Missbrauch von Gesichtserkennung in Russland »Wer ist die Frau in diesem privaten Sexvideo?«

Ein angeblicher Putin-Leibwächter wird angeprangert, Stalker gehen auf Opferjagd: Onlinedienste wie FindClone geben sich als digitale Selbstverteidigungshelfer – doch sie sind nicht nur fehlerhaft, sondern brandgefährlich.
Gesichtserkennung wird nicht nur von Behörden genutzt: »Wer ist die Frau in diesem privaten Sexvideo?«

Gesichtserkennung wird nicht nur von Behörden genutzt: »Wer ist die Frau in diesem privaten Sexvideo?«

Foto: Thomas Peter/ REUTERS

»Meine Herren, Anons, ich habe 40 FindClone-Suchen übrig, und die laufen bald ab. Es wäre doch schade drum. Also biete ich euch meine Suchdienste an.« Solche oder ähnliche Angebote posten Unbekannte immer wieder im russischen Onlineforum 2ch.hk, auch Dvach genannt. Die Reaktionen lauten typischerweise »Wer ist dieses Teenager-Mädchen?«, »Wer ist die Frau in diesem privaten Sexvideo?« oder auch »Wer ist diese Frau, die sich geweigert hat, mir einen Job zu geben?«, jeweils zusammen mit einem Foto.

FindClone ist ein russischer Onlinedienst, der nach Aussagen der Entwickler »Kopien Ihrer Fotos« findet, »die von Vkontakte zum Senden von Werbung und Spam verwendet werden«. Vkontakte ist so etwas wie das russische Facebook.

Als digitale Selbstverteidigung getarnt

Es ist eine Masche, die auch von PimEyes bekannt ist, einem ursprünglich in Polen entwickelten Gesichtserkennungsdienst. Beide geben sich als digitale Selbstverteidigungshelfer aus, die Menschen angeblich die Chance geben, den Missbrauch ihrer eigenen Fotos im Netz aufzudecken. Die Grundidee: Nutzerinnen und Nutzer laden ein Foto hoch, und die Dienste suchen im Netz nach Fotos mit dem gleichen Gesicht. Dass man Fotos auch beliebiger anderer Menschen hochladen kann, unterbinden sie aber nicht.

Die Bürgerrechtsorganisation AlgorithmWatch hat in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht  zusammengetragen, für welche Zwecke FindClone und PimEyes in Russland tatsächlich genutzt werden: Stalking, Doxxing, Belästigung und unzuverlässige, mehr oder weniger journalistische Recherchen. Die Beispiele belegen einmal mehr, dass Gesichtserkennungstechnologie eine Gefahr für die Privatsphäre unschuldiger Bürgerinnen und Bürger darstellen kann – insbesondere, wenn die Anbieter ihre Vergleichsfotos ungehindert im Internet zusammensammeln können, so wie es die umstrittene und vergleichsweise bekannte Firma Clearview AI  aus den USA seit Jahren macht. Die stellt ihre Dienste nach eigenen Angaben allerdings nur Behörden zur Verfügung.

Gesichtserkennung ist auch im Journalismus ein Werkzeug

FindClone gleicht die bei dem Dienst hochgeladenen Fotos vor allem mit denen auf VKontakte ab. Radio Liberty aus Tschechien hat so versucht, einen Mann zu identifizieren, der am 18. März bei den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Annexion der Krim im Hintergrund auf der Bühne stand und große Kopfhörer trug. »Es stellte sich heraus, dass es sich nicht um einen Tontechniker, sondern um ein Mitglied des Präsidentenregiments handelte«, heißt es im Bericht des Senders, also um einen von Putins Leibwächtern. Doch die Schlussfolgerung blieb nicht unwidersprochen, ein Softwareexperte von Bosch erklärte AlgorithmWatch, dass sich das Foto mit dem Kopfhörer nicht als Ausgangspunkt für eine Gesichtserkennung eigne. Die ungeklärte Frage ist nun, ob Radio Liberty die Person falsch identifiziert und damit schlimmstenfalls in Gefahr gebracht hat, egal durch welche Seite.

Investigativ arbeitende Journalistinnen und Journalisten – auch beim SPIEGEL – benutzen Gesichtserkennungssoftware für ihre Recherchen. Verantwortungsvolle Journalisten verlassen sich aber niemals auf eine einzige Quelle, um sich auf die Identität einer abgebildeten Person festzulegen. Dass Radio Liberty als zweite Quelle die Gesichtserkennung von Microsoft verwendet hat, hilft in diesem Fall wenig, zumal deren Ergebnis bei Weitem nicht eindeutig ist.

Mindestens ebenso gefährlich für die Betroffenen sind die laut AlgorithmWatch bereits seit 2019 laufenden Versuche, Sexarbeiterinnen mithilfe von FindClone zu identifizieren. Im Forum von Dvach gehe das einher mit Tipps, wie die Frauen bloßzustellen seien, etwa durch die Kontaktaufnahme mit der Familie. Dazu ist nicht mal ein Account bei dem Suchdienst selbst notwendig: FindClone-Kunden, die umgerechnet etwa fünf Dollar im Monat zahlen, geben Anfragen von anderen Neugierigen selbst ein.

Auch die russischen Behörden nutzen Gesichtserkennung, sind dazu aber nicht auf kommerzielle Dienste angewiesen. Besonders brisant: Wie die Leiterin eines Frauenhauses im Gespräch mit AlgorithmWatch erklärt, teilen die Beamten ihre Erkenntnisse mit Ehemännern, deren Frauen in eine solche Einrichtung oder vom Land in die Hauptstadt Moskau geflohen sind. Die Männer müssten lediglich eine Vermisstenanzeige aufgeben.

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