Aufschrei in Mexiko "Heute wirst du sterben"

Mit einem Video suchte eine junge Frau auf Twitter in Mexiko nach einem Mann, der sie belästigt hat - und bekommt im Netz Morddrohungen. Nun debattiert das Macholand Mexiko über Gewalt gegen Frauen.

Andrea Noel

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Drogenhändler, die ihren Rivalen die Köpfe absägen, oder Männer, die eine Vergewaltigung gestehen: In Mexiko zirkulieren so brutale Videos, dass Andrea Noel überrascht war, dass sich ihr eigenes Video so stark verbreitete. In Mexiko ist sie nun landesweit bekannt, dank ihrer Suche nach einem Grapscher per Twitter.

Am 8. März, ausgerechnet am Frauentag, lief die 26-jährige Amerikanerin nachmittags durch Condesa, ein wohlhabendes, als sicher geltendes Viertel von Mexiko-Stadt, als ein Mann ihr von hinten das Kleid hochriss und ihren Slip herunterzog, sie dabei fast zu Boden riss, dann flüchtete.

Das Überwachungsvideo, das sie von einem Haus in der Nähe des Überfalls erhielt, gab sie an die Polizei weiter - und veröffentlichte es auf Twitter. "Falls jemand diesen Idioten erkennt, identifiziert ihn bitte", schrieb sie dazu. "Frauen sollten in der Lage sein, ruhig durch die Stadt zu laufen."

Noel erreichte im Netz eine Welle des Hasses

Dann kam das Echo: Die Online-Selbstjustiz katapultierte sie ins Zentrum einer vor allem im Netz hitzig geführten Debatte über Gewalt gegen Frauen - und kostete sie ihr Leben in Mexiko-Stadt. Vergangene Woche hat sie ihre Wohnung geräumt und ist zurück nach New York gezogen, weil sie den Hass und die Morddrohungen nicht mehr aushielt, sich nicht mehr sicher fühlte.

"Blonde Scheißschlampe. Wenn ich dich sehe, werde ich dir nicht nur den Rock hochheben, sondern dich umbringen", schrieb einer. "Der Boss hat den Befehl schon gegeben. Heute wirst du sterben", so ein anderer. Auf Twitter erhielt Noel Fotos von Waffen.

Männer veröffentlichten ihre Adresse im Internet, in einer Nacht richtete jemand durch das Fenster einen Laserpointer auf sie. Zurzeit checkt sie ihre Social-Media-Accounts nur noch sporadisch: "Es fühlt sich wie ein Berg schmutziger Wäsche an."

Organisierte Internet-Trolle

Sogar eine Trollfabrik, die auf ein Netz von gefälschten Profilen und zum Teil auch auf Bots setzt, wurde für die Online-Hasskampagne gegen Noel eingesetzt. Auf Twitter trendete der Hashtag #MujerGolpeadaEsMujerFeliz. Eine verprügelte Frau ist eine glückliche Frau, heißt er übersetzt.

Aktivisten der Plattform "Lo Que Sigue" haben sich die Konten näher angeschaut, die den Hashtag verbreiteten, und kommen zum Schluss, dass es sich um ein Heer von Trollen handele, die in der Vergangenheit schon für verschiedene Regierungen, Parteien oder Firmen gearbeitet haben. Die Trolle sind die organisierten Schlägertrupps des Internets. Diese Gruppe würden mit künstlich erzeugten Trends Gewalt normalisieren. Wer genau diesmal den Frauenhass befeuerte, wissen die Analysten aber nicht.

Andrea Noel
Andrea Noel

Andrea Noel

Noel, die aus Mexiko als freie Reporterin für US-Medien berichtete, hat vorher schon brutalere Überfälle erlebt. Sie wurde mit einem Messer bedroht, Angreifer brachen ihr die Nase - ohne Folgen. "Jedes Mal, wenn ich etwas angezeigt habe, hat die Polizei nur mit Schweigen reagiert", sagt sie. "Aber diesmal gab es ein Video."

Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig in Mexiko

Die Debatte um ihre Suche auf Twitter zeigt, wie alltäglich verbale, aber auch physische Attacken auf Frauen in Mexiko sind. "Einen Monat nach dem Überfall ist das Thema immer noch in den Nachrichten, Dutzende anderer Fälle werden nach und nach öffentlich, die mexikanischen Medien haben das Thema jetzt auf der Agenda", sagt sie.

Übergriffe auf Frauen sind alltäglich, die Dunkelziffer ist wie überall hoch, die meisten Übergriffe bleiben folgenlos. 72 Prozent der Frauen in Mexiko-Stadt haben dem Statistikinstitut INEGI zufolge sexuelle Belästigung erlebt, seit 2011 wurden in Mexiko mindestens drei Millionen Frauen Opfer sexueller Gewalt.

Ende der Neunzigerjahre wurde die Grenzstadt Ciudad Juárez als Hauptstadt der Frauenmorde bekannt, immer wieder tauchten die Leichen gefolterter, vergewaltigter Frauen auf Brachflächen oder in der Wüste auf.

Heute sind Frauenmorde auch in anderen mexikanischen Bundesstaaten wie dem Bundesstaat Mexiko, der an die Hauptstadt grenzt, ein Massenphänomen. Zum Teil werden Morde als Selbstmorde deklariert, Frauen dafür verantwortlich gemacht, dass sie alleine unterwegs waren oder sich mit den falschen Männern abgegeben haben.

Online-Drohungen gegen Aktivistinnen

Auch die in Mexiko beliebten Narcocorridos, Volkslieder über die Drogenkartelle, verherrlichen die Gewalt. In dem Musikvideo "Fuiste Mía", "Du warst mein", tritt der Sänger Gerardo Ortiz als eifersüchtiger Macho auf, der seine Freundin im Kofferraum eines Autos verbrennt. Erst jetzt wurde das Anfang 2016 veröffentlichte, millionenfach geklickte Video nach Protesten und einer Onlinepetition von Portalen wie YouTube und Vevo gelöscht.

Gegen den Machismo setzt sich die junge Generation online wie offline zur Wehr. Die Studentinnen des Künstlerinnenkollektivs "Las Hijas de Violencia", "Töchter der Gewalt", beschießen Männer, die sie auf der Straße belästigen, mit Konfetti-Pistolen und beschallen sie mit Punk-Songs - auch sie werden online mit Mord und Vergewaltigung bedroht.

In der vergangenen Woche haben ein Dutzend in Burkas gekleidete Frauen in der U-Bahn gegen Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln protestiert, mit Schildern wie "Muss ich mich so anziehen, damit du mich respektierst?".

Täter identifiziert - dank Hinweisen aus dem Netz

Im Fall von Andrea Noel wird immerhin ermittelt - obwohl sie sich wenig Hoffnungen macht, dass der Täter hart bestraft wird. "Ich ziehe das durch, um die Absurdität des Systems zu zeigen, zu zeigen, was alles schiefläuft", sagt sie. "Alles geht wahnsinnig langsam, obwohl es in meinem Fall klare Beweise gibt, ich als Amerikanerin noch mehr Aufmerksamkeit habe, das Ganze in einem wohlhabenden Viertel passiert ist, es viel Social-Media-Druck gibt und sogar einen Verdächtigen." Wenn einer Mexikanerin in einem entlegenen Dorf etwas ähnliches passiert wie ihr, gäbe es nicht so viel Aufmerksamkeit, so Noel.

Nicht die Polizei, sondern Crowdsourcing hat den Täter identifiziert: Tausende Twitter-Nutzer hatten Noel nach ihrem Aufruf Namen möglicher Täter, Links zu Facebook-Profilen und Fotos zugeschickt. Schon zwei Tage nach dem Überfall wusste sie, wer der Angreifer war. Bis der Fall vor Gericht kommt, kann es Noel zufolge noch ein halbes Jahr dauern.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
frenchie3 17.04.2016
1. Das Phänomen welches ich nicht verstehe
Ob durch Religion verordnet oder oder als Ergebnis einer Machokultur wo der Mann nur als Mann gilt wenn er brutal ist: alle diese Pfeifen werden von Frauen großgezogen. Wieso schaffen es die Frauen nicht langsam aber sicher einen Grundstein für ein vernünftiges Verhalten anzuerziehen? Im Laufe vieler Jahre müßte man doch irgendwie Vernunft in die Hirne bekommen? Oder die indische Version: Frauen rotten sich zusammen und geben so manchem Kerl was er verdient. Gefällt mir übrigens, die Lernergebnisse sollen dauerhaft sein
fiftysomething 17.04.2016
2. Mexiko
Gewalt, Mord und Vergewaltigung sind immer ein Zeichen von Schwäche. Was haben Frauen hier in Europa erdulden müssen, bevor sie einigermaßen die gleichen Rechte hatten wie wir Männer. Diese patriarchalischen Gesellschaften auf der ganzen Welt sind auf dem Weg hin zu einer gerechten Gesellschaft. Vielleicht geht es mit Hilfe der Öffentlichkeit ein bisschen schneller, auch im Sinne der Opfer. Ich werde nie im Leben nach Mexiko gehen, genauso wenig wie in jeden Staat, in dem Frauen und auch jedes andere Mitglied dieser Gesellschaft unterdrückt, verachtet und ermordet wird. Es wäre so einfach, diese Staaten zu zwingen, ihre Praktiken aufzugeben: kein Tourismus mehr, Drogen legalisieren, die Ursachen von Drogenmissbrauch angehen, Menschen aus ihren Traumen herausbegleiten. Jedem Menschen geht es um Anerkennung, manche versuchen es über Drogenhandel. Macht und Reichtum sind ein zu starker Reiz, mit Liebe und Wertschätzung ist für viele kein Blumentopf zu gewinnen.
CancunMM 17.04.2016
3. @fiftysomething
soso einfach..... das ist Sozialromantik. Wenn Sie den Drogenhandel legalisieren, finden diese Menschen eben etwas anderes was Geld und Macht verleiht. Wie es ja auch schon geschieht. Wettbetrug, Schutzgelderpressung, Menchenhandel.
peterbruells, 17.04.2016
4.
Zitat von frenchie3Ob durch Religion verordnet oder oder als Ergebnis einer Machokultur wo der Mann nur als Mann gilt wenn er brutal ist: alle diese Pfeifen werden von Frauen großgezogen. Wieso schaffen es die Frauen nicht langsam aber sicher einen Grundstein für ein vernünftiges Verhalten anzuerziehen? Im Laufe vieler Jahre müßte man doch irgendwie Vernunft in die Hirne bekommen? Oder die indische Version: Frauen rotten sich zusammen und geben so manchem Kerl was er verdient. Gefällt mir übrigens, die Lernergebnisse sollen dauerhaft sein
Väter leisten auch Erziehungsarbeit, direkte und indirekte. Und wenn die ständig vorleben, dass Männer und Jungen wichtiger und wertvoller sind als Frauen und Mädchen, letztere zu kuschen und zu schweigen haben, dann wird dieses Bild fröhlich weiter transportiert. Dann haben sie halt 8 Jahre alte konservativ-türkisch sozialisierte Kinder, die das Konzept, dass eine Grundschullehrerin ihnen durchaus was zu sagen hat, nicht ablehnen, sondern schlicht nicht verstehen.
AxelSchudak 17.04.2016
5.
Zitat von frenchie3Ob durch Religion verordnet oder oder als Ergebnis einer Machokultur wo der Mann nur als Mann gilt wenn er brutal ist: alle diese Pfeifen werden von Frauen großgezogen. Wieso schaffen es die Frauen nicht langsam aber sicher einen Grundstein für ein vernünftiges Verhalten anzuerziehen? Im Laufe vieler Jahre müßte man doch irgendwie Vernunft in die Hirne bekommen? Oder die indische Version: Frauen rotten sich zusammen und geben so manchem Kerl was er verdient. Gefällt mir übrigens, die Lernergebnisse sollen dauerhaft sein
Kann es sein, dass Sie gerade Frauen die Schuld an der Gewalt gegen Frauen geben? Wo Gewalt geduldet und vorgelebt wird, werden Menschen gewalttätig. Nicht alle, aber zu viele, um sicher zu leben.
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