Biometrie ausgetrickst Ein neues Gesicht aus dem 3D-Drucker

Über seine Fingerabdrücke und Gesichtszüge kann jeder Mensch identifiziert werden. Künstler wollen nun gegen Überwachung demonstrieren, indem sie ihre Identität mit Prothesen verschleiern.
Gesichtsmaske aus dem 3D-Drucker

Gesichtsmaske aus dem 3D-Drucker

Foto: URME Surveillance/ Leo Selvaggio

Überwachung von Fluggastdaten, Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung und Gesichtserkennung - das sind nur einige der Punkte aus dem Anti-Terror-Konzept von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Am vergangenen Donnerstag stellte der Minister das 16 Seiten lange Papier für schärfere Überwachungsgesetze vor. De Maizières Sicherheitskonzept ist ein weiterer Meilenstein in der sich verschärfenden internationalen Überwachungshistorie der vergangenen Jahre.

Solche Entwicklungen führen dazu, dass Künstler und Wissenschaftler Ideen entwickeln, wie sie sich staatlicher und privater Überwachung entziehen können. Biometrische Daten aus den einzigartig geformten Gesichtern, der Netzhaut und den Fingerabdrücken spielen eine zunehmend wichtige Rolle bei der Identifizierung von Personen.

Einen Ausweg aus der Überwachung sehen manche darin, ihre Identität zu verschleiern, indem sie diese Merkmale mit Prothesen verändern.

Masken als Identitätsprothese

Leonardo Selvaggio leiht zu diesem Zwecke anderen Menschen sein Gesicht. Der Amerikaner vertreibt unter dem Label "URME " ("you are me", deutsch: Du bist ich) eine Maske aus Kunstharz, die ziemlich realistisch sein Antlitz nachbildet. "URME schlägt vor, wenn man schon die Überwachung nicht ändern kann, zumindest das Objekt der Überwachung zu verändern - insbesondere den Menschen", so Selvaggio.

Die Maske sei eine "Identitätsprothese". Mit ihr lasse sich die Annahme aushebeln, Gesichtserkennung sei eine zuverlässige Methode zur Identifizierung von Personen. Allein mit der bloßen Existenz einer Gesichtsprothese könne in der Theorie jeder jemand anderes sein. Die neue Identität aus dem 3D-Drucker kann man online bestellen.

Selvaggio ist nicht der Einzige, den die systematische Analyse von Gesichtern umtreibt. Auch Make-up, das die Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit verändert , soll vor Gesichtserkennung schützen. Außerdem ein Hut mit speziellem Infrarot-Gesichtsschleier, der seinen Träger auf der Kameraaufnahme zu einem geisterhaften Wesen werden lässt. Die Anleitung zum Nachbauen  verteilt Erfinderin Kathleen McDermott übers Internet.

"Miss My Face"-Gesichtsschleier

"Miss My Face"-Gesichtsschleier

Foto: Kathleen McDermott

Mit den "Anti-Drohnen-Klamotten" des Aktivisten und Künstlers Adam Harvey wird man statt zum Geist sogar unsichtbar - für Kampfdrohnen. Diese verwenden häufig Wärmebildkameras, um menschliche Ziele zu erfassen. Die metallischen Burkas, Hijabs und Hoodies  des Künstlers schotten Wärme nach außen ab und sind so nicht von solchen Drohnen zu erfassen.

Mit Prothesen biometrische Merkmale nachahmen

Ein alltagsnahes Hilfsmittel für die westliche Welt hat der Industriedesigner und Multimediakünstler Mian Wei entwickelt: das "Identity Kit ". Es handelt sich dabei um eine Fingerabdruck-Prothese, deren künstliche Fingerabdrücke aus Silikon wie ein Pflaster um die Fingerkuppe geklebt werden. Die derart simulierten Fingerabdrücke sollen sogar schwerer zu kopieren sein als echte. Das scheint notwendig.

Fingerabdruck-Prothese

Fingerabdruck-Prothese

Foto: Mian Wei/ Identity Kit

In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt: Scheinbar einzigartige biometrische Merkmale können gestohlen und kopiert werden. Erst vor Kurzem knackten Forscher der Michigan State University ein Smartphone  - lediglich mit einem auf Fotopapier ausgedruckten Fingerabdruck. Ähnliche Fälle sind auch von Iris-Scannern bekannt: Auch hier reichte ein Foto, um das Gerät zu überlisten. Und ist ein solches Merkmal erst einmal entwendet, lässt es sich nicht zurücksetzen wie ein Passwort oder Entsperrmuster.

Symbolcharakter

Weis Fingerabdruck-Prothese könnte also wirklich nützlich sein. Doch bislang existieren nur 70 Stück des "Identity Kit". Mithilfe von professionellen Partnern und Herstellern möchte der Designer sein Produkt künftig in größerem Umfang anbieten.

Bislang fristen die Identitätsprothesen und andere Hilfsmittel ein Nischendasein. Allein die Kosten sind abschreckend. Eine Gesichtsprothese von Leonardo Selvaggio gibt es ab 200 Dollar. Für eine Anti-Drohnen-Burka muss man 2500 Dollar hinlegen. Massentauglich ist das nicht. Sicher aber eine Möglichkeit, um dem ein oder anderen Politiker zu zeigen: Wir lassen nicht alles mit uns machen.