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Patrick Beuth

Kreativer Einsatz von Gesichtserkennung Ein Künstler deckt auf, wie Instagram-Fotos entstehen

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
Wen findet man, wenn man die Bilder aus Überwachungskameras mit Instagram-Fotos von genau diesem Ort vergleicht? Ein Belgier hat es ausprobiert – und zeigt nun Influencer und Möchtegern-Influencer beim Posieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Instagram ist ein bisschen wie Wurst: Was zählt, ist das Ergebnis. Nicht, wie es entsteht. Der belgische Künstler Dries Depoorter aber zeigt, wie die Instagram-Wurst gemacht wird.

In seinem neuen Projekt »The Follower«  gleicht der 31-Jährige aus Gent die Aufnahmen aus öffentlich zugänglichen Überwachungskameras mit Instagram-Fotos ab, die ihrerseits mit Standortdaten versehen sind.

Ein zweiminütiges Video fasst die bisher besten Ergebnisse des Experiments zusammen und erklärt vereinfacht, wie Depoorter es angestellt hat: Zunächst hat er im Internet drei Kameras ausfindig gemacht. Deren Livebild zeichnete er wochenlang auf. Dann durchforstete er Instagram mit einem Skript nach Fotos, deren GPS-Daten (Geotags) denen der Überwachungskameras entsprechen. Scraping heißt die Sammeltechnik, und auch wenn Instagram ihren Einsatz in den Nutzungsbestimmungen untersagt, ist sie weitverbreitet. Schließlich ließ der Künstler eine Software die Fotos mit den Videobildern vergleichen. »Ich habe verschiedene Open-Source-Programme getestet«, schreibt er. »Die meisten Ergebnisse bekam ich mit Gesichtserkennungssoftware

Das Ergebnis ist eine Art Making-of der Fotos: In welchem banal-alltäglichen Gewusel posieren normale Instagram-Nutzer und auch Influencerinnen mit mehr als 100.000 Followern, wie werden vermeintlich spontane Szenen gestellt und wie unglamourös sieht die Umgebung aus, bevor die Bildbearbeitung daraus farbenfrohe Kulissen macht? Kurz: Wie künstlich ist die Instagram-Welt?

Instagram links, Überwachungskamera rechts: Ein Projekt des belgischen Künstlers Dries Depoorter

Instagram links, Überwachungskamera rechts: Ein Projekt des belgischen Künstlers Dries Depoorter

Foto: Dries Depoorter

Seit Jahren befasst sich Depoorter mit Überwachungstechnik und sozialen Netzwerken. Bekannt wurde er unter anderem als Erfinder der Chat-App »Die With Me«.  Sie funktioniert nur, wenn die Smartphones der Chat-Teilnehmer weniger als fünf Prozent Akkuladung haben. Die letzten Worte (bis zur nächsten Steckdose) sollten über seine App gewechselt werden.

Das neue Projekt, schreibt er mir, soll vor der Macht moderner Überwachungstechnik warnen: »Ich habe das allein gemacht, mit begrenztem Zugang zu Kameras und Daten. Man stelle sich vor, was die Regierung alles kann!«

Übermäßig originell ist das als künstlerisches Statement zwar nicht. Selbstverständlich können Sicherheitsbehörden mehr als ein Einzelner, wenn es um das Zusammenführen und Analysieren von Daten geht. Einen der Männer, die am 6. Januar 2021 das US-Kapitol stürmten, identifizierte das FBI  zum Beispiel ganz ähnlich: Eine Open-Source-Gesichtserkennungssoftware, die Videoaufnahmen von dem Tag durchsuchte, erkannte ihn beim Abgleich mit Instagram-Fotos.

Dennoch hat Depoorter offenbar einen Nerv getroffen. Am Montag jedenfalls brach seine Website unter dem Ansturm von Neugierigen zusammen, wie er selbst auf Twitter schrieb . Weitere Treffer werde er nach und nach im Netz veröffentlichen, kündigte Depoorter an. Es dürfte wohl weniger die politische Botschaft sein, die so viele Menschen für das Projekt begeistert, als vielmehr der von den Instagram-Influencern vermutlich nicht gewollte Blick hinter die Kulissen ihrer Fotoshootings. Für mich aber ist es ein anschauliches Beispiel für die Macht von Open-Source-Technologien – und als solches zumindest fröhlicher als vergleichbare Versuche nach dem Sturm aufs Kapitol.

Hier finden Sie die Projektseite von »The Follower« mit allen Bildern und Videos .

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Patrick Beuth

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