Gewalt in Großbritannien Web-Gemeinde verspottet die Plünderer

Was tun gegen den Gewalt-Exzess? Das Netz reagiert auf die Randale in Großbritannien: Photoshop-Künstler machen sich über die Plünderer lustig, Online-Bürgerwehren wollen auf Fotos mutmaßliche Täter identifizieren - und gut 170.000 Menschen trinken erst mal eine gepflegte Tasse Tee.
Photoshoplooter: In dieser Bildmontage klauen Plünderer ein Justin-Bieber-Poster

Photoshoplooter: In dieser Bildmontage klauen Plünderer ein Justin-Bieber-Poster

Hamburg - Drei vermummte Jugendliche stürmen in London aus einem Laden, dessen Schaufenster eingeschlagen sind. Einer hält seine Beute aus dem geplünderten Geschäft in beiden Händen: Ein riesiges Justin-Bieber-Porträt .

Dieses Bild ist natürlich eine Montage, auf der Originalaufnahme trägt der mutmaßliche Plünderer nur eine prall gefüllte Umhängetasche . Ein Unbekannter sammelt im Web solche Fotomontagen der Fotos von Plünderungen aus London.

Auf Photoshoplooter  (Photoshop-Plünderer) hat der junge Mann, der sich im Originalbild lachend einen Flachbildfernseher  an die Brust presst, ein übergroßes Akkordeon  in den Händen. Und der Typ, der vor einem brennenden Auto steht und so aussieht, als hätte er gerade etwas geworfen ? Als Photoshoplooter krault er ein Pony . Der Vermummte, der die wohl eben gestohlenen Jeans in seinen Händen betrachtet? Auf einer Bildmontage betrachtet er interessiert eine Sesamstraßen-LP .

Die Montagen kann man als geschmacklos bewerten - ihren Witz beziehen sie aus dem krassen Missverhältnis von Zerstörung und Gewalt zu den niedlichen hineinkopierten Objekten der Begierde: Pony, Akkordeon, Justin Bieber. Wie auch immer man diese Form der Auseinandersetzung mit den Krawallen bewertet: Es scheint ein Bedürfnis nach bestimmten Formen der Echtzeit-Unterhaltung zu geben. Wer die Montagen auf Photoshoplooter im Web weiter empfiehlt, so wie Hunderte es tun, will irgendwie reagieren - und zwar sofort.

Online-Bürgerwehr will Plünderer identifizieren

Sich über die Plünderer lustig zu machen, ist eine Form der Auseinandersetzung. Es gibt auch andere: Einen Tag lang rief das Blog Catchalooter  (Fang einen Plünderer) Menschen dazu auf, die Unbekannten auf Fotos von Plünderungen zu identifizieren und sie anonym bei Crimestoppers, einer Organisation zur Verbrechensbekämpfung, zu melden. Inzwischen hat der unbekannte Urheber die Aktion wieder abgeblasen. Er oder sie schreibt: "Wir können hier nicht einfach Namen von Menschen wegen eines Fotos nennen. Viele der Aufnahmen, die mir nun zugeschickt werden, können alles mögliche bedeuten - die meisten offensichtlichen Fotos sind schon veröffentlicht worden."

Inzwischen ruft die Website Zavilia  zu einer ähnlichen Aktionen auf, der Anbieter veröffentlicht Fotos und bittet um Hinweise zu erkennbaren Personen: "Wenn ein Randalierer von mehreren Personen identifiziert wird, leiten wir die Informationen an die Polizei weiter."

US-Medien berichten  von einer geschlossenen Google-Gruppe namens "London Riots Facial Recognition" , in der angeblich diskutiert wird, wie mit Gesichtserkennungs-Software die Personen auf Fotos von Plünderungen identifiziert werden können. Konkrete Ergebnisse sind bislang nicht bekannt. Im Prinzip wäre so etwas möglich, das zeigen die Ergebnisse von US-Wissenschaftlern. Allerdings dürfte in London die notwendige Rechenzeit zum Abgleich der Aufnahmen mit öffentlich zugänglichen Fotos bei Facebook enorm sein - es sei denn, man kann die Gegend, aus der mutmaßliche Plünderer stammen sollen, weiter eingrenzen.

Wie solche Online-Aktionen, die bedenklich nahe an der Selbstjustiz sind, entstehen, beschreibt der Schöpfer der Seite Catchalooter in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Er - oder sie - will anonym bleiben. Er komme aus Großbritannien, mehr will er nicht verraten.

Eine gepflegte Tasse Tee als Protest

Die Idee sei ihm beim Lesen von Twitter-Nachrichten gekommen: "Mich brachte eine Bemerkung auf die Idee. Jemand twitterte, wir sollten Social Media nutzen, um einige der Plünderer zur Rechenschaft zu ziehen." Es beunruhige ihn, dass es in der Gesellschaft die Ansicht gäbe, Plündern sei "in Ordnung", man könne so ohne weitere Konsequenzen seine Zeit verbringen "und nebenbei ein paar Dinge kostenlos abstauben". In einer Stunde habe er die Seite aufgesetzt, dann lief es von allein.

Dem Bedürfnis, etwas zu tun, irgendwie aktiv zu werden, kommen viele Londoner nicht nur online nach. Bei der Aktion "riotcleanup" organisieren sie sich im Netz, um ein wenig aufzuräumen an den Orten der Verwüstung - ganz in echt. Über Blackberry-Nachrichten wurden offenbar die Krawalle organisiert, über Twitter und Facebook nun das Reinemachen verabredet. Mehr als 85.000 Twitter-Nutzer haben sich @Riotcleanup  angeschlossen, britische Medien berichten , dass Hunderte dem Aufruf am Dienstag in London tatsächlich folgten, ausgerüstet mit Besen, Handschuhen und Müllbeuteln. Am Mittwoch rückte die Besen-Wehr unter anderem in Liverpool aus.

Weniger Aufwand braucht es, um an der "Operation Cup Of Tea"  teilzunehmen: Gut 170.000 Facebook-Mitglieder haben sich angemeldet, als Protest gegen die Randalierer daheim eine gepflegte Tasse Tee zu trinken und sich dabei zu fotografieren, statt die Geschäfte in der Nachbarschaft anzuzünden.

Eine Teilnehmerin schreibt: "Alles hält inne für einen Tee - ich wünschte, es wäre so."

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