Globales Mitleid Weltraum-Räuber trauern um Mordopfer

Im PC-Spiel "Eve Online" wird geraubt, gemordet und betrogen. Nun wurde eine Spielerin in der Realität Opfer eines brutalen Mordes - und die globale Spielergemeinde trauert. Der Mann des Opfers nutzt die unerwartete Öffentlichkeit, um Druck auf die Ermittler zu machen.

Im All hieß Dorthy McReynolds Beachie88. Sie arbeitete dort für ein Unternehmen namens Caldari Space Ventures, dem auch ihr Gatte Fordfan angehörte - er als Kampfpilot und Händler, sie in eher friedlicher Funktion, als Sammlerin von Mineralien und Material. Im Multiplayerspiel "Eve Online" durchstreiften die beiden den Weltraum, Nacht für Nacht, manchmal bis in die Morgenstunden. Und sie fanden Freunde. Freunde, die Beachie88 jetzt betrauern. Denn Dorthy McReynolds ist ermordet worden.

Von den Kondolenzbekundungen im Forum von "Eve Online" ist auch ihr Mann Kenny McReynolds überwältigt, der im Spiel eben Fordfan heißt. Knapp 600 Spieler haben bis heute kurze Beileidsnachrichten hinterlassen, vom schlichten "Sie ruhe in Frieden" bis hin zu langen Trauergedichten. Zehntausende haben den eigens eingerichteten Forums-Thread angeklickt, Blogs und andere Spieler-Foren verlinken dorthin. "Ich werde mein Schiff in Beachie88 umbenennen", hat einer geschrieben, eine andere schreibt - und macht damit die Merkwürdigkeit dieser Trauergemeinde deutlich: "Ich hatte nie das Vergnügen, mit ihr zu fliegen oder wenigstens auf sie zu schießen, aber es ist wirklich traurig, wenn jemand so sein Leben verliert."

Dorthy McReynolds wurde nicht einfach Opfer eines Verbrechens. Sie wurde in ihrem eigenen Haus in Hollywood erschossen, mit drei Kugeln in den Kopf. Der Täter trug einen schwarzen Kapuzenpullover, ein Tuch vor dem Mund, schwarze Handschuhe und eine Pistole. Nachdem er McReynolds niedergeschossen hatte, traf er auch noch ihre 19-jährige Tochter unterhalb des Knies mit einem Schuss, dann machte er sich davon.

McReynolds überlebte im Krankenhaus noch ein paar Tage lang, wurde von den Ärzten allerdings schon kurz nach der Tat für hirntot erklärt. Die Familie gab elf ihrer Organe als Organspenden frei, ihr Mann sagte der Zeitung "Sun Sentinel" aus Florida, sie sei "großzügig gewesen, im Leben wie im Tod". Er bleibt mit sieben Kindern zurück, alle aus früheren Ehen der beiden Eltern. Quer durch die USA berichteten die Medien, vom Fernsehsender CBS4 bis hin zum "Miami Herald".

"Ich blas dich weg", hatte der Täter zu ihr gesagt

Die Polizei vermutete zunächst einen Raubmord - dann aber wurde klar, dass nicht zum ersten Mal eine Waffe auf Reynolds gerichtet worden war. Wenn sie nicht als Mineraliensammlerin durchs virtuelle All flog, arbeitete sie in einem Laden, der Schecks in Bargeld umtauscht. Im Jahr 2004 wurde der Laden überfallen, Reynolds blickte in den Lauf einer Waffe und wurde mit den Worten "Ich blas dich weg" bedroht. Der Täter wurde nach einer längeren Belagerung durch die Polizei schließlich verhaftet.

Am 7. Mai, dem Tag an dem McReynolds erschossen wurde, sollte der Mann endlich vor Gericht kommen. Er erschien auch tatsächlich zum Termin, allerdings nur, um mit Hilfe seines Anwaltes das Prozessdatum erneut zu verschieben. Reynolds war zu diesem Zeitpunkt schon niedergeschossen worden. Der mutmaßliche Täter von 2004 war, berichtet der "Sun-Sentinel", gegen eine Kaution von 75.000 Dollar auf freien Fuß gesetzt worden. Inzwischen ist der Mann wieder in Haft - allerdings wegen Verstoßes gegen seine Bewährungsauflagen, nicht wegen Mordverdachtes.

Der Mann des Opfers ist sich augenscheinlich ziemlich sicher, wer für den Tod seiner Frau verantwortlich ist. Er nutzte das "Eve"-Forum  nicht nur, um für die Anteilnahme zu danken - sondern auch, um seine Sicht der Dinge klarzustellen: "Beachie88 wurde nicht bei einem Einbruch getötet, es war ein gezielter Mord. Ihr wurde im Stil einer Exekution drei Mal mit einer automatischen Pistole in den Hinterkopf geschossen." Nicht zum ersten Mal formierte sich um eine reale Tragödie eine globale ad-hoc-Öffentlichkeit, deren Empörung in die traditionellen Medien überschwappte - und womöglich den weiteren Gang der Ereignisse beeinflussen wird.

Blumen aus der ganzen Welt

Den Spielern im Forum von "Eve Online" geht es dabei weniger um Schuld oder Unschuld, um mögliche Täter - sie haben nur das Gefühl, dass einer aus ihrer Mitte etwas Entsetzliches wiederfahren ist. Kenny McReynolds ist überwältigt von der Anteilnahme aus unerwarteter Richtung. "Gerührt ist gar kein Ausdruck für das was ich fühle", sagte er dem "Miami Herald". Noch immer klingele ständig sein Telefon. Spieler, denen er nie persönlich begegnet sei, schickten Blumen und Beileidsbekundungen. Manche kommen sogar aus Europa.

Dass Netz-Communitys um Tote trauern, ist nichts Neues - von MySpace bis "Second Life" gibt es immer wieder Online-Totenwachen und digitale Trauer. "Eve Online" aber ist eigentlich ein ziemlich kriegerisches Spiel: Die etwa 170.000 Abonnenten treiben nicht nur Handel und schürfen digitale Mineralien, sie betrügen, bestehlen und töten einander unter Umständen auch - natürlich nur virtuell. Ein Spieler mit dem Spiel-Namen Marakish schrieb ins Forum: "In Zeiten wie dieser sieht man, dass dies hier nicht nur ein Spiel ist, und dass die Symbole auf dem Bildschirm etwas bedeuten, und dass es immer noch möglich ist, über das Internet mit anderen Menschen mitzufühlen."

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