google Nachrichten der News Corp. auf seiner Seite darstellen kann. Wie gesagt: Technisch ist das profan - aber äußerst gewagt.

Boykott: Ein Schuss ins eigene Knie?

Denn es ist nicht klar, ob die News-Aggregation mehr schadet oder nützt. Es gibt auch im Murdoch-Reich Zeitungstitel, die 25 Prozent ihrer Leser von Google zugeführt bekommen. Das ist natürlich auch Google klar. In einem Statement des Unternehmens gegenüber SPIEGEL ONLINE heißt es: "Google News und die Web-Suche stellen überaus große Quellen für die Bekanntmachung und Promotion von Nachrichtenorganisationen dar - jede Minute werden über Google News und die Web-Suche rund 100.000 Klicks an solche Nachrichtenorganisationen weitergeleitet."

Jeder einzelne dieser Besuche auf Nachrichtenseiten biete den Verlegern die Möglichkeit, Werbung einzublenden oder auch Abonnements zu verkaufen, heißt es weiter. "Unser Ansatz ist vollständig in Einklang mit den Gesetzen. Wir zeigen nur so viel an, dass die Nutzer die Geschichten, die für sie interessant sind, erkennen können - in einer Schlagzeile, einem kurzen Snippet und einem Link zur Ursprungsseite - und leiten die Nutzer dann direkt zu diesen Seiten und Geschichten weiter", erklärt Google.

So ist das - und man kann es als nahezu werblich verstehen: Dass Microsoft nun eventuell dafür bezahlen will, News Corp. weiter Leser zuzuführen, wenn sich die Murdoch-Titel für Google unsichtbar machen, scheint da fast paradox - müsste nicht eigentlich Murdoch dafür bezahlen?

Der Deal der Giganten - ein dickes Missverständnis?

Bing

Aus Microsoft-Sicht ist das Vorgehen aber höchst verständlich. , die neue Suchmaschine des Konzerns, erntet Lob bei den Kritikern (und auch von SPIEGEL ONLINE), tut sich aber trotzdem schwer, Marktanteile zu gewinnen. Seit Menschen im Web nicht mehr suchen, sondern googeln, ist die Marktdominanz des Google-Konzerns fast zementiert.

Microsoft nimmt an allen möglichen Enden Geld in die Hand, um sich attraktive Alleinstellungsmerkmale zuzukaufen, mit denen es Google qualitativ ausstechen kann. Dazu gehören ausgebuffte Shopping-Suche-Features, Kooperationen mit cleveren Partnern wie Wolfram Alpha, verspielte Gimmicks wie die Visual Search und Schwerpunktbildungen wie das US-Reiseportal.

Die meisten davon weichen der direkten Konkurrenz mit Googles Kernkompetenzen aus und versuchen gerade Features auszuprägen, über die Google nicht verfügt - also Marktnischen und -lücken zu besetzen. Prächtig aber wäre es, ausgerechnet eine der Stärken von Google zu bedienen, während Googles Performance dort zugleich einbrechen würde.

Klingt nach einer Partnerschaft Gleichgesinnter, nach Königskindern, die zusammenkommen, nach einem Powerduo M&M - wenn es nicht einige deftige Schönheitsfehler geben würde. Denn es ist gut möglich, dass beide Partner hier etwas ganz falsch einschätzen.

Wollen die das wirklich? Oder nur Unruhe stiften?

Murdoch scheint zu glauben, dass die Nachrichten seiner Unternehmen dem Web fehlen werden, wenn er sie dem kostenlosen Web entzieht. Das ist natürlich ein Irrtum, denn das Gros der Nachrichten macht News Corp. ja nicht, sondern berichtet sie nur: Die Themen sind nach wie vor da, für alle zu lesen. Die Hoffnung, alle maßgeblichen Medienunternehmen würden dem Kostenlos-Boykott beitreten, ist wohl vergebens. Erstens wollen das nicht alle, zweitens gibt es sogar welche, die es gar nicht dürften: News-Outlets wie BBC, ARD und ZDF zum Beispiel, denen man das Feld überlassen würde.

Microsoft wiederum unterschätzt die Macht des Neides: Wenn das Unternehmen damit anfängt, für die Indexierung von Internetseiten der News Corp. zu bezahlen, was sollte deren Konkurrenten davon abhalten, ebenfalls die Hand aufzuhalten? Und wenn dann irgendwann alle Medienunternehmen von irgendjemandem Peanut-Zahlungen für Seitenindexierungen beziehen, kommt dann die Europäische Kommission und pocht auf Wettbewerbsgleichheit? Muss eine Suchmaschine dann auch für die Indexierung von SchülerVZ, von Ebay oder Amazon bezahlen?

Rupert Murdoch

Verrückt wäre das, und für den Bestand des Web höchst kontraproduktiv und außerdem sowieso unmöglich - sagt zumindest : Am 17. November ließ er sich von seinem TV-Sender Fox News interviewen und ging unter anderem auch auf dieses Thema ein. Auf die Frage, ob er vorhabe, exklusive Vereinbarungen mit einzelnen News-Aggregatoren wie Google zu treffen, bei denen Geld an News Corp. fließe, antwortete Murdoch: "Nein, nein, nein. Ich glaube nicht, dass die sich das leisten könnten. Wenn die alles, was sie von Zeitungen und Magazinen in aller Welt nehmen, bezahlen würden, würden sie keine Profite mehr machen."

Laut "Financial Times" liefen da längst die Verhandlungen mit Microsoft, was mehrere Interpretationen zulässt: Entweder, es geht nur um exklusive Deals über ausgesuchte Inhalte. Oder es geht darum, die Diskussion noch ein Stückchen weiter zu drehen. Oder aber darum, mit geringem Aufwand für beide Partner Google vor das Schienbein zu treten.

News Corp.

Letzterer Grund dürfte auf jeden Fall motivierend wirken. Ob der Suchriese das aber überhaupt spüren würde, wäre fraglich: Solange es keinen flächendeckenden Kostenlos-Boykott, keinen generellen Boykott der Aggregatoren gibt, ist Murdochs nicht mehr als ein dicker Fisch in einem mächtig großen medialen Ozean. Wenn es den bald nur noch hinter Glas gäbe, durch das Bing kleine Einblicke gewährt, wird das wohl kaum jemanden berühren außer Murdoch selbst: Ob der sich wirklich wünscht, dass man bald exklusiv bei Bing sehen wird, was man hätte lesen können, wenn man nur zur Zahlung bereit gewesen wäre?

Google müsste das in keiner Weise kratzen. Gegenüber SPIEGEL ONLINE weist sie Firma auf die Möglichkeit der Robot-Exklusion (siehe oben) hin: "Wenn sie uns mitteilen, dass wir ihre Inhalte nicht indexieren sollen, dann machen wir das natürlich auch nicht."

Das kann man auch salopper sagen: Tut, was ihr nicht lassen könnt.

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