Gesichtserkennung und Überwachung Liebe Leserin, lieber Leser,

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"Made in China" ist auch nicht mehr das, was es mal war. China exportiert mittlerweile nämlich den Überwachungsstaat, schreibt die "New York Times". Überwachungstechnik, "die für Chinas politisches System entwickelt" worden sei, befinde sich bereits in 18 weiteren Ländern im Einsatz, unter anderem in Pakistan, Usbekistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Simbabwe und Deutschland.

Woher die Technik kommt, ist aber letztlich nicht entscheidend, zumal die chinesischen Firmen ihr Kapital nicht zuletzt von US-Investoren bekommen. Am Berliner Südkreuz wurden Gesichtserkennungssysteme aus Spanien, Frankreich und Israel getestet. Und das amerikanische Unternehmen Amazon verkauft seinen Gesichtserkennungsdienst Rekognition schon für wenige Dollar, zu den Kunden gehören mehrere US-Polizeibehörden.

Das macht nicht nur Bürgerrechtler, sondern sogar Amazons Aktionäre nervös, also diejenigen, die vom kommerziellen Erfolg der Technik letztlich profitieren würden. Auf der Jahreshauptversammlung am 22. Mai werden sie darüber abstimmen, ob der Verkauf an neue Kunden nur noch erfolgen darf, wenn Amazon anhand "unabhängiger Beweise" zu dem Schluss kommt, dass Rekognition nicht zur Verletzung von Bürger- und Menschenrechten beiträgt.

Aus der Studie der KU Leuven

Mein Eindruck ist: Der Fanklub von derartiger Überwachungstechnik besteht derzeit vor allem aus Innenministern. Umso wichtiger, dass es konstruktive Gegenbewegungen gibt, zum Beispiel an der Katholischen Universität Löwen (KU Leuven) in Belgien. Dort haben Forscher gerade demonstriert, wie sie Überwachungssysteme mit Pappschildern überlisten.

Sie haben dazu Motive entwickelt, die ausgedruckt und vor den Bauch gehalten werden. Das getestete Objekterkennungssystem Yolo (You only look once) hat sich von diesen Motiven derart irritieren lassen, dass es den ganzen Menschen nicht mehr als solchen erkannt hat. Zu sehen ist das in diesem Video auf YouTube.

Zwar hängt die Zuverlässigkeit der Nichterkennung unter anderem vom Winkel ab, in dem das Motiv gehalten wird. Der Trick funktioniert bisher auch nur beim System Yolo. Aber die Forscher schreiben in ihrer Studie: "Wir glauben, dass wir einen T-Shirt-Aufdruck entwerfen können, der einen Menschen praktisch unsichtbar für automatische Überwachungskameras macht."

Ich würde so ein Shirt sofort kaufen. Am besten zusammen mit einem Paar Schuhe, das durch bewegliche Kleinteile im Inneren meinen Gang verändert, um gleich auch noch chinesische Laufstil-Erkennungstechnik auszutricksen.

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Seltsame Digitalwelt: Fernseher mit Aufmerksamkeitsdefizit

Viele Jahre lang hatten meine Eltern einen Fernseher, den sie eigentlich nicht besonders gut fanden. Als er endlich den Geist aufgab und nicht mehr anging, waren sie fast froh. Jetzt haben sie einen neuen. Der kann viel mehr - zum Beispiel angehen, wenn sie es nicht wollen. Ich habe das neulich bei einem Heimatbesuch miterlebt, gleich zwei Mal an einem Wochenende. Wir haben den Untermieter im Verdacht, beziehungsweise dessen Fernbedienung für seinen eigenen Fernseher.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass es auch noch einige weitere mögliche Erklärungen für das selbstständige Einschalten gibt, etwa automatische Updates für den Electronic Program Guide. Nun könnte ich meinen Eltern eine telefonische Ferndiagnose anbieten, die auf ein "vielleicht liegt es an" hinausläuft, oder ihnen einfach sagen, dass eine abschaltbare Steckdose den Spuk beenden würde. Keine schwierige Entscheidung.


App der Woche: Swoot

getestet von Tobias Kirchner

Swoot

Swoot macht auf neue und interessante Podcasts aufmerksam. Die App ist ein kleines soziales Netzwerk, in dem sich die Mitglieder gegenseitig Podcasts empfehlen. So kann man sehen, welche Formate den Freunden gerade gefallen. Swoot ist relativ simpel gehalten und bleibt immer übersichtlich. Personen und Podcasts sind leicht zu finden, und mit einem Tastendruck lässt sich eine Empfehlung aussprechen. Außerdem bietet die App verschiedene Anmelde-Optionen, beispielsweise mit dem eigenen Google- oder Facebook-Account.

Gratis von Swoot Inc, ohne In-App-Käufe: iOS, Android


Fremdlink: drei Tipps aus anderen Medien

  • "Hey Siri, wie viele Menschen hören mich ab?" (Drei Leseminuten)



    Nachdem herauskam, dass Amazon-Mitarbeiter zufällig ausgewählte Konversationen von Kunden mit ihren Alexa-gesteuerten Geräten anhören und transkribieren, hat "Vice" Apple, Microsoft, Google und Amazon eine simple Frage gestellt: "Wie viele Menschen hören Audio-Aufzeichnungen von Nutzern ab?" Die Antworten sind bemerkenswert.



  • "15 Months of Fresh Hell Inside Facebook" (Englisch, 20 bis 30 Leseminuten)



    Als Vorbereitung auf die am Dienstag beginnende Facebook-Entwicklerkonferenz F8 bietet sich dieser lange "Wired"-Artikel an. Er bietet nie dagewesene Einblicke in das Unternehmen und seine Versuche, sich selbst zu reparieren. Obendrein enthält er so großartige Sätze wie "Investigative journalists are like pit bulls. Kick them once and they'll never trust you again."



  • "America's new voting machines bring new fears of election tampering" (Englisch, drei Leseminuten)



    Aus Angst vor Wahlmanipulation schaffen viele US-Bundesstaaten und Bezirke neue Wahlmaschinen an. Es ist ein Milliardengeschäft. Warum aber keineswegs klar ist, ob die neuen Maschinen sicherer sind als die alten, beschreibt der "Guardian".

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche,

Patrick Beuth

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
kluch 29.04.2019
1.
Extrem unpräzise Artikel. Yolo ist eine von duzenden state-of-the-art objektdetektions "Algorithmus". Wie gut dieser ist hat im Detail damit zu tun, mit welchen Daten er trainiert wurde. Yolo ist an kein Personerkennungssystem. Yolo kann als Kernkomponente für ein solches System verwendet werden. Yolo hat auch nix mit China zu tun: https://arxiv.org/abs/1506.02640 Die Aussage im Artikel ist in etwa so gehaltvoll wie zu behaupten, dass die Methode der kleinsten Fehlerquadrate total schlecht ist, weil eine Boing in Äthiopien abgestürzt ist.
Hamberliner 29.04.2019
2. geeignete T-Shirts
Ist nicht ein T-Shirt von The Coloured House (https://www.thecolouredhouse.nl/de/big-face-lowland-gorilla/de/) am allerbesten geeignet, um Gesichtserkennungs-Software abrauchen zu lassen?
alex300 29.04.2019
3. Echt jetzt? wer oder was ist Yolo, das dümmste aller Systeme?
Ich habe gerade mein 1+5 auf das Bild angehalten. Das Smartphone hat einwandfrei die beiden Gesichter erkannt. Die T-Shirts, Rechtecke oder sonst welche Details auf dem Bild waren irrelevant. Den Überwachungsstaat mit T-Shirts zu täuschen versuchen, ist extrem kindisch.
MartinHa 30.04.2019
4. OLED-Fernseher nicht per Steckdosenleiste abschalten
Ich weiß nicht, was das Problem beim Fernseher der Eltern des Autoren ist. Eine mögliche Lösung wäre, eine schaltbare Steckdose zu verwenden. Bei OLED-Fernsehern muss man davon abraten, da diese im Standby den Bildschirm "regenerieren", um die ungleiche Abnutzung zu verringern und Phantombilder und Schatten zu verhindern (technische Details habe ich jetzt nicht zur Hand). Deshalb immer im Standby lassen, oder zumindest erst nach einiger Zeit (vielleicht 1-2 Stunden?) komplett abschalten.
quark2@mailinator.com 30.04.2019
5.
Die verfügbare Rechenleistung steigt ständig und natürlich werden auch die Algorithmen besser, bzw. bekommt man bessere Sets von Beispielbildern für das Maschinelle Lernen. Entsprechend werden alle diese Lösungen nur kurze Zeit funktionieren und vor allem gibt es ja nun hunderte verschiedene Lösungen und was bei der einen Kamera funktioniert, scheitert bei der nächsten. im Moment kommen gerade die 3D-Kameras auf Basis vom Time of Flight, gern in Kombination mit normalen Kameras, ... Mit anderen Worten, vergeßt es, Leute. Wenn Ihr keine Überwachung auf Schritt und Tritt wollt, dann geht das aus meiner Sicht nur über die Politik, nicht über die Technik. Man muß das verbieten, nicht überlisten. Und wer eine gute Idee zum Überlisten hat, muß diese für sich behalten, denn alles was sich in der Breite durchsetzt, wird technisch gelöst werden.
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