Gewaltspiele im Internet Wie viel Selbstkontrolle ist Zensur?

Am Donnerstag machte der Bundeskanzler Ernst: PC-Spiele-Anbieter und -Produzenten wurden ins Kanzleramt eingeladen, um eine Diskussion zu führen, die fürs Internet überfällig ist: über Moral in einer unzensierten Welt.
Von Holger Kulick

Berlin - Das Projekt ist eine Gratwanderung. Am Donnerstagabend rief der Bundeskanzler und sein Staatsminister für Kultur und Medien, Julian Nida-Rümelin, einen zweiten Runden Tisch gegen Gewalt ins Leben. Diesmal nicht mit Fernsehmachern, sondern Netzprovidern und Computerspielherstellern. Dabei soll diskutiert werden, was der Kabinettsbeschluss vom vergangenen Mittwoch bedeutet, in dem festgehalten ist, PC-Spiele und Videos mit "menschenunwürdigen Darstellungen" zu verbieten.

Worum es dem Kanzler geht, hatte er vor einer Woche bereits in einem offenen Brief formuliert: Um die Wiederholung einer Bluttat wie in Erfurt zu verhindern, "so weit das menschenmöglich ist". Dafür sollen alle Bestimmungen des Jugendschutzes überprüft werden, insbesondere im Bereich Medien.

Er glaube, dass der Amoklauf "den Umgang unserer gesamten Gesellschaft mit gewaltdarstellenden Medien aller Art grundlegend ändern könnte", schrieb Schröder. Zwar werde wohl niemals ein unmittelbarer wissenschaftlicher Beweis für einen direkten Zusammenhang von Taten wie in Erfurt und der Darstellung von Gewalt vorliegen. "Aber ist das überhaupt notwendig?" Es dürfe nicht sein, dass junge Menschen heutzutage in den elektronischen Medien derart viel Gewalt unter dem Begriff "Unterhaltung" angeboten bekämen. Er denke, dies habe sehr wohl Einfluss auf die Seele eines Jugendlichen.

Wer aber wie der Kanzler für die freiwillige Selbstkontrolle plädiert, zieht weniger den Zorn der Industrie, als den Zorn der Internetgemeinde schnell auf sich. "Es wäre keine Selbstzensur, wenn Provider was gegen solchen Content unternehmen würden. Es wäre echte Zensur", schrieb vor einer Woche ein erboster Leser an SPIEGEL ONLINE, als in einem zugespitzten Denkanstoß nicht nur auf gewaltverherrlichende Spiele, sondern auch Texte in Internetforen hingewiesen wurde, in denen der skrupellose Umgang mit Pumpguns anschaulich geschildert wird.

Ist Jugendschutz bereits Zensur?

Für einen der dort aufgeführten Texte hatte die Veröffentlichung sogar Konsequenzen. So stand unter der Rubrik Horror-Geschichten unter www.horrorgifs.de bis vor kurzem eine Short Story mit dem Titel "two hours shit", in der ein Rachefeldzug mittels Pumpgun regelrecht zelebriert worden war. Jetzt steht unter der Eintragung: "Diese Geschichte wurde von Jugendschutz.net verboten", und ein Macher von Horrorgifs.de begründet, warum.

Die Selbstkontrolleinrichtung der Bundesländer habe brieflich beanstandet, dass besagter Text ("Jim schießt ihr den Kopf mit der Pumpgun in Stücke...") als "unzulässiges Angebot frei zugänglich" sei, doch Geschriebenes von diesem Kaliber dürfe nach den gesetzlichen Bestimmungen "nur Erwachsenen in einer geschlossenen Benutzergruppe zugänglich gemacht werden".

Um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, habe er sich entschlossen, die Geschichte aus dem Netz zu entfernen, teilt der Horrorgeschichten-Anbieter mit und polemisiert: "Eigentlich wollte ich ja demokratisch die Besucher von Horrorgifs.de abstimmen lassen, aber wie ihr ja selbst seht, ist es mit der Demokratie nicht mehr so weit her in Deutschland. Hauptsache ein paar Leute haben nun ihr Gewissen beruhigt. Nun passiert so was wie in Erfurt bestimmt nie wieder...".

Dabei hat Horrorgifs.de nach anfänglichen Kritiken tatsächlich vorbildlicher auf die Geschehnisse von Erfurt reagiert als andere Netzanbieter und zumindest ein eigenes Diskussionsforum über Erfurt und die Folgen eingerichtet. Der Tenor der (leider wenigen) Teilnehmer ist aber auch hier: "Massaker gab es schon vor Erfindung der Schrift, geschweige denn dem Fernseher oder PC!!!".

Dass abstumpfende Videospiele, Texte und Filme auch ein Puzzlestein in der Psyche eines Gewalttäters wie Robert S. in Erfurt sein könnten, diese Gefahr wird allerdings weitgehend negiert, weil es scheinbar nicht im Vorstellungsbereich vieler Internetnutzer liegt, dass aus Spiel auch Ernst werden kann. Stattdessen wird gerne der Gemeinschaftsgeist bei Lan-Partys oder Browser-Spielen gelobt oder sich selbst ein ruhiges Gewissen attestiert.

Ein Beispiel bei Horrorgifs: "Ich spiele sehr gerne solche Spiele wie CS und UT, dass tue ich schon seit den Zeiten von Doom. Horrorfan bin ich schon seit etwa 27 Jahren. Dennoch, fliegt bei mir in der Wohnung 'ne nervige Fliege 'rum, wird diese mit der Hand gefangen und aus dem Fenster spediert ... Also ich tue trotz meiner EXTREMEN Vorbelastung keiner Fliege was zuleide. Ich bin seit der 9. Klasse in keine Schlägerei mehr verwickelt gewesen oder habe jemanden geschlagen... Wieso ??? Bin ich immun? NEIN Das Problem ist ganz einfach nicht dort, wo es die Gesellschaft sucht !!!"

Aber liegt es nicht auch hier? Zwar besteht das Puzzle Robert S. aus vielen Teilen: Familie, Schule, Gesellschaft und viele andere Einflussforen. Aber dass alltäglich trainierte Gewalt im Schießstand und auf dem PC-Monitor auch Puzzlesteine in dessen Psyche sind, steht außer Frage, möglicherweise hat ihn das besonders cool und skrupellos beim Töten gemacht. Immerhin besaß der Erfurter Massenmörder einschlägige Videos und 35 brutale Computerspiele, zählte die Polizei.

Das Internet unter Pauschalverdacht?

Dennoch ist die Internet-Community entsetzt, plötzlich unter Generalverdacht zu stehen. Auch SPIEGEL ONLINE erhielt seit voriger Woche mehrere hundert E-Mails, nachdem unter dem Titel "Drehbücher zum Amoklauf" aus drei überaus brutalen literarischen Texten zitiert worden war, auf die wir durch eine Zufallsrecherche unter dem Stichwort "Pumpgun" stießen.

"Wann werden denn die Märchen der Gebrüder Grimm verboten?", fragten empörte Leser und beschimpften den SPIEGEL-ONLINE-Denkanstoß pauschal als "Dünnsäureverklappung". Und bei zyn.de wurde sich unter der Überschrift "The Gutmenschen Gesellschaft strikes back" über die "Geburt der Zensur aus dem Zeitgeist der Bigotterie" mokiert.

"In Discotheken oder auf großen Veranstaltungen wie dem Oktoberfest kommt es fast immer zu Schlägereien (also Gewalt), während ich bisher noch nie von gewalttätigen Auseinandersetzungen bei Lans (Computertreffen) mit bis zu 2000 Personen gehört oder selbst miterlebt habe. Die Politiker und die Medien müssen endlich lernen, dass der (extrem große) Hauptteil der Spieler NICHT zu solcher Gewalt neigt, wie es momentan von den Medien dargestellt wird. Solche 'Amokläufe' gab es auch schon vor der Epoche der PC-Spiele...", so ein weiterer Leser.

Andere machen auf Studien aufmerksam, die belegen sollen, dass PC-Games wirklich harmlos sind: "Schon einmal darüber nachgedacht, dass es Menschen gibt, die zwischen medialer, virtueller und realer Gewalt moralisch unterscheiden können? Und darüber, dass ein Mensch, der das nicht kann, dermaßen psychisch gestört ist, dass er auf jeden Fall gewalttätig werden wird, egal wie viele oder wenige Computerspiele / Videos / gewalthaltige Texte er nutzt?" Lässt sich das aber wirklich auf alle Nutzer des Webs so verallgemeinern?

Der Macher der Website kaschemme.de widmete SPIEGEL ONLINE sogar mehrere Thesen, in denen er sich hauptsächlich darüber beschwerte, dass ausgerechnet aus seinem vielfältigen Angebot ein offenbar imageverzerrender Text einer seiner Autorinnen zitiert worden war: "Aus dem Schlaf gerissen, schnappt sie sich die am Bett lehnende Pumpgun... Fenster auf, ein paarmal schießen, horchen - endlich Ruhe..... ...Ein Fahrradkurier hält neben ihr an und fragt sie nach einer Adresse. Sie lächelt. Er lächelt zurück. Sekunden später knallt sein Kopf auf den Lenker. Sarah zündet noch schnell seinen buschigen Haarzopf an und drückt ihm eine herumliegende, zersplitterte Bierflasche in den durchtrainierten Bauch...." Ob Satire oder schwarzer Humor, darf so etwas frei von Kritik sein?

Doch prompt schimpfte der "Kaschemmenwirt", als wäre er zum Verantwortlichen der Bluttat von Erfurt erklärt worden: "Lieber Holger 'McCarthy' Kulick: Der Begriff, den auf die Kaschemme anzuwenden Du vergessen hast, ist 'entartete Kunst', nicht wahr?". Dabei ging es nur um einen Beispieltext über grenzenlose Pumpgun-Gewalt, mit dem sich der Wirt allerdings weniger befasste.

Wie schon einmal gesagt: "Wahnsinn lässt sich nie verhindern, aber verringern", steht auf einem Zettel im Blumenmeer von Erfurt. Dieser Appell gilt auch im Netz.

Ein ausführlicher Bericht über das Kanzlertreffen der PC-Spieleproduzenten folgt am Freitag