Gerüchte über Spotify-Kooperation Facebook plant Musikoffensive

Steht der Online-Musikmarkt vor einer Revolution? Laut einem Medienbericht will sich Facebook mit dem Song-Service Spotify verbünden. 600 Millionen Facebook-Nutzer könnten dann die neuesten Hits gratis hören - ein Alptraumszenario für Anbieter wie Apple oder Amazon.

AFP

Von


Hamburg - Schon in zwei Wochen soll es angeblich so weit sein: Dann könnte Facebook-Nutzern ein neues Symbol entgegenleuchten, wenn sie sich bei dem Netzwerk einloggen: das Logo des Musikdienstes Spotify. Ein Klick darauf würde einen Player auf dem Rechner installieren, über den die Facebook-User auf das mehrere Millionen Songs umfassende Spotify-Angebot zugreifen könnten.

Über entsprechende Pläne berichtet das US-Wirtschaftsmagazin " Forbes" in seiner Online-Ausgabe unter Verweis auf Quellen, die mit der Vereinbarung der beiden Unternehmen zu tun gehabt hätten. Zwar haben weder Facebook noch Spotify die "Forbes"-Geschichte bisher bestätigt. Doch scheint sie plausibel und wäre aus Sicht der beteiligten Unternehmen ein gewaltiger Schritt nach vorn, auch wenn zwischen den Partnerfirmen dem Bericht zufolge kein Geld fließen soll.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat bereits öffentlich (via Facebook versteht sich) seine Begeisterung für Spotify kundgetan. Einer der Spotify-Investoren und Berater ist Sean Parker, der Zuckerberg einst dabei half, aus Facebook ein gut finanziertes Unternehmen zu machen. Dass es eine hohe Affinität zwischen den beiden Unternehmen gibt, ist daher kaum zu bestreiten.

Schon jetzt kann man Spotify bei Facebook finden und mit einem Klick auf seinem Rechner installieren. Die neue Kooperation soll dem Bericht zufolge deutlich weiter gehen.

Bei dem Streaming-Angebot Spotify kann man für zehn Euro im Monat, einen Euro am Tag oder kostenfrei mit Werbeeinblendungen den gesamten Musikkatalog via Internet nutzen - auf beliebig vielen Computern, auf Handys wie dem iPhone, ohne Einschränkung. Das ist in dieser Kombination einzigartig. Es gibt allerdings eine wichtige Einschränkung: Spotify hat in vielen Ländern noch keine Verträge mit den großen Musiklabels abgeschlossen. In Deutschland etwa ist der Dienst nur über komplizierte Umwege verfügbar, ähnlich sieht es in den USA aus.

Online-Musik: Was an Spotify innovativ ist
Angebot
Das Angebot ist überraschend groß - alle wichtigen Plattenfirmen (Universal, Sony BMG, EMI, Warner), viele kleinere Label, sind dabei. Allerdings ist Spotify bisher nur in sieben Ländern offiziell nutzbar, nicht aber in den USA und auch nicht in Deutschland.
Design
Die Spotify-Software (Mac und Windows) ist schlank, schnell und sehr einfach in Google-Logik zu bedienen: Man tippt in ein Suchfeld Künstler, Songtitel und den Namen eines Albums ein, sieht sofort eine Auswahl an Treffern aus dem Katalog und ist mit einem Klick auf der Seite mit allen Suchergebnissen zu einem Künstler. Zur Suchmaschinenlogik gehören auch Vorwärts- und Zurückknöpfe und eine History, die alle gespielten und noch zu spielenden Stücke anzeigt. Die Oberfläche ist sehr reduziert und sehr angenehm zu bedienen - das Google-Gefühl.
Geschwindigkeit
Obwohl Spotify die Musik streamt, gab es beim Selbstversuch keine Verzögerung. Ein Klick, und man hört sofort, was man hören will oder springt an die Stelle des Songs, die man auswählt. Das geht meist sogar schneller als bei der lokalen iTunes-Bibliothek auf dem Mac. Denn Spotify streamt nicht nur von seinen Servern, sondern nutzt zudem auch die Rechner der Kunden für eine Peer-to-Peer-Infrastruktur.
Freiheit
Anders als etwa LastFM folgt Spotify nicht der Radio-, sondern der iTunes-Logik: Man kann hören, was, wann, an welcher Stelle und in welcher Reihenfolge man will. Und: Man kann mit seinem Zugang auf beliebig vielen Rechnern Musik hören.
Playlisten
Spotify-Nutzer können in beliebig vielen Abspiellisten Songs sammeln. Die sind mit dem eigenen Login dann auf jedem Rechner mit Spotify-Software verfügbar, und sie lassen sich einfach per Drag-and-Drop ex- und importieren, veröffentlichen, weitermailen. Denn eine Playlist ist nur ein Link zum Spotfiy-Server.
Doch davon lassen sich die Facebook-Verantwortlichen offenbar nicht abschrecken. Dem "Forbes"-Bericht zufolge soll es künftig auch möglich sein, dass Mitglieder des Spotify-Dienstes gemeinsam mit ihren Online-Freunden dieselbe Musik hören. Schon jetzt unterhalten sich Freunde ständig über Facebook - warum sollten sie dabei nicht auch gemeinsam Musik hören, sich gegenseitig Songs vorspielen?

Die Tiefe dieser Integration von Spotify in Facebook geht weit über das hinaus, was bisher mit den beiden Angeboten möglich ist. Zwar kann Spotify bereits via Facebook Connect mit dem Netzwerk verbunden werden. Die Verknüpfung geht aber nicht sehr weit. So kann man sich beispielsweise nur anzeigen lassen, welche Musik via Facebook verbundene Freunde gerade hören.

Eine Frage der Lizenzen

In der von "Forbes" skizzierten Version würde das Streaming-Angebot von Spotify dagegen zu einem festen Bestandteil des Facebook-Angebots, die Facebook-Website würde in Verbindung mit dem Spotify-Client so quasi zu einem fast unerschöpflichen Musikfundus. Das würde laut "Forbes" zu einer früheren Ankündigung des Filmstudios Warner Brothers passen, das Pläne offenbart hatte, über Facebook einen digitalen Filmverleih anbieten zu wollen.

Ungeklärt ist offenbar auch noch der Name des neuen Musik-Dienstes. Sowohl "Spotify on Facebook" als auch "Facebook Music" seien im Gespräch. Klar ist dagegen, dass Spotify in seiner aktuellen Form nur einen marginalen Effekt für Facebook hat. Denn derzeit hat der Service sich nur für wenige Länder die Musikrechte der Plattenfirmen sichern können: Finnland, Frankreich, die Niederlande, Norwegen, Spanien und Großbritannien. Gespräche mit Plattenfirmen in anderen Ländern, vor allem in den USA, laufen bereits seit Jahren, sind bislang aber zu keinem Anschluss gekommen.

Abo statt Kauf

Der Deal mit Facebook könnte diese Gespräche erheblich beschleunigen - mit dem Argument: Die Aussicht auf den Zugang zu 600 Millionen Anwendern in der größten geschlossenen Kundengemeinschaft der Welt dürfte auch den schwerfälligsten Plattenboss zum Einlenken bewegen. Schließlich hätten die Konzerne via Facebook und Spotify bald Zugriff auf Hunderte Millionen meist junger Musikhörer in aller Welt.

Bei Amazon Chart zeigen, Google Chart zeigen und Apple Chart zeigen jedenfalls sollten jetzt die Alarmglocken schrillen: Ihnen würde mit einem Facebook-Musik-Streaming-Angebot eine gefährliche Konkurrenz erwachsen. Denn ein kostenloser Streaming-Dienst nach dem von "Forbes" geschilderten Muster kommt modernen Hörgewohnheiten entgegen. Wer schon einmal Jugendliche gesehen hat, die sich in der U-Bahn einen iPod-Kopfhörer teilen, um dem neuen Lady-Gaga-Song zu lauschen, kann sich leicht ausrechnen, dass dieselben Teenager den Song auch gemeinsam via Facebook anhören und dabei chatten, wenn sie zu Hause sind. Gegenüber Googles und Amazons Diensten hat Spotify einen weiteren entscheidenden Vorteil: Man muss seine Musiksammlung nicht zuerst hochladen, um sich dann Songs anhören zu können. Ja, man muss die Songs nicht einmal besitzen.

Auch für Spotify würde sich der Deal lohnen. Der Service könnte dank Facebook seinen potentiellen Kundenstamm vervielfachen. Das Unternehmen verdient sein Geld nicht nur mit Werbung, sondern auch mit Bezahlangeboten, die den Anwendern erweiterte Möglichkeiten bieten. So gibt es beispielsweise eine Spotify-App für das iPhone, in die man nach Wunsch Musik zum offline Anhören laden und mitnehmen kann. Ein solches Angebot ließe sich auch in die Facebook-App für iPhone und Android integrieren. Wer bitte braucht dann noch Kaufmusik von Apple und Amazon?

insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BadTicket 26.05.2011
1. Noch schlimmer
Das ist vor allem ein Albtraum für die Musikfans, denn so wird noch mehr Müll produziert der irgendwie statt mit guten Scheiben an die Leute gebracht wird. Aber das alles betrifft eh nur die grottenschlechte Musik die man heute im Radio um die Ohren geschlagen bekommt, gute Musiker setzen nach wie vor auf CDs und Vinyl. Und da gehört auch ein anständiges Design dazu, denn erst wenn alles stimmt, stimmt auch die Musik. Musik ist ein Gesamtwerlebnis, das ist wie beim Essen. Denn das beste Essen taugt nichts wenn es auf den Teller geknallt wird. Die Major-Label werden das aber nicht mehr kapieren und jammern lieber, während immer mehr Independet-Labels recht gute Geschäfte machen.
lm2010 26.05.2011
2. Ist das so neu?
Verfolgt Napster nicht mittlerweile und schon seit längerem das gleiche Konzept wie Spotify? Man schleißt ein Abo ab und hat Zugriff auf eine digitale Bibliothek, kann so gar Songs kostenlos downloaden so lange das Abo gültig ist. Oder was ist jetzt neu?
Volker Hett, 26.05.2011
3. Nicht in Deutschland
Die GEMA wird das schon zu verhindern wissen. Man könnte natürlich SwissVPN oder etwas ähnliches nutzen um dann für das Netzwerk wie ein Schweitzer zu wirken :)
barlog 26.05.2011
4. titel
Zitat von sysopSteht der Online-Musikmarkt vor einer Revolution? Laut einem Medienbericht will sich Facebook mit dem Song-Service Spotify verbünden. 600 Millionen Facebook-Nutzer könnten dann die neuesten Hits gratis hören - ein Alptraumszenario für Anbieter wie Apple oder*Amazon. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,764982,00.html
Da sich offenbar im Zuge solcher Entwicklungen der Trend, Musik überall konsumieren zu können, ohne dafür zu bezahlen, extrem ausweitet, frage ich mich, wovon Musiker zukünftig überhaupt leben können ?
Noctim 26.05.2011
5. !
Was ist an einem On-Demand-Webradio jetzt so unglaublich innovativ? Gabs doch spätestens schon bei Last.fm und hat sich selbst da nicht wirklich durchgesetzt bzw. ist afaik kostenpflichtig geworden...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.