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SPIEGEL

Patrick Beuth

Behörden und Biometrie Die schlechtesten Argumente für Gesichtserkennung

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir müssen über Gesichtserkennung reden, aber richtig. Die Biometrie-Befürworter holen nämlich schon die Klassiker der netzpolitischen Diskursverdrehung heraus.

In London setzt die Metropolitan Police nun Live-Gesichtserkennung ein, trotz erheblicher technischer und rechtlicher Bedenken. Ein führender Beamter sagte dem "Guardian" : "Als moderne Polizei haben wir die Pflicht, neue Technologien einzusetzen, um die Menschen in London zu schützen." Nach dieser Logik müssten die Polizisten in der britischen Hauptstadt auch autonome Killerdrohnen einsetzen - das ist auch neue Technologie, und den einen oder anderen Kriminellen könnten sie damit sicherlich unschädlich machen.

Met-Polizist mit Kamera

Met-Polizist mit Kamera

Foto: WPA Pool/ Getty Images

Platz zwei in der Liste haarsträubender Argumente für Gesichtserkennung geht an ungenannte indische Behördenvertreter, die nach Angaben der Deutschen Welle  und Reuters  behaupten, die Technologie sei nötig, um der massiv unterbesetzten Polizei im Land zu helfen. Dass Indien viel mehr Polizisten braucht, ist seit Jahren bekannt. Aber die Anwesenheit von viel mehr Technik - Indiens Gesichtserkennungssystem soll das größte der Welt werden - war noch nie ein geeigneter Ansatz, um die Abwesenheit des Staates auszugleichen.

Auch das deutsche Bundesinnenministerium hat ein Bonmot parat: Nachdem Minister Horst Seehofer den Abschnitt zur Gesichtserkennung an 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen wieder aus seinem Entwurf für das neue Bundespolizeigesetz gestrichen hat, stellte ein Sprecher klar: "Hier hat kein Umdenken des Ministers stattgefunden." Vielmehr wünsche sich Seehofer eine "breite gesellschaftliche Debatte", um für "gesellschaftliche Akzeptanz" zu werben. Es ist also die Gesellschaft, die hier das Problem ist und bitteschön umzudenken hat.

Es wäre schön, wenn diese Debatte nicht nur breit wird, sondern auch tief.

Seltsame Digitalwelt: Beweisfoto von 2007

Vor einigen Wochen habe ich meine ehemalige Mitbewohnerin aus Studienzeiten wiedergetroffen, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Eine zentrale Frage des Abends war: seit wie vielen Jahren genau? Seit ihrer Hochzeit, sagte sie. "Ich war nicht bei deiner Hochzeit", antwortete ich voller Überzeugung. "Warst du doch", schrieb sie mir später per E-Mail - angehängt war das Beweisfoto, auf dem ich zwischen den anderen Gästen zu sehen war. Es stammt aus dem Jahr 2007, ist also keine 13 Jahre alt, sieht aber aus wie ein Foto, das jemand betrunken im Jahr 1977 mit einer billigen Kompaktkamera gemacht hat, rote Augen und eine geradezu absurde Unschärfe inklusive. Jetzt frage ich mich, ob es eine Art Filter für moderne Smartphones gibt, die Fotos derart schlechtrechnen können.

App der Woche: "Grand Mountain Adventure"

Foto: Toppluva AB

Wer von Wintersport nicht genug bekommen kann oder einfach mal entspannt einen Berg herunterbrettern möchte, findet in "Grand Mountain Adventure" wohl das perfekte Spiel dafür. Unaufgeregt und ohne bunte Farben oder Highscore-Jagd präsentiert das Spiel acht verschiedene Berge, die auf zwei oder einem Brett runtergefahren werden können. Herausforderungen und besondere Ziele gibt es trotzdem. Die große Stärke des Spiels ist die authentische Winteratmosphäre und die für das Smartphone hervorragend gelungene Steuerung. Wer das ausprobieren möchte, kann die kostenlose Testversion herunterladen.

Vollversion für 5,49 Euro, von Toppluva AB: iOS , Android 

Fremdlink: drei Tipps aus anderen Medien

  • "Darknet Diaries: MS08-067"  (Podcast, Englisch, 62 Minuten)
    Einer meiner Lieblings-Podcasts ist Darknet Diaries. In dieser Episode geht es in aller Ausführlichkeit um die Geschichte des geradezu legendären Conficker-Wurms, der ab 2008 Millionen PCs infizierte, ohne dabei Schaden anzurichten.

  • "Hilfe bei Rachepornos: Was tun, wenn meine Nacktfotos im Internet sind?"  (7 Leseminuten)
    "Vice" hat einen ausführlichen und gut verständlichen Ratgeber dazu geschrieben, wie man sich juristisch wehren kann, wenn jemand private Nacktfotos oder Sexvideos im Internet teilt. Der Artikel enthält zudem Tipps, wie die Opfer versuchen können, psychisch mit der Situation umzugehen.

  • "Who’s Afraid of the IRS? Not Facebook"  (Englisch, 10 Leseminuten)
    "ProPublica" zeichnet anhand von Gerichtsunterlagen nach, wie sich Facebook und die US-Steuerbehörde IRS über Jahre darum gestritten haben, ob das Unternehmen neun Milliarden Dollar zu wenig abgeführt hat. Im Februar könnte die Entscheidung fallen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Ihr Patrick Beuth

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Foto: rawpixel on Unsplash

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